Die Zwei von der Talkstelle

Gespräche aus der Selfpublisher- und Buchbubble

DZVDT #249 - Hinter den Kulissen von Suhrkamp; Martina Wunderer ist Lektorin beim Literaturverlag

Martina Wunderer ist Lektorin bei Suhrkamp und gewährt uns in dieser Folge spannende Blicke hinter die Kulissen. Sie spricht über gewachsene Beziehungen, die Pein der Klappentexte und ob Berthold Brecht einen Farbschnitt braucht zum BookTok-Star.

13.02.2025 60 min

Zusammenfassung & Show Notes

Wie läuft eigentlich der Arbeitsalltag einer Lektorin bei einem großen Literaturverlag ab? Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den Autor:innen? Und vor allem: Wie kann ich so einen Verlag für mich begeistern?

Martina Wunderer ist Lektorin bei Suhrkamp und gewährt uns in dieser Folge spannende Blicke hinter die Kulissen. Sie spricht über gewachsene Beziehungen, die Pein der Klappentexte und ob es einen Farbschnitt brauchte, um Berthold Brecht zum BookTok-Star zu machen. 

Wie läuft eigentlich der Arbeitsalltag einer Lektorin bei einem großen Literaturverlag ab? Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den Autor:innen? Und vor allem: Wie kann ich so einen Verlag für mich begeistern?

Martina Wunderer ist Lektorin bei Suhrkamp und gewährt uns in dieser Folge spannende Blicke hinter die Kulissen. Sie spricht über gewachsene Beziehungen, die Pein der Klappentexte und ob es einen Farbschnitt brauchte, um Berthold Brecht zum BookTok-Star zu machen.

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Martinas Buchtipp:
'Auf allen vieren' von Miranda July:
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Transkript

Vera
00:00:00
In Folge 249 von die zwei von der Talkstelle schauen wir in einen größeren Verlag. Wir schauen nach Surkamp. Martina Wunderer ist da. Sie ist Lektorin für die deutschsprachige Literatur in diesem Verlag und hat uns genaue Einblicke gegeben, wie ihr Arbeitsalltag aussieht und wie so ein Verlag arbeitet.
Tamara
00:00:21
Ich möchte fast sagen, Martina hat uns in eine fremde Welt entführt, denn wie AutorInnen mit LektorInnen bei Surkamp und vergleichbaren Verlagen zusammenarbeiten, unterscheidet sich doch von unserer Self-Publishing-Welt. Also hört auf jeden Fall rein, es ist sehr, sehr spannend. Die zwei, Hier ist Folge 249 von die 200-Talk-Stelle. Mir gegenüber sitzt wie immer die liebe Vera Nentwig. Ich bin auch wie immer Tamara Leonhardt. Hallo.
Vera
00:01:07
Hallo. Ja, dass ein paar Dinge doch wie immer sind.
Tamara
00:01:13
Beruhigend, ne?
Vera
00:01:14
Absolut, absolut. Das ist so eine gewisse Stabilität. Da sehnt man sich ja heutzutage noch zu. Aber geht es dir wie immer gut?
Tamara
00:01:26
Also eine Sache ist nicht wie immer. Ich muss dich schon mal vorwarnen.
Vera
00:01:31
Vera.
Tamara
00:01:32
Das wird dich wahrscheinlich schockieren und dir sehr viel Schusskraft nehmen. Aber ich werde wahrscheinlich diese Woche mein Manuskript beenden.
Vera
00:01:41
Ah. Also damit hatte ich jetzt nicht gerechnet.
Tamara
00:01:49
Ich habe heute das vorletzte Kapitel fertig geschrieben und möchte spätestens am Sonntag das letzte.
Vera
00:01:55
Ja, Mann, toll, super, das freut mich ja wirklich. Das heißt, es geht dann jetzt an die Veröffentlichung oder an den Lektorat dann noch?
Tamara
00:02:05
Genau, also jetzt Teil 2 ist schon bei den Testlesenden, Teil 3 schicke ich dann direkt hinterher, arbeite dann das Feedback von 1 und 2 ein und dann kann das schon mal ins Lektorat. Und dann hoffe ich, dass wir das, also eigentlich habe ich gesagt, vor der LBM, wenn es jetzt zu knapp wird mit dem Lektorat und es ist kurz danach, dann, meine Güte, ob jetzt mein Buch dort steht oder nicht, ist wahrscheinlich jetzt auch nicht kriegsentscheidend. Aber so um den Dreh soll es dann kommen.
Vera
00:02:34
Ja, LBM sind vier Wochen. Also das ist immer sehr optimistisch.
Tamara
00:02:38
Das sind nicht vier Wochen. Die ist Ende März und wir haben jetzt Anfang Februar, Hase.
Vera
00:02:43
Na gut, fünf Wochen. Trotzdem ist das sehr, sehr optimistisch, das noch hinzukriegen. Ich weiß ja nicht, wie lange bei dir Lektorat läuft.
Tamara
00:02:50
Das ist halt der Vorteil daran, dass ich so lange an einzelnen Kapiteln schreibe. Ich habe halt irgendwann die Eigenheit entwickelt, wirklich so das Schreiben der Rohfassung und das Überarbeiten schon ineinander übergehen zu lassen, sodass eigentlich die Version schon relativ veröffentlichungsreif ist und ich dann nicht mehr jetzt viel dran machen muss, außer eben das, was noch aus dem Lektorat zurückkommt.
Vera
00:03:14
Ja gut, das mache ich auch immer, aber trotzdem, vier Wochen dauert das locker. Also schon allein, dass wir an Lektor, Lektorin auch mal was anderes zu tun haben.
Tamara
00:03:23
Was? Das ist ja nur ein Ding.
Vera
00:03:25
Ja, soll vorkommen.
Tamara
00:03:26
Die trauen sich ja was.
Vera
00:03:28
Ja, ne? Und dann brauche ich ja noch ein bisschen wieder einzuarbeiten und dann geht es nächstes Mal.
Tamara
00:03:32
Naja, das ist halt so dieses, das biete ich ja meinen KundInnen im Zweifel auch ganz gerne an, wenn es eilt, so ein bisschen dieses parallele Arbeiten. Du arbeitest an dem Stück, ich arbeite dann hier schon mal ein. Das verkürzt das Ganze natürlich ein bisschen. Aber wie gesagt, wenn es jetzt zwei Wochen nach der LBM kommt, dann wird wahrscheinlich die Buchwelt das auch überstehen.
Vera
00:03:52
Ja, ob das Buch jetzt da steht oder nicht.
Tamara
00:03:55
Eben.
Vera
00:03:56
Es ist immer schön, sein Buch da zu sehen.
Tamara
00:03:58
Ja.
Vera
00:03:59
Ansonsten ist es nicht so kritisch.
Tamara
00:04:04
Daraus lesen werde ich trotzdem.
Vera
00:04:06
Ja, sehr schön. Und ja, Mensch, das finde ich ja toll. Dann geht es wieder los. Ja, ich muss gestehen, ich kämpfe mich tatsächlich so von Tag zu Tag und, Und irgendwie, ich glaube, das ist bisher so das Buch, wo ich wirklich am meisten mit zu kämpfen habe.
Tamara
00:04:27
Hast du eine Idee, woran es liegt?
Vera
00:04:29
Ja, es wird wahrscheinlich so, dass die Umgebung, da wo das spielt, es ist eine konkrete Umgebung. Also ich muss mich schon nach irgendwas richten. Und da ist so eine gewisse Unsicherheit. Ich habe immer Angst, irgendwas falsch zu machen.
Tamara
00:04:46
Ich muss sagen, das liebe ich ja gerade. Also ich habe ja am Anfang auch nur so allgemein gesagt, Berlin und mir alles ausgedacht weitestgehend. Und jetzt suche ich mir wirklich konkrete Locations aus. Und sorry, wenn ich kurz dazwischengrätsche. Und hatte jetzt in diesem, nicht im letzten Kapitel, sondern in dem davor, war ein Club, den ich nicht weiter benannt hatte, weil ich das in dem Moment jetzt nicht für so relevant hielt. Und dann habe ich aber gesehen, okay, ich muss aber danach Fahrtzeiten wissen und habe mir dann doch einen ausgesucht und habe einen total coolen kleinen Club in Kreuzberg gefunden, der früher im Kino war, so 60er Jahre Kino mit alten Holzböden und da sind noch die alten Theken und so. Und die Bilder waren so toll und das habe ich jetzt halt mit reingebracht und ich finde, das Kapitel hat dadurch so viel mehr Atmosphäre gekriegt. Also ich finde das total schön, wenn man einfach wirklich auch echte Sachen dann mit reinbringen kann.
Vera
00:05:44
Ja, also ich bemühe mich ja, wie gesagt, rechte Sachen einzubringen. Und ja, dankenswerterweise hat sich ja tatsächlich auf meinem Aufruf in der letzten oder vorletzten Folge jetzt jemand gemeldet. Dem habe ich jetzt auch schon so meinen Anfang geschickt und da mal drauf zu gucken, ob es da so Sachen gibt, die ich vielleicht nicht ganz richtig beschrieben habe. Und wo ich am meisten so ein bisschen Probleme habe, ist, um so eine Ermittlung zu machen. Lebendig zu gestalten, braucht es ja immer so ein bisschen so einen Rahmen. Ich brauche immer so einen Papst im Pool. Und da tue ich mich so ein bisschen schwer. Was tun die Leute da? Jetzt ist die Geschichte spielt Ende Oktober. Das ist jetzt auch nicht so die Hauptreisezeit. Also was tut man Ende Oktober in Niendorf an der Ostsee?
Tamara
00:06:37
Drachen steigen lassen.
Vera
00:06:39
Frau Appeldorne lässt Drachen steigen lassen.
Tamara
00:06:41
Ja, ist die nicht, aber irgendwelche Kinder oder so. Und vielleicht haut den der Drachen dann ab und fliegt ihr von hinten in die Frisur.
Vera
00:06:52
Dann haut ihr den roten Huch.
Tamara
00:06:53
Oder ein verrückter Hund. Musst du mal recherchieren, ob da Hunde am Strand erlaubt sind.
Vera
00:06:58
Die haben sogar einen extra Hundestrand.
Tamara
00:07:00
Na guck, der ist da irgendwie abgehauen und kommt da angerast.
Vera
00:07:04
Ja, stimmt. Wahrscheinlich machen wir viel zu viel Kopf. Das ist halt wieder das Problem. Naja, also es wird aber, ich arbeite mich vor, ich arbeite mich vor und es wird werden.
Tamara
00:07:18
Sehr schön.
Vera
00:07:20
Ja, ansonsten?
Tamara
00:07:22
Also ich habe noch zwei Empfehlungen oder anderthalb Empfehlungen eigentlich, weil die eine war ja die ganze letzte Folge, aber ich wollte doch nochmal zurückkommen auf unsere Folge mit dem Thomas Dellenbusch. Ich habe dann im Nachgang sein Buch über Show Don't Tell komplett gelesen und ich bin super, super angetan und möchte nochmal aufrufen, wer die Folge nicht gehört hat, hört sie euch an und lest sein Buch. Es ist ja nicht sehr dick, aber es ist wirklich, also mich hat es vollends begeistert.
Vera
00:07:50
Sehr schön.
Tamara
00:07:52
Und was mich auch sehr begeistert hat, am Samstag waren wir im Kino und zwar in Better Man. Ich weiß nicht, ob du davon gehört hast. Das ist die Robbie Williams Geschichte und also er wird ja nicht von einem Schauspieler dargestellt, sondern er ist ein Affe. Ich habe mal irgendwo gelesen, dass er sich immer so ein bisschen gefühlt hat wie so ein Affe, der quasi im Zirkus vorgeführt wird. Und das vergisst man aber tatsächlich nach einer Weile. Und manchmal hat man auch das Gefühl, er hat so ein bisschen seine Züge. Aber der ganze Film ist so, kunstvoll gestaltet, also wenn dann so der Zeitraffer ist, wo sie einfach immer bekannter werden, dann tanzen sie quasi durch eine Straße, ziehen sich immer, also haben immer wieder neue Klamotten an und das ist dann so, es ist einfach so wie so ein Kunstwerk das ganze Ding und also die letzte halbe Stunde habe ich nur durchgeheult wie ein Schlosshund.
Vera
00:08:49
Och, echt? Ja, habe ich ja schon von mehreren gehört, dass man sehr schnell vergisst, dass das da so ein Affe ist. Ja, ich habe es noch nicht gehabt, aber als Großteil.
Tamara
00:09:01
Also kein Film, den man einfach abhakt und sagt, okay, habe ich jetzt gesehen. Der bleibt schon echt hängen.
Vera
00:09:06
Okay, ja gut. Als durchaus Robbie-Williams-Fan werde ich mir den wohl auch mal angucken. Ja, ich wollte von Robbie-Williams wieder zu unseren kleinen, normalen Gefilden. Ich habe ja am 8. März einen Auftritt mit meinem Kabarettprogramm in Niederkrüsten. Da habe ich jetzt schon die Rückmeldung bekommen, dass es im Prinzip schon ausverkauft ist.
Tamara
00:09:34
Wow.
Vera
00:09:34
Es gibt nur noch Warteliste. Und am 12. März trete ich mit dem Programm in Jüchen auf. Da gibt es aber noch Tickets.
Tamara
00:09:43
Mega gut.
Vera
00:09:44
Wollte ich aber auch nochmal gesagt haben.
Tamara
00:09:46
Und Shownotes und so.
Vera
00:09:48
Und Shownotes und so, ja genau.
Tamara
00:09:51
Ja, cool.
Vera
00:09:52
Ja, ansonsten, ich meine, das ist ja immer so schön, wenn wir hier, du hast jetzt Buch fertig, kannst jetzt irgendwie frei entscheiden, wann es rauskommt, ob es jetzt noch vor Leipzig rauskommt oder danach. Das ist ja, wenn man irgendwie im Verlag veröffentlicht, doch ein bisschen anders. Und das wollen wir uns heute ja mal so ein bisschen genauer erklären lassen, wie das da so alles abläuft.
Tamara
00:10:14
Jawohl.
Vera
00:10:15
Heute ist nämlich ein besonderer Gast bei uns, da freuen wir uns sehr. Sie ist Lektorin für deutschsprachige Literatur bei Suhrkamp und hat sich heute Zeit genommen, uns mal ein bisschen Einblicke in ihren Berufsalltag zu geben. Ich freue mich sehr auf Martina Wunderer. Hallo Martina.
Martina
00:10:33
Hallo, vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich auch, hier zu sprechen.
Tamara
00:10:37
Schön, dass geklappt hat.
Vera
00:10:39
Genau, wir sind ja immer sehr neugierig, wie läuft das denn so hinter den Kulissen bei den Verlagen und so aus der Autoren-Autorinnen-Sicht gibt es ja alle möglichen Gerüchte und Erzählungen, was da Magisches passiert. Wie muss ich mir so einen typischen Arbeitstag von dir vorstellen?
Martina
00:11:02
Also ich habe das Glück, dass ich hier im Verlagsgebäude am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin-Mitte ein Büro habe, wo ich auch die Tür zumachen kann. Deshalb komme ich sehr gerne hierher, auch wenn es eben seit der Pandemie bei uns auch die Möglichkeit gibt, im Homeoffice zu arbeiten. Und fahre dann erstmal Rechner hoch und wenn Leute sozusagen diese schöne Idee haben, die ich auch am Anfang hatte, als ich übers Lektorieren nachgedacht habe, dass man sich die ganze Zeit mit dem Lesen von Manuskripten beschäftigt oder mit der Arbeit am Text, dann wird man schnell enttäuscht. Nämlich es sind viele Mails, viele Sitzungen, viele Termine, viele Anrufe. Und ich kann aber vormittags eh nicht gut denken. Von dem her passen da eigentlich diese ganzen Mails und Termine ganz gut rein, Sodass ich eben versuche, da erstmal vor allem im Gespräch mit anderen Abteilungen, mit den Autorinnen, mit meinen Kolleginnen aus dem Team der deutschsprachigen Literatur, alles erstmal ein bisschen abzuarbeiten, was so angekommen ist. Und dann freue ich mich, wenn es aber nachmittags irgendwann ruhiger wird und ich dann gegen Abend hin dann wirklich mich auch mal auf die Texte konzentrieren kann und lektorieren kann. Und auch da ist es so, dass man in der Regel selten nur mit einem Projekt zugange ist, sondern die sind ja in unterschiedlichen Stadien. Also bei manchen liest man gerade den Romananfang, wo eine Autorin eine Idee hat für ein neues Projekt oder man kriegt auch mal vier Romananfänge gleichzeitig und überlegt sich, was vielleicht am aussichtsreichsten ist. Bei einer anderen ist man wirklich gerade im Feinlektorat und muss sich dann wirklich, wenn man das Glück hat, ein paar Stunden auf den Text konzentrieren können. Bei anderen ist es irgendwie so, dass man, zum Beispiel sind wir gerade eben in den Sitzungen zu Umschlagbriefings für den Herbst, Vorschau-Texte müssen geschrieben werden, Marketingmaßnahmen müssen überlegt werden, also so jongliert man eigentlich in der Regel mehrere Projekte gleichzeitig. Ich betreue in der Regel so zwischen drei Projekte. Vier, fünf Bücher pro Halbjahr. Das ist lieber drei als fünf. Aber eben, man ist so mittendrin in allen. Und gerade sind wir eben, also die Arbeit am Frühjahrsprogramm ist abgeschlossen. Und das Herbstprogramm beginnt jetzt eben mit allem, was dazugehört. Cover, Vorschau, Text, Lektorat.
Vera
00:13:31
Ja, da hast du jetzt ja gerade schon einige Sachen angerissen, die dein Berufsfeld unterscheidet von einer freiberuflichen Lektorin. Die Tamara arbeitet ja als freiberufliche Lektorin, unterbricht mich, wenn ich etwas Falsches sage. Ich meine, du kriegst den Auftrag von einem Autor oder von einem Verlag, ich sage dir, ich graue dir den Text an, dann arbeitest du das Projekt durch. Du musst dich nicht darum kümmern, auf die Marktchancen, Cover und all solche Sachen. Das musst du aber, Martina.
Martina
00:14:08
Genau, das gehört schon auch dazu. Also man denkt eben sozusagen, klar, in einem Verlag wie Surkamp ist es anders als in kleineren Häusern, wo man vielleicht ein Team von fünf Leuten ist. Wo alle mit allen im Gespräch sind sozusagen und alle auch alles machen. Also bei uns ist schon ganz klar das Lektorat eine eigene Abteilung und Social Media eine eigene Abteilung und die Werbung eine eigene Abteilung und so weiter. Aber natürlich bin ich in all das irgendwie mit eingegliedert, weil erstmal nur ich das Buch besonders gut kenne und Informationen bei mir zusammenlaufen, weil vor allem auch der Kontakt zum Autor, zur Autorin zu mir zusammenläuft. Und die Frage, ob wir ein Manuskript akquirieren, bringt immer schon die Frage mit sich, passt das bei uns ins Programm, aber auch, an wen und wie können wir das vermitteln? Also da muss ich von Anfang an der Idee mitdenken und das sind nicht nur ökonomische Fragen sozusagen, sondern das kann eben auch sein, dass man das Gefühl hat. Also es gibt ja nicht nur ökonomisches Kapital, sondern auch sowas wie kulturelles Kapital, dass man sich einfach denkt, ey, Sowas habe ich noch nie gelesen und egal, ob ich jetzt da 2000 Leserinnen finde oder 10.000, ich finde, dieses Buch muss unbedingt verlegt werden und dafür haben wir ja in einem großen Haus wie hier auch diese Mischkalkulation. Also versuchen, Bestseller zu machen, aber dann auch weiterhin unbedingt Wert darauf legen, unsere Gedichtbände zu veröffentlichen und eben von vornherein weiß, naja, ein Bestseller wird es eher nicht werden, aber für sozusagen vielleicht einen Preis gewinnen oder gute Presse bekommen und eben sozusagen die Vielstimmigkeit unserer Autorinnen irgendwie nochmal auf eine Weise ergänzen, die wir bisher hier im Haus noch nicht haben.
Vera
00:15:53
Also wir sind ja, Tamara und ich, wir kommen ja eher aus dem Self-Publishing und während du das so erzählst, denke ich, okay, du machst eigentlich alles, was ich auch mache, außer das Buchschreiben.
Martina
00:16:05
Das ist richtig und ich bin ganz froh darum, dass das andere die Lesung und sehr dankbar dafür. Ja, ich war immer eine Leserin. Es gibt ja ein paar KollegInnen, die durchaus auch selber schreiben, wenn man an Jo Lentle, den Hansa-Verleger, denkt oder auch an Martin Korditsch, sehr erfolgreicher Autor, der auch Lektor bei Hansa zum Beispiel ist. Aber nein, ich selber habe tatsächlich nie geschrieben, sondern Liebe ist, anderen bei ihren Texten zu begleiten.
Vera
00:16:33
Aber man sagt doch eigentlich, dass jeder Lektor, jede Lektorin heimlich auch mal ein Buch schreiben will, oder?
Martina
00:16:38
Dann bin ich die Ausnahme.
Vera
00:16:40
Okay. Gut. Aber dann fangen wir doch mal an, wo die Magie beginnt und was ja für viele Autoren gerade so der wichtige Punkt ist. Wie kann ich überhaupt das Interesse wecken? Du hast das vorhin ja schon mal gesagt, dass du Marktchancen abwägen musst. Wie gelangen denn überhaupt Manuskripte zu dir, dass du dann abwägen kannst?
Martina
00:17:02
Da gibt es verschiedene Wege. Also es gibt immer noch das, wovon viele denken, es würde nicht mehr stattfinden, dass wir eine Kollegin haben, die sich wirklich nur die ungefragt eingesandten Manuskripte anguckt. Also wir haben die Möglichkeit, auf der Website auch vermerkt, dass man sein Manuskript mit Exposé und Textprobe an den Verlag schicken kann, bitte per Post, weil das tatsächlich auch noch schon mal so eine Ernsthaftigkeit impliziert, weil so eine Mail ist gleich mal an Copy-Paste an alle geschrieben. Und wir haben eine sehr tolle Kollegin, die sich wirklich diese Manuskripte anguckt. Entweder beiseite legt, da kriegt man dann auch keine Absage, das ist leider so, aber wenn sie denkt, das sei interessant, das kann dann eben auch für das Sachbuch gelten, genauso wie eben für die Literatur, dann legt sie das uns auf den Tisch und ich bin jetzt seit 15 Jahren bei Suhrkamp und ich habe es dreimal erlebt, dass ein Buch daraus wurde. Es ist nicht ausgeschlossen und es wird Also es wird geprüft. Dann gibt es aber natürlich auch so, im internationalen Raum wird viel mit Scouts gearbeitet. Das machen wir nicht. Wir sind so quasi unsere eigenen Scouts. Das bedeutet, ich gehe zum Open Mic, ich unterrichte am DLL in Leipzig oder mein Kollege war jetzt in Hildesheim als Lektor. Ich bin in Juries für Nachwuchswettbewerbe wie den Wortmeldungen Förderpreis und habe sozusagen meine Ohren und Augen überall, um zu schauen, wo gibt es da vielleicht gerade interessante Stimmen. Und das kann dann eben jemand sein wie Dennis Ode, die ich mit Streulicht das Debüt bei uns sehr erfolgreich gemacht habe, die mir beim Open Mic das erste Mal aufgefallen ist. Dann war ich eben in der Vorjury für den Wortmeldungen Förderpreis. Da ist sie wieder mit einem Text mir aufgefallen. Und als dann die Agentur, sie hatte dann schon eine Agentur, uns das Manuskript geschickt hat, war ich natürlich schon besonders neugierig und habe mich dann besonders beeilt, diesen Text zu lesen. Damit sind wir aber dann schon bei dem nächsten Einfallstor, nämlich Agenturen, die seit 50er Jahren in Deutschland immer wichtiger geworden sind. Und da gibt es eben die literarischen Agenturen Geb Eggers, Graf, Ruge, Copyright, Landwehr und so weiter, denen wir im engen Austausch auch immer sind, die unsere Programme sehr gut kennen. Und das ist sozusagen der dritte Weg. Also einmal wirklich dieses, dass wir selber nach Nachwuchsautorinnen suchen und dass wir eben mit Agenturen auch immer im Gespräch sind und eben dieses Unverlangte.
Tamara
00:19:37
Was ich ganz spannend finde, bei euch auf der Website steht ein Zitat, das besagt, Bei uns werden keine Bücher publiziert, sondern AutorInnen. Und das ist ja auch oft so ein Thema. So sollte ich mehr Marketing für mein eines Werk machen und dann fürs Nächste und fürs Nächste oder sollte ich wirklich mich selbst ein bisschen mehr inszenieren? Was sollte ein Autor, eine Autorin denn haben, dass ihr sagt, mit der oder mit dem möchten wir länger zusammenarbeiten?
Martina
00:20:03
Ja, es ist ganz interessant, weil ich glaube, ich von heute aus betrachtet bekommt dieser Satz plötzlich eine ganz andere Bedeutung, als er ursprünglich gedacht war, als ihn Siegfried Unselt gesagt hat. Nämlich, früher war eben damit nicht gedacht, dass es uns so sehr um die AutorInnen-Persönlichkeit geht, sondern um das gesamte Werk. Also es geht in uns eben nicht darum, wie viele Follower jemand hat oder dass sich jemand auf Bühnen großartig inszeniert, sondern der Gedanke hinter dieser Aussage von Siegfried Unseld war... Wir machen nicht nur ein Buch, sondern wenn wir an dich glauben, wenn wir deine Literatur spannend finden, dann möchten wir dich idealerweise mit all deinen Werken verlegen und begleiten. Also es ist eben nicht so sehr der Gedanke, dieses eine Buch, sondern es ist eben wirklich, haben wir hier jemanden, von dem wir denken, dass sich da wirklich eine Schriftstellerin sozusagen dahinter verbirgt. Idealerweise äußert sich das so, das Beispiel Lutz Seiler eignet sich dafür, dass er irgendwie mit seinem Gedichtband in der Edition Surkamp als Debutant beginnt, dann eben ein Erzählungsband und Essays vorliegt und später dann mit seinem Roman den Deutschen Buchpreis gewinnt sozusagen. Aber von Anfang an war eben irgendwie klar, wir haben hier einen wahnsinnig faszinierenden Autor gefunden, den wir begleiten möchten, wo man dann eben auch sagt, selbst wenn wir glauben, dass wir vielleicht vom ersten Buch noch nicht so wahnsinnig viel verkaufen können, weil eben Lyrikbände zum Beispiel einfach nicht so eine Marktmöglichkeit haben wie andere Texte, wollen wir damit beginnen. Und das ist, glaube ich, eben das, was eigentlich auf unserer Website dahinter steht, während man heute natürlich immer wieder damit konfrontiert ist, also Stichwort Schauspielerinnen-Romane oder so, dass eben Leute, die schon in der Öffentlichkeit stehen, und das sage ich völlig wertungsfrei, weil auch da gibt es ganz fantastische Bücher, die die geschrieben haben, aber eben schon eine Öffentlichkeit mitbringen und dadurch natürlich für einen Verlag erstmal so eine erste Schwelle schon genommen haben, als wenn man mit einer Debutantin beginnt, die vielleicht bis auf sehr entlegene Publikationsorte an irgendwelchen Literaturzeitschriften bisher noch gar nicht an die Öffentlichkeit getreten sind. Aber da würde ich denken, dass wir uns zum Glück schon immer noch auf den Text konzentrieren. Also wenn uns der Text überzeugt, ist uns egal, ob jemand auf Social Media ist oder nicht.
Tamara
00:22:23
Aber du hast eben gesagt, da ist etwas an einem Autor, das fasziniert mich. Was ist denn dieses Etwas?
Martina
00:22:32
Also idealerweise ist es sozusagen eine Sprache, ein Ton, den ich so noch nicht kenne. Also ich merke das immer bei mir, wenn ich anfange zu lesen. Es ist wirklich wie, als würde ich das wirklich körperlich spüren. Es ist wie so etwas im Bauch, dass ich dann merke, was so eine Begeisterung irgendwie auslöst. Und das kann oft ein Sprachbild sein. Also ich kann mich bei ganz vielen Büchern noch erinnern, wann ich das erste Mal dachte, okay, wow, krass. Und das ist oft schon auf den ersten Seiten oder so. Bei anderen kann es auch sein, dass man länger braucht, um zu verstehen, warum komme ich davor nicht los oder so. Aber es ist wirklich eben etwas, was mich überrascht. Ich glaube, von dem ich noch gar nicht wusste, dass ich es mir wünsche. Und dann bin ich begeistert.
Vera
00:23:27
Gut, ich bin immer hier für die pragmatischen Sachen. Du hast ja vorhin auch schon mal kurz ausgeschüttet die verschiedenen Wege, die so ein Manuskript nehmen kann, damit es eure Aufmerksamkeit gewinnt, um jetzt mal nur so ein Gefühl dafür zu kriegen. Wie viele Manuskripte kommen denn so unangefordert von euch an?
Martina
00:23:50
Boah, das sind viele. Also dadurch, dass das eine Kollegin macht, kann ich da jetzt keine genaue Zahl nennen, weil sich das eben auch, in manchen Monaten sind es mehr als in anderen, aber es sind schon solche Stapel. Also das geht dann eben auch durch alle Genres, Fiction, Non-Fiction, Genre, Kinderbuch, also da ist alles dabei. Aber ich denke manchmal, wenn so viele Menschen lesen würden, wie offenbar schreiben wollten, dann gibt es den Buchmarktblenden.
Vera
00:24:20
Ja, das stimmt. Das habe ich auch schon gedacht.
Martina
00:24:23
Ich finde eigentlich diese Idee, dass es eben diese Möglichkeit gibt, dass jeder erstmal schreiben kann und das auch hinschicken kann und wir das auch ernst nehmen, das finde ich wichtig.
Vera
00:24:32
Das finde ich auch sehr ehrenwert. Jetzt hast du natürlich auch gesagt, in den 15 Jahren, es gab drei Fälle, wo so ein Buch mal übernommen wurde. Das heißt aber jetzt mal im Umkehrschluss, die Wahrscheinlichkeit, dass ich über eine Agentur bei euch lande, ist doch um einiges höher als das unaufgeforderte Senden.
Martina
00:24:51
In der Tat, weil ich glaube, dass so eine Autorinnenkarriere ja in den selbsten Fällen wirklich bei Null beginnt, sondern man hat dann schon mal begonnen, eben vielleicht bei einem Literaturwettbewerb mitzumachen oder man hat mal in der Literaturzeitschrift veröffentlicht oder man hat mal bei einer Prosa-Werkstatt mitgemacht, man hat sich bei einer Schreibschule beworben und all das sind eigentlich schon Felder, wo man den Literaturvermittlerinnen auffällt. Also bei diesen ganzen Nachwuchswettbewerben bin ja nicht nur ich zum Beispiel, sondern da sind auch die ganzen Agenturen. Und das heißt, in dem Moment, wo jemand hier oder da schon mal mit einem Text von sich sichtbar geworden ist, ist die Tür schon spalt aufgegangen. Also deswegen, klar gibt es wahrscheinlich diese Fälle von jemandem, der immer allein zu Hause saß und geschrieben hat und irgendwann mit 70 Jahren sein spätes Debüt irgendwie durch wundersame Kanäle veröffentlicht, aber in der Regel funktioniert der Literaturbetrieb ja anders. Und das bedeutet eben, dass man schon sehr, sehr früh eigentlich immer wieder an diese Schleusen, nenne ich sie, immer komme.
Vera
00:25:58
Okay, als Älteste in der Runde bin ich zu alt dafür, euch entdeckt zu werden, oder?
Martina
00:26:03
Nee, überhaupt nicht. Also gerade in den letzten Jahren gab es wirklich viele, gab es einige späte Debüts, die wirklich von sich reden gemacht haben. Also für Debüts gibt es kein Alter. Ich glaube, das ist nochmal anders bei Autorinnenförderungen und Preisen. Die haben sehr oft eine Altersgrenze. Aber das Schöne ist, dass wir in den Verlagen keine Altersgrenze für Debüts haben.
Vera
00:26:25
Ja, ein gewisser Hoffnungsschimmer keimt auf. Wobei, na gut, jetzt bin ich schon zwölf Jahre im Self-Publishing. Womöglich bin ich auch versaut für euch. Wie ist das denn generell? Schaut ihr euch an, was im Self-Publishing passiert, so beim Scouting?
Martina
00:26:41
Wir jetzt in der Regel hier im Lektorat nicht so sehr. Ich weiß aber, dass es doch diesen Literaturpreis gibt von Self-Publishing-Books.
Vera
00:26:51
Self-Publishing-Buchpreis gibt es ja.
Martina
00:26:52
Genau, genau. Und den habe ich dann schon so mal mitverfolgt. Und ich weiß, dass da ja auch durchaus so dieselben Agentinnen dann zum Teil in der Jury waren, wie die, mit denen wir auch arbeiten. Also ich glaube, da sind dann nochmal ein paar Leute uns vorgeschaltet, aber ich weiß auch von einer Kollegin aus einem anderen literarischen Haus auch, die haben als erster Verlag generell sozusagen, das war ein US-amerikanisches Buch, das im Self-Publishing erschienen ist. Und die sind darauf aufmerksam geworden, weil es eben viel in den sozialen Netzwerken gefeiert wurde und ohne, dass es auf dem amerikanischen Markt einen Verlag sozusagen gehabt hätte, haben die das dann in deutscher Übersetzung gemacht. Da gibt es dann durchaus eben doch auch diese Geschichten, wo dieser Weg vom Self-Publishing, wo man ja heute auch tolle Möglichkeiten hat, also da würde ich mich gerne auch mal mit ganz vielen Fragen an euch wenden.
Vera
00:27:46
Immer gerne.
Martina
00:27:47
Aber auch in den Verlag hineinfindet, Sei es eben auch sogar über Ländergrenzen und Sprachgrenzen hinweg.
Vera
00:27:54
Ich meine, Fifty Shades of Great war auch zuerst ein Self-Publishing-Buch.
Martina
00:27:57
Genau.
Vera
00:27:58
Also von daher. Wobei, das würde ich jetzt nicht bei dem literarischen Thefen-Besuch einordnen.
Martina
00:28:05
Es ist ein typischer Fall von Fanfiction begonnen und dann eben ein internationales Phänomen auf dem Buchmarkt geworden.
Vera
00:28:12
Genau. Jetzt hast du ja gesagt, du musst die bewerten, das musst dich ansprechen, du musst dich überraschen. Gut, das sind ja jetzt doch eher weiche Faktoren. Jetzt hört man ja gerade aktuell von KI-Technologien, die schon voraussagen, ob das ein Bestseller wird und so. Nutzt ihr solche Tools und gibt es, ich sag mal, harte Kriterien, die ihr an so einem Manuskript anlegt?
Martina
00:28:44
Wir nutzen KI bisher dafür nicht. Also ich weiß, dass MCMETIS, was wir durchaus nutzen, das in diesem Jahr anbieten will. Ich habe jetzt noch nicht geguckt, ob das als Möglichkeit schon auf deren Website zur Verfügung steht. Ich bin nicht komplett, es wäre auch dumm, sich gegen KI im Publishing zu verwehren. Also das funktioniert nicht, weil das wird kommen. Im Moment ist es noch so, dass ich glaube, dass KI wesentlich schlechter ist als Menschen. Also das merken wir, wenn wir es ausprobieren. Wenn ich einen Text lektoriere, den eine KI geschrieben hat, brauche ich doppelt so lange, wie wenn ich einen Text lektoriere, den ein Mensch geschrieben hat, weil das im Grunde fast nur Worthülsen sind. Noch, muss man dazu sagen. Ich glaube, da fühlt sich stark, was eben diese, Diese Analyse, welches Verkaufspotenzial hat ein Buch, angeht, könnte ich mir vorstellen, dass es durchaus im Genre-Bereich mehr zur Anwendung kommt, als jetzt eben im Bereich, wo ich jetzt tätig bin, nämlich in der Literatur, weil da doch nochmal ganz andere Faktoren eine Rolle spielen. Also so, weil auch da, das können wir jetzt als Menschen auch nicht vorhersagen, aber ob man einen Buchpreis gewinnt oder nicht, macht einen himmelweiten Unterschied und das kann eine KI nicht berechnen.
Vera
00:30:06
Das stimmt.
Martina
00:30:08
Oder wie oft ein Text besprochen wird, weil sich viele Menschen in ihn verlieben, das kann eine KI auch nicht berechnen. Also sozusagen dieser menschliche Faktor, der bei der Literatur so eine große Rolle irgendwie spielt und auch bei Genre, das will ich gar nicht sagen, aber es gibt so viele Dinge, die gerade bei der Literatur nochmal viel ausschlaggebender sind, ob es ein Erfolg wird oder nicht, die, glaube ich, kann eine KI nicht berechnen. Das kann ich auch nicht, aber ich kann, glaube ich, versuchen, eine Begeisterung zu wecken, die eine KI vielleicht nicht vorhergesehen hat, im Haus und dann übers Haus hinaus oder solche Dinge. Also das ist, was ich meine mit nicht begeisternden Texten, die mir etwas bringen, mit dem ich noch gar nicht wusste, dass es es gibt. Und bisher kann eine KI ja nur mit dem arbeiten, was es schon gibt, weil damit etwas, was es noch nicht gibt, kann eine KI nicht vorhergesehen werden. Und das ist, glaube ich, noch so ein bisschen, dass es mir auch Hoffnung gibt.
Tamara
00:31:07
Vielleicht müssen wir an der Stelle mal einen ganz kurzen Exkurs machen. Mich würde mal deine Definition interessieren, wie du Genre und Literatur voneinander abgrenzt. Gibt es da feste Merkmale?
Martina
00:31:20
Ich glaube, die Grenzen sind fließend. Also ich bin zum Beispiel eine ganz, ganz begeisterte Krimileserin, immer schon gewesen und auch jetzt noch. Und finde es total spannend, dass gerade auch aus dem englischsprachigen Raum, aber mir wurde gesagt, auch im Französischen, das lese ich nicht im Original. Diese Grenze zwischen zum Beispiel Krimi und Literatur ständig aufgehoben und verwischt wird und so weiter. Während wenn man dann zum Beispiel guckt, wenn diese Bücher auf dem deutschen Markt übernommen werden, dann heißen die eben ganz oft nicht mehr Krimi, sondern Roman und bekommen dann schon so eine Art Krimi-Spannungscover, aber nicht eindeutig ein Genre-Cover, weil es dafür dann schon wieder so ein bisschen zu literarisch ist oder so. Und das finde ich sozusagen interessant, wie sich Genre-Konventionen auch zwischen Ländern oder Sprachen oder Zielgruppen irgendwie nochmal irgendwo unterscheiden. Deshalb finde ich, kann man da nicht so eine harte Liste abhaken, was es bedeutet. Ich glaube, dass im Genre generell eher gilt, dass es Konventionen eine größere Rolle sozusagen spielen. Dass es weniger um das geht, was nicht erfüllt und unterlaufen wird, sondern dass man sich eben schon an gewissen Dingen orientiert. Aber auch das fand ich so spannend, weil ich den Krimi, die Frau mit den vier Armen von Jakob Neute, der bisher wirklich nur sehr komplexe literarische Titel vorgelegt hat, betreut habe. Und mich eben sehr gefreut habe, weil dadurch eben so auch meine private Lesevorliebe mit Krimis und meine Arbeit für Literatur zusammenkam. Und er meinte, das Interessante ist eben plötzlich, dass du dich dann doch an gewisse Genre-Konventionen halten musst, weil wenn du am Anfang eine Leiche findest und ein Ermittlerteam hast, musst du halt am Ende diese Mordfälle auch aufgeklärt haben.
Tamara
00:33:04
Wäre besser.
Martina
00:33:05
Und dann halt frustriert. Und das fanden wir dann auch nochmal interessant, dass die zwar beweglicher sind, als man denkt, aber dass man ganz ausscheren dann halt schon nicht kann. Und das würde ich, glaube ich, nochmal so sagen, das Genre einfach doch eine gewisse Eigenlogiken und Voraussetzungen mitbringt, mit denen man sehr originell spielen kann, aber in der Literatur hast du erstmal alle Freiheiten, glaube ich, die du möchtest.
Vera
00:33:33
Also in der Literatur, wenn da eine Leiche vorkommt, dann wird nicht aufgeklärt, wieso, sondern...
Martina
00:33:40
Ich weiß nicht, sozusagen.
Tamara
00:33:42
Kommt wahrscheinlich drauf an, ob es der Aussage dient.
Martina
00:33:45
Die Leichen links und rechts liegen und keiner was weiß mit ihnen auf sich hat.
Vera
00:33:49
Ich habe mich schon im Regen, gerade ob ich bei meiner aktuellen Frau Appeldorn die Aufklärung weglasse.
Martina
00:33:58
Er meinte dann, das ist wie so ein Wald und bei der Literatur kannst du irgendwie überall abbiegen. Und beim Krimi musst du dann plötzlich schon so den Weg irgendwie durchfinden durch den Reihen.
Vera
00:34:08
Ja, es gibt Anforderungen.
Martina
00:34:08
Das ist ein schönes Bild, genau.
Vera
00:34:10
Wie bei der Romance, am Ende müssen sie es sich kriegen. Das ist einfach so.
Tamara
00:34:14
Sonst ist es ein Drama.
Vera
00:34:15
Ja, genau. Richtig, genau. Sonst ist es dann doch vielleicht Literatur. Wobei, du hast ja schon gesagt, die Grenzen sind fließend.
Tamara
00:34:25
Wobei ich jetzt auch, glaube ich, vorsichtig wäre mit der Schlussfolgerung, dass alle Bücher, wo die Leute sagen, ja, mich kann man in kein Genre einsortieren, dass das automatisch Literatur ist.
Vera
00:34:36
Nee, das ist gerade auch einfach unsicher.
Martina
00:34:38
Klar, das zieht dann schon sowas auch wie sozusagen Sprachregister, Stil mit Inhalte natürlich auch, also so allein Figurenzeichen kann ja sehr stark vom Genre abhängen, ob das eben dann, irgendwie Noir ist, dass da eine femme fatale hat oder den Lonely Detective oder so, oder Oder eben in Dark Academia, wo es dann eben auf einem Campus spielt und so weiter. Also es gibt schon so gewisse Dinge, wie ein Setting oder Figuren, die dann Genre auch noch kennzeichnen. Aber natürlich schon auch sowas wie Literarizität zum Beispiel.
Vera
00:35:14
Was ist Literarizität? Das habe ich noch nie gehört.
Martina
00:35:19
Wie literarisch ein Titel sozusagen ist. Also einfach die sprachliche, stilistische Flughöhe.
Vera
00:35:28
Ja, ich habe ein bisschen Angst, wenn das an ein paar Self-Publisher hören. Ich meine, wir kennen das ja immer an den Messeständen. Es kommt mindestens zu jeder, weil es ja mindestens einer mit dem phänomenalen Debüt, auf das die Welt gewartet hat, was man nicht genau einordnen kann, weil es nicht in Genre passt. Wenn die jetzt den Podcast hören, stehen die in Leipzig vor uns. Das ist jetzt Literatur. Das hat Literarizität. Da muss man aber was sagen. Gut, ich meine, wenn dann das selbst gemalte Cover von der Tochter drauf ist, dann können wir das dann anders einordnen. Entschuldige. Also du merkst, auch wir kennen die verschiedenen Facetten, die es im Self-Publishing gibt. Jetzt hast du ja gesagt, du machst am liebsten so drei Projekte pro Halbjahr, da sind dann sechs pro Jahr. Wie viele davon müssen denn Erfolg werden?
Martina
00:36:18
Idealerweise freut man sich natürlich, wenn alle ein Erfolg werden, aber Erfolg bemisst sich nicht bei allen gleich. Damit beginnt ja im Grunde schon, wenn wir uns für ein Projekt entscheiden, ein Vorschuss bemisst sich ja im Grunde darin, was wir uns von einem Buch erhoffen. Und entsprechend kann eben ein Gedichtband ein wahnsinniger Erfolg sein, wenn er sich 1500 bis 2000 Mal verkauft. Es kann aber dann eben auch einen Titel geben, dass man eine sechsstellige Vorschusssumme zahlt, wo man natürlich dann entsprechend höhere Verkaufserwartungen sozusagen hat. Und deshalb lässt sich das nicht so pauschal sagen, also das lässt sich nicht quantifizieren. Man muss aber in der Programmplanung eben genau darauf achten, dass man eben sagt, wir können jetzt nicht sechs Gedichtbände machen, sondern wir müssen dem Gedichtband dann eben einen neuen Roman von Elena Ferrante, Isabel Allende, um jetzt zwei internationale bekannte Autorinnen zu nennen, zur Seite stellen, damit eben idealerweise der Druck auf Bücher, die das schlicht nicht leisten können, zu groß wird sozusagen, sondern man muss immer überlegen, was ist realistisch und natürlich werden wir im Rahmen dessen alles dafür tun.
Vera
00:37:38
Jetzt gab es vor voriges Jahr, vor zwei Jahren, gab es ja im Rahmen dieses großen Gerichtsprozesses in den USA so eine Studie und da kam ja irgendwie raus, dass eine sehr erschreckend geringe Prozentzahl von verlegten Büchern überhaupt ihren Vorschuss erwirtschaften. Wie ist denn das bei euch?
Martina
00:37:59
Das ist unterschiedlich. Also ich glaube sozusagen, dass es früher, gerade auch als die Agenturen noch nicht so ein Faktor waren, niedrigere Vorschüsse üblicher waren und entsprechend haben die das dann in der Regel auch eingespielt. Dazu muss man auch sagen, dass früher auch die Mitlist deutlich stärker war. Mitlist nennen wir Titel, die sich so 20.000 Mal, ungefähr 15.000, 20.000 Mal verkaufen. Das ist schwieriger geworden. Und eben so literarische Verlage wie Surkamp setzen sehr, sehr stark auf so eine Mitlist. Und mittlerweile ist es aber so, das liegt auch an dieser Aufmerksamkeitsökonomie, dass sich nur wenige Bücher sehr, sehr oft verkaufen, ganz, ganz viele Bücher sehr, sehr wenig. Dadurch hat sich all das auch nochmal verändert. Dann kommt eben das ins Spiel mit den Agenturen und den Auktionen, wo man sich dann oft im Klaren sein muss, wenn man von einem Text überzeugt und begeistert ist, ist man das wahrscheinlich nicht alleine, dann bietet man gegen andere Verlage. Der Surkamp ist jetzt kein Konzernverlag, Surkamp ist ein unanhängiges Haus. Wenn das Konzerne unbedingt wollen, können wir jetzt finanziell nicht immer mithalten, sage ich mal so. Wir haben dann weiche Faktoren, die eben vielleicht dann eben für uns sprechen, wie ein tolles Programmumfeld oder eben, dass wir alles im Haus betreuen und dadurch die Anwendung an den Verlag sehr, sehr gut ist. Aber auch da, wenn wir dann manchmal eben sagen, das möchten wir unbedingt, müssen wir auch manchmal bewusst uns dafür entscheiden, den Vorschuss zu vermitteln. So hoch zu machen, dass wir zwar glauben, mit dem ersten Buch spielen wir es vielleicht noch nicht ein, aber da sind wir wieder dabei, ein Werk zu begleiten, dass man sich wünscht, dass dann vielleicht das zweite oder dritte Buch irgendwie das Ganze dann wieder einspielt. Das ist dann eben so ein Vertrauen in eine langfristige Beziehung. Deshalb sage ich auch immer, was ich wirklich erstaunlich finde, ist, wie wenig Leute eigentlich wissen, woran sich so ein Vorschuss bemisst. Also ich habe mal ein Literaturinstitut in Leipzig unterrichtet und die waren im Masterstudium und eigentlich saßen sie gerade alle an ihren Debütromanen, von denen sie gehofft haben, dass sie dafür einen Verlag finden und dann meinte ich, was glaubt ihr dann, woran bemisst sich so ein Vorschuss? Und dann war irgendwie so ratloses Schweigen, bis einer dann meinte, an der Auflagenhöhe und es stimmt halt nicht. Und ich bin mich die lustig machen, aber da merke ich, wie das irgendwie sehr oft dann über die Höhe der Vorschüsse gesprochen wird, aber sehr wenig darüber, wie denn so ein Vorschuss zustande kommt und was das dann bedeutet.
Vera
00:40:37
Ja, aber das impliziert jetzt die Frage, wie kommt der denn zustande? Also wenn du von sechsstelligen Vorschüssen gerade sprichst, das ist ja eine immense Summe.
Tamara
00:40:46
Kriegst du die nicht, Vera?
Vera
00:40:48
Leider noch nicht. Ich arbeite dran.
Tamara
00:40:50
Mensch.
Martina
00:40:53
Ja, das kommt eben so zustande, Also eigentlich, wenn man es wirklich auf eine ganz einfache Rechnung bringen würde, dann würde man sagen, der Verlag überlegt sich, wie viele Exemplare können wir davon idealerweise verkaufen. Der Autor, die Autorin bekommt bei der Staffel 10 Prozent davon. Dann addiert man das auf und sagt, okay, dann können wir so und so viel bezahlen. Also bei einem 20.000 Euro Vorschuss sozusagen muss ich so und so viele Exemplare verkaufen, wenn das einen Ladenpreis von so und so viel hat, damit ich den Vorschuss einspiele und der Autor, die Autorin bekommt ja auch erst danach sozusagen dann eben die Differenz ausgeschüttet. So einfach ist es aber nicht, weil gerade bei gehypten Debüts von spannenden Autorinnen ist es in der Regel so, dass das mehrere Verlage möchten und dann kann es eben auch sein, dass man sagt, okay, wir glauben jetzt zwar nicht, dass wir davon die 40.000 Stück, die wir für den Vorschuss bräuchten, verkaufen werden. Wir glauben aber, dass wir damit einen Autorin, einen Autor gefunden haben, der wahnsinnig gut zu uns passt und mit dem wir hoffentlich noch mehr in Zukunft auch weiter veröffentlichen wollen. Dann kommt zum Beispiel noch dazu, dass wir auch eine sehr, sehr starke Rechte- und Lizenzenabteilung haben, die die Bücher gerne auch eben als Übersetzungsrechte ins Ausland verkaufen. Es gibt die Theaterrechte, es gibt eben diese ganzen Nebenrechte, Übersetzungsrechte, Theaterrechte, Hörspielrechte, Filmrechte bleiben meistens bei den Agenturen. Aber wenn wir Hausautorinnen haben, vertreten wir auch die Filmrechte. Da haben wir zuletzt zum Beispiel auch bei dreien von meinen Büchern einen Deal abgeschlossen, was total schön und aufregend ist. Und all das kommt noch mit hinzu. Oder manche Verlage haben keine eigenen Taschenbuchreihe. Wir haben die, aber die können dann auch sagen, wie viel können wir für die Taschenbuchlizenz bekommen. Das heißt, es ist dann auch nicht nur die verkauften Exemplare, die eine Einnahmequelle sozusagen sind. Und natürlich werden da die Autorinnen aber auch wieder beteiligt, also an den Nebenrechten. Das ist jetzt nicht so, dass daran nur der Verlag dann verdient.
Vera
00:42:57
Du hast vorhin so in dem Nebensatz gesagt, dass Surkamp ja alles so schön im Haus betreut. Jetzt haben wir nicht so viel Einsicht in die Verlagswelt, gerade bei den großen Verlagen nicht. Wie sieht das denn bei anderen Verlagen aus?
Martina
00:43:13
Das ist unterschiedlich. Also sozusagen, es gibt besonders auf dem englischsprachigen Markt so diese Unterscheidung Acquisition Editor und Text Editor. Acquisitor machen eben genau das, was Acquisition schon sagt, die kaufen Projekte ein. Und Text Editor sind dann sehr oft Externe, die diese Texte dann eben lektorieren können. Faktencheck machen und so weiter und so weiter. Diese Unterscheidung gibt es auf dem deutschsprachigen Markt nicht immer, nicht häufig und gerade in den Literaturverlagen nicht so sehr. Das heißt, bei uns ist es schon noch sehr stark eben so, dass wir die Bücher, die wir akquirieren, dass dann auch ich, wenn ich von einem Text begeistert bin, dann versuche ich auch die Autorin für mich, fürs Haus zu gewinnen, und dann beginnt schon das Gespräch über den Text Und ich bin dann auch diejenige, die sie die ganze Zeit weiter begleitet sozusagen, dass es da eben auch diese Kontinuität irgendwie gibt. Aber es gibt durchaus Programmsegmente oder Häuser, wo diese Trennung eben auch in Deutschland schon herrscht, dass man eben sozusagen die Ansprechpartnerinnen, den Ansprechpartner im Verlag hat. Der auch weiter zuständig ist für diese Autorinnenbetreuung, aber dass es eben im Hintergrund dann eben noch Externe häufig gibt, die dann wirklich sozusagen diese Textarbeit machen. Und das ist dann eher so ein Projektmanagement und Textarbeit. Aber ich fände das unglaublich schade, weil mir die Arbeit am Text mit den Autorinnen am allermeisten Freude macht. Also ich möchte das Projekt, von dem ich begeistert bin und das ich für den Verlag einkaufe, ungern aus der Hand geben. Das fände ich unglaublich schade.
Tamara
00:44:52
Ja, das ist ja im Prinzip so ein bisschen, was Vera vorhin schon angedeutet hat, dass eben die Arbeit einer Verlagslektorin anders ist als einer freien Lektorin. Da ist es ja doch eher die Regel, dass man das lektorierfertige Manuskript bekommt, wobei es gibt auch Ausnahmen, wo man schon direkt am Anfang, wenn eine Idee besteht, mal ein Coaching zusammen macht und über die Ideen spricht oder eine Schreibbegleitung, aber meistens ist es ja wirklich nur die Arbeit am Text. Und da würde mich jetzt tatsächlich mal interessieren, wenn ich jetzt als Autorin dich begeistern kann und du sagst, ich möchte dich bei uns im Haus haben, wie viele Berührungspunkte, wo arbeiten wir zusammen, wie intensiv ist das, wie läuft das für mich ab?
Martina
00:45:35
Das ist schon auf sehr vielen Ebenen. Also ich finde zum Beispiel gerade in der deutschsprachigen Literatur, das ist ja bei der Übersetzung dann auch nochmal anders. Da bekommt man ja in der Regel auch das fertige Manuskript und Buchmanuskript und arbeitet dann in der Regel mit Übersetzerinnen enger zusammen, weil nicht immer auch sozusagen überhaupt die Sprachkompetenz dann irgendwie da ist oder die Zeit. Aber in der deutschsprachigen Literatur würde ich sagen, dass Beziehungsarbeit schon einen ganz, ganz großen Anteil ausmacht. Also das klingt jetzt so Beziehungsarbeit, damit meine ich eigentlich eher ein enges Vertrauensverhältnis, weil die Texte zu einem Zeitpunkt auch oft zu mir kommen, wo sie wirklich noch sehr fragil sind, wo ich auch das Gefühl habe, dass das erste Mal nach außen gehen und ich bin dann so die erste Leserin, das braucht viel Vertrauen. Und da möchte ich eben, dass die wissen, das ist in guten Händen. Und oft sind es eben auch Dinge, wo ich dann sagen muss, hier bist du noch nicht ganz auf dem richtigen Weg oder hier finde ich ganz toll und so weiter. Und deshalb ist eben dieses Vertrauensverhältnis etwas ganz Wichtiges und Schönes. Und da richte ich mich aber auch nach den Wünschen der Autorinnen, weil manche wollen wirklich ganz in Ruhe schreiben und sind abergläubisch und sagen, darüber spreche ich nicht und legen einen Text hin. Und mit anderen treffe ich mich dann aber wirklich schon, um einfach nur mit Ideen rumzuspinnen, was kann ich als nächstes schreiben. Und ich bin dann schon auch diejenige, die sie durch alles begleitet. Also wenn es zum Beispiel darum geht, das Umschlagbriefing für die Gestalterinnen fertig zu machen, bin ich ja diejenige, die mit den Autorinnen Ideen sammelt, Motive sammelt, das Briefing erstellt, die dann auch zwischen irgendwie der Marketingabteilung und den Autorinnen gemeinsam versucht, eben sozusagen zu dem Entwurf zu kommen, mit dem alle glücklich sind. Ich schreibe in der Regel auch den Vorschau-Text, wo ich mich eng mit den Autorinnen abstimme. Oft schreibe. Moderiere ich Veranstaltungen im Haus, wo es dann erstmal schon den Vertreterinnen oder ausgewählten Buchhändlerinnen das Buch vorgestellt wird, wo ich eben auch schon in diese Vermittlung nicht nur in die anderen Abteilungen im Haus, sondern auch schon in die Vermittlung nach außen gehe. Und deshalb ist es sozusagen wirklich von der ersten Idee bis zur Vermittlung des fertigen Buches kommt da alles zusammen. Gerade bei Debutantinnen hat man oft so dieses Ding, was hatte man in den letzten Jahren viel, gerade wenn es auch ein autofiktionales Thema war, wie viel gebe ich denn preis, worüber rede ich in der Öffentlichkeit, dass ich dann irgendwie sage, überleg dir fünf Geschichten, die du zu deinem Buch unbedingt loswerden willst sozusagen, Überleg dir aber auch, was ist dir zu intim, worüber möchte ich nicht sprechen, weil darauf musst du dich irgendwie vorbereiten, wenn du dann irgendwie in Interviews gehst, auf Bühnen sitzt und so weiter. Also, dass ich eben auch das Gefühl habe, ich begleite sie auch in dieser Vorbereitung darauf, wie sie dann mit der Öffentlichkeit umgehen. Und das ist natürlich bei Debutantinnen nochmal, habe ich nochmal sozusagen da mehr Verantwortung, sie da auch wirklich gut zu begleiten und ihnen den Rücken zu stärken, als wenn das alte Hasen sind, sozusagen, die das Spiel seit 40 Jahren spielen. Aber auch das finde ich sehr, sehr schön, dass ich hier Autorinnen und Autoren begleite, die wirklich schon Ende der 70er Jahre veröffentlicht haben und doch eben immer wieder ganz neue Stimmen entdecken kann und die auch miteinander dann irgendwie korrespondieren, finde ich immer wieder schön, die Texte.
Vera
00:48:58
Also das heißt, du begleitest wirklich deine Autoren, Autorinnen auch, wenn sie irgendwelche Fernsehauftritte haben oder wirklich auch Lesungen oder sowas?
Martina
00:49:08
Nee, also wenn Sie in Berlin eine Lesung haben, gehe ich natürlich hin. Und wenn ich für eine Moderation angefragt werde, mache ich das auch. Wenn es jetzt zum Beispiel bei Buchmessen diese ganzen Pressetermine gibt, da haben wir ganz tolle Kolleginnen in der Presseabteilung, die das dann übernehmen. Also ich mache alles, was irgendwie ums Buch herum sozusagen geht, aber eben nicht Veranstaltungsarbeit, Pressearbeit, Vermittlungsarbeit in internationale Märkte. Dafür haben wir dann die anderen. Social Media machen auch die Kolleginnen.
Vera
00:49:35
Ja, also ich habe gerade jetzt außer dem Lektorat, was ich wahrscheinlich nicht könnte, alles andere sind die Sachen, die ich ja am allerliebsten mache. Wie ist das denn bei dir? Du hast ja vorhin gesagt, am liebsten würdest du ja an den Texten arbeiten, aber es sind ja jetzt doch sehr viele andere Aufgaben.
Martina
00:49:56
Das stimmt, also ich liebe schon auch wirklich die Arbeit an den Texten mit den Menschen zusammen, also so die Beziehung zu den Autorinnen und Autoren, die da gewachsen sind über die Jahre, das ist schon was wirklich Schönes, dann aber eben wirklich auch dieses gemeinsame Nachdenken über den Text finde ich ganz toll, ich finde sozusagen ganz, Diese Dinge drumherum, die zwar zum Buch gehören, aber das würde ich so nachrangig sehen. Also Vorschau-Text schreiben finde ich immer eine Herausforderung.
Vera
00:50:32
Ja, wem sagst du das?
Martina
00:50:32
Aber dann denkt man auch noch, man muss dann auch verschiedenen Ansprüchen genügen. Irgendwann war die Rede von Suchmaschinen optimiert und was weiß ich nicht alles. Und dann eigentlich müsste man ja auch, gerade jetzt, wo sich die Zielgruppen so ausdifferenziert haben, eigentlich für jede Zielgruppe einen eigenen Vorschau-Text schreiben. Die Buchbloggerinnen ein und für die Presse ein und für die Veranstalterinnen ein und auch da wieder für verschiedene Lesekreise ein. Und die Möglichkeit habe ich nicht und dann habe ich nur 1200 Zeichen zur Verfügung, muss versuchen, dann diesem Buch gerecht zu werden und dann auch noch allen Zielgruppen gerecht zu werden. Und das finde ich sozusagen, wenn ich schon darüber nachdenke, und das steht mir diese Woche bevor, werde ich müde.
Vera
00:51:14
Ja, also das kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich meine, geht dazu genauso. Und das ist auch immer so ein Punkt, was schreibe ich da jetzt rein und wie. Weil ich finde ja nichts schlimmer, als wenn dann irgendwie das Buch nicht so läuft und man denkt, Moment, vielleicht habe ich da einen Fehler gemacht. In meinem Fall bin ich es ja selbst schuld, in deinem Fall bist du es dann schuld. Und der Autor, die Autoren sagt, was hast du da gemacht?
Martina
00:51:37
Genau, und das ist eben auch wirklich immer die Frage, weil man die Dinge halt auf so Schlagworte dann runterbrechen muss oder eine gute Headline oder so. Und das ist ja immer defizitär. Wenn man es so schnell sagen könnte, bräuchte man kein ganzes Buch irgendwie dafür. Ja, so ist die Logik. Aber klar gibt es sozusagen keine, also man möchte ja auch, dass die Bücher von möglichst vielen Leuten gelesen werden. Also es ist ja diese Vermittlungsarbeit, wo man dann idealerweise Leute mit Begeisterung ansteckt, finde ich auch total schön. Und das habe ich zum Beispiel eben auch begonnen. Das habe ich früher nicht so gemacht. Aber in den letzten Jahren beobachte ich wahnsinnig viel, was eben auf Insta oder diesen ganzen Communities vorab lesen, Lovely Books, bla bla bla irgendwie stattfindet, weil ich eben das Gefühl habe, dass da auch so viel Tolles an Literaturrezeption passiert. Und das möchte ich auch nicht missen, dieses Teilen mit anderen Leuten, die Begeisterung.
Vera
00:52:35
Wobei jetzt von BookTok seid ihr doch wahrscheinlich genremäßig überhaupt gar nicht betroffen, oder?
Martina
00:52:41
Zum Teil haben da wirklich auch Klassiker noch ihren Auftritt und kommt total gut an. Ich erinnere mich, unser meistgeklicktes Buch bei TikTok war, glaube ich, eine Zusammenfassung von Bertolt Brecht oder so. Also es kam richtig gut an.
Vera
00:52:56
Aber ihr habt ja mit Farbschnitt gemacht.
Martina
00:53:00
Das kommt dann als nächstes.
Tamara
00:53:03
Auf jeden.
Vera
00:53:06
Manchmal sind doch da irgendwelche TikTokerinnen, die die Bücher nach Farbe sortieren. Ja, stimmt.
Martina
00:53:11
Aber da kann ich unsere Edition Surkamp nach Regenbogen sortiert empfehlen.
Vera
00:53:15
Okay. Das machen wir jetzt. Da machen wir den Hit draus. Ja, auf jeden Fall. Also ich muss ja ganz, wie du das so schildernst mit der Betreuung, da muss ich immer an das klassische Bild der Schriftsteller in den Filmen denken. Da gibt es ja meistens den erfolgreichen Schriftsteller und die Schriftstellerin, die gerade auch eine Schreibblockade hat und dann kommt immer der treusorgende Lektor gerne im Tweetsacko oder die treusorgende Lektorin, die meistens auch die Ex-Frau ist und betreut sie dann. So ist das doch immer in den Filmen. Also bringst du deinen Autor und Autorinnen auch gerne mal was zum Essen, damit die nicht verhungern während des Schreibprozesses?
Martina
00:53:56
Ich lade sie zum Essen ein.
Vera
00:53:58
Ich lade sie zum Essen ein.
Martina
00:53:58
Das möchte keiner haben. Aber doch, also es ist schon klar. Also das ist ja eben auch das, was ich meine mit gewachsenen Beziehungen. Dass es eben oft dann auch wirklich Freundschaften daraus werden und sozusagen, die Grenzen sind bei jedem dann irgendwie nochmal anders oder so, aber Twizzakogok habe ich, glaube ich, auch noch im Schrank. Nein, und die meisten, also der Verlag ist ja 2010 nach Berlin gezogen und das fällt mir schon auf, dass die meisten der Autorinnen in Berlin oder Leipzig oder so leben und dass diese persönliche Begegnung schon auch wirklich sehr schön ist. Das habe ich während Corona auch wirklich vermisst, wo man dann irgendwie mit Leuten sich wirklich nur noch digital ausgetauscht hat über Texte, weil oft auch dieses gemeinsame Kaffee trinken, wo man gar nicht konkret an einem Textproblem sitzt, aber irgendwie so rumspinnt. Weil man hat es dann oft einen Knoten oder so.
Vera
00:55:01
Ja, absolut. Also sehr gerne. Ich kann jetzt schon mal sagen, ich würde gerne mit dir einen Kaffee trinken und rumspinnen. Nein, und ich kann das sehr gut nachvollziehen. Also wenn da so eine Person ist, die quasi das Baby, was man da immer unter Schmerzen gebärt, so als erstes betrachtet und dann sagen muss, ob es denn auch schön aussieht, Das ist schon ein ganz besonderes Verhältnis. Ich arbeite jetzt auch schon zehn oder zwölf Jahre fast mit meiner Lektorin zusammen. Und die sitzt auch in Berlin, witzigerweise. Aber deswegen können wir so selten Kaffee trinken.
Martina
00:55:39
Das wollte ich aber sagen. Ihr habt doch sicher auch Leute, denen ihr eure Texte zu lesen gebt oder mit denen ihr euch darüber austauscht. Also ich glaube, Schreiben ist irgendwie ein einsames Ding. Aber irgendwie ist es so wichtig, dass man eben mit Leuten darüber dann auch irgendwie ins Gespräch kommt, bevor man es dann in der ganzen Welt besitzt.
Tamara
00:55:58
Ja, absolut.
Vera
00:56:00
Was meinst du, warum wir seit fünf Jahren diesen Podcast machen? Das ist immer unsere Therapiestunde einmal die Woche. Liebe Martina, ich finde deine Einblicke wirklich absolut faszinierend. Und vielen, vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast. Und das mit dem Kaffeetrinken machen wir wirklich. Bist du eigentlich in Leipzig?
Martina
00:56:23
Ich werde in Leipzig sein.
Vera
00:56:24
Ja, komm, da sollten wir das machen wir aus.
Martina
00:56:28
Und den analogen Kaffee zusammen trinken.
Vera
00:56:31
Du bist aber noch nicht entlassen, weil es gibt noch die drei total kritischen Buchbubble-Fragen von Tamara.
Tamara
00:56:39
Jawohl, da hast du einen großen Fundus, aus dem du schöpfen kannst. Egal, ob jetzt aus der Arbeit oder vielleicht, weil du privat gelesen hast, Welches Buch hat dich zuletzt entweder Tränen lachen oder weinen lassen?
Martina
00:56:51
Da ist mir sofort ein Buch eingefallen und das ist von Miranda July All Fours, das in deutscher Übersetzung bei Kim Heuer & Witsch erschienen ist in diesem Sommer, wo Miranda July, die ich auch als Filmemacherin und als Autorin schon seit Jahren sehr liebe, diesen Roman über diese Mit-40er-Forschung, Künstlerin geschrieben hat und dieses Buch war so close to home, auch wenn ich noch wenige Jahre jünger bin, aber dass ich, also das hat mich zum Weinen und zum Lachen gebracht und ich habe es all meinen Freundinnen geschenkt und, habe den Eindruck, dass wirklich nochmal ein Gespräch über sowas wie Menopause, Begehren, Frau sein nachhaltig verändert hat. Das wirklich jedem ans Herz lehnt.
Tamara
00:57:39
Spannend. Tun wir in die Shownotes und gehen direkt weiter zur nächsten Frage. Welche Begegnung in der Buchbranche hat dich denn ganz besonders inspiriert?
Martina
00:57:49
Da muss ich meine Chefin nennen, das ist Doris Plaschberger. Von Doris habe ich alles gelernt. Ich habe 2010 kam mich direkt aus dem Studium, dachte eigentlich, ich würde promovieren. Dann kam im Surkamp nach Berlin von Frankfurt und hat ein Stellen ausgeschrieben. Und ohne jede Verlagserfahrung habe ich mich da beworben und wurde als ihre Assistentin genommen. Und ich hatte keine Ahnung. Ich wusste nicht, was ein U4-Text ist. Ich wusste nicht, was Fahnen sind. Diese ganzen Abkürzungen, komischen, kryptischen Zeichen beim Lektorieren waren alles ein Rätsel. Und sie hat mich dann wirklich sozusagen unter ihren Flügel genommen und mir alles beigebracht. Und jetzt ist sie die Programmleitung für deutschsprachige Literatur und ich bin Lektorin und wir machen das jetzt schon seit 15 Jahren. Und immer noch, wenn ich sie über Bücher sprechen höre, ist das so ansteckend in der Begeisterung und so klug und schön, dass ich, glaube ich, niemand anderen nennen kann, der mich auf gleiche Weise beeinflusst hat.
Tamara
00:58:47
Sehr schön. Und dann, ich weiß gar nicht, ob du mit Klischees so oft zu tun hast in der Literatur, aber welches Klischee möchtest du auf gar keinen Fall je wieder in einem Buch lesen?
Martina
00:58:58
Ja, das ist schwer, weil ich würde sagen, dass Klischees generell eigentlich in der Literatur nur gut sind, wenn sie irgendwie unterlaufen werden oder originell gebrochen werden. Deshalb gerne Klischees, wenn man aber irgendwie was Überraschendes damit macht. Aber was ich wirklich nicht mehr lesen möchte, sind Frauen, die von Männern gerettet werden müssen. Ich glaube, damit sind wir in den Grimmensmärchen schon taktiert worden.
Vera
00:59:23
Ja, das wird doch immer gerne genommen. Ja, vielen, vielen Dank, liebe Martina, dass du dir heute die Zeit genommen hast. Uns hat das großen Spaß gemacht und haben auch viel gelernt über die Geschehnisse in einem Verlag wie Surkamp. Und an euch da draußen bleibt natürlich die Aufforderungen. Folgt uns, wo immer ihr könnt und erzählt anderen von uns. Gebt uns auch gerne so ein bisschen Feedback. Vielleicht habt ihr ja auch schon mal ein Manuskript nach Surkamp geschickt und wartet noch darauf, dass es entdeckt wird. Also all dies hören wir sehr gerne von euch. Ansonsten gibt es uns nächste Woche wieder. Da haben wir ja sogar Jubiläum, 250. Folge. Da haben wir uns was Neues überlegt. und ja, also ihr wisst, was ihr zu tun habt, bleibt losgewogen bis nächste Woche.
Tamara
01:00:12
Tschüss bis dann, danke Martina.
Martina
01:00:14
Vielen Dank euch, bis bald, tschüss.