Die Zwei von der Talkstelle

Gespräche aus der Selfpublisher- und Buchbubble

DZVDT #253 - Lesungen mit dem besonderen Kick! Kulturkonzepter Tilman Strassers kreative Events

Eine Lesung, kombiniert mit einer Fahrradtour? Warum nicht, findet Kulturkonzepter Tilman Strasser. Denn Menschen mit kreativen Ideen und Event-Konzepten zum Lesen zu bringen, ist seine Leidenschaft und dafür malt er auch mal Innenstädte mit Kreide voll.

13.03.2025 72 min

Zusammenfassung & Show Notes

Eine Lesung, kombiniert mit einer Fahrradtour? Warum nicht, findet Kulturkonzepter Tilman Strasser. Denn Menschen mit kreativen Ideen und Event-Konzepten zum Lesen zu bringen, ist seine Leidenschaft und dafür malt er auch gerne mal Innenstädte mit Kreide voll.
Bei Vera und Tamara stößt er mit seinen originellen Ideen natürlich auf größte Gegenliebe. Doch da sind auch die ein oder anderen Aspekte im Literaturbetrieb, die die beiden gerne verändert erleben würden.
So oder so begeistert Til mit seinen Einfällen und seinem unkonventionellen Blick auf Kulturveranstaltungen. 

Eine Lesung, kombiniert mit einer Fahrradtour? Warum nicht, findet Kulturkonzepter Tilman Strasser. Denn Menschen mit kreativen Ideen und Event-Konzepten zum Lesen zu bringen, ist seine Leidenschaft und dafür malt er auch gerne mal Innenstädte mit Kreide voll.

Bei Vera und Tamara stößt er mit seinen originellen Ideen natürlich auf größte Gegenliebe. Doch da sind auch die ein oder anderen Aspekte im Literaturbetrieb, die die beiden gerne verändert erleben würden.

So oder so begeistert Til mit seinen Einfällen und seinem unkonventionellen Blick auf Kulturveranstaltungen.

Links

Unser Gast:
https://tilmanstrasser.de

Tilmans Buchtipp:
'Ich will kein Hund sein' von Alma Mathijsen
https://www.amazon.de/Ich-will-kein-Hund-sein/dp/3406768474

Sonstige:

Tamaras Vorablesung aus „Rock in Peace“
(Support für: Butterwegge Solo – Komm, is gut Tour 2025):
26.04.2025, DFG Café Saarbrücken
https://dfg-cafe.de/mevents/butterwege-solo-komm-is-gut-tour-25/

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Transkript

Vera
00:00:00
In Folge 253 haben wir Tillmann Strasser zu Gast. Er ist Autor und Kulturkonzeptor. Er beschäftigt sich mit originellen Wegen, die Literatur an die Menschen zu bringen. Sei es, ob er in WGs lesen lässt oder mit dem Fahrrad über den Niederrhein fährt.
Tamara
00:00:19
Ja, ich bin auch ganz angetan. Till ist eine Maschine der kreativen Ideen. Er hat uns einige Beispiele genannt und hat so viele Gedanken in mir angeregt. Die muss ich jetzt erst mal verarbeiten. Die 2, Hier ist Folge 253 von die 2 von der Talkstelle. Mir gegenüber sitzt wieder mal virtuell zugeschaltet die liebe Vera Nentwig. Und ich bin Tamara Leonhardt. Hallo.
Vera
00:01:01
Hallo. Eigentlich habe ich ja gedacht, wir würden uns jetzt haarfarbenmäßig annähern.
Tamara
00:01:07
Was nähern wir uns an? Ach, Haarfarbe. Ich habe Haarfar verstanden.
Vera
00:01:13
Ich habe jetzt Magenta-Strahlchen, wie du siehst. Ich leuchte schön so rötlich, aber du leuchtest nicht mehr rötlich.
Tamara
00:01:21
Doch, das Licht ist gerade nicht so. Und vielleicht müsste ich mal wieder nach Naturhaarfarbe pushen.
Vera
00:01:33
Okay. Und ja, was leuchtet denn, wenn die Haare jetzt hier schon nicht in die Kamera leuchten, aber sonst leuchtet ja alles, du lächelst, alles gut. Du hast Ende geschrieben, das hatten wir letzte Woche, glaube ich, schon.
Tamara
00:01:47
Ja, das ist schon bald nicht mehr wahr.
Vera
00:01:50
Ja, genau.
Tamara
00:01:52
Ja, ich bin in der Schlussüberarbeitung und die ersten drei Kapitel waren auch schon bei der Lektorin und es geht alles seinen Gang. Ich habe tatsächlich im Moment ein bisschen das Problem, was du auch neulich geschildert hast, dass ich mich schwer tue, am gleichen Tag so verschiedene Tasks zu machen. Deswegen habe ich jetzt am Sonntag mal einen langen Manuskripttag eingelegt, aber das geht alles seiner Wege. Und da es jetzt offiziell auf der Veranstalter-Website angekündigt ist, nehme ich mal an, darf ich auch meine ominöse Vorablesung jetzt bekannt geben, auf die ich mich schon sehr freue. Und zwar, liebe Saarland da draußen und liebe Punk-Fans, ich darf, ich freue mich echt total, am 26. April das Vorprogramm machen für Butterwecke. Der eine oder andere, der in der Szene unterwegs ist, kennt ihn wahrscheinlich mit seiner Band. Da ist er wirklich, die sind sehr punkig unterwegs, könnt ihr sonst auch mal auf Spotify euch anhören. Aktuell ist er aber auf Solotour. Ich habe das Programm in Trier schon gesehen. Also da ist er mit Akustikgitarre und lustigen Geschichten aus seinem Leben unterwegs. Und ja, macht sehr viel Spaß. Und da darf ich den Support Act mimen mit einer Konzertlesung. Also um 19 Uhr ist Einlass, 20 Uhr geht es los und dann darf ich bis kurz vor neun mein Buch vorstellen. Und ich glaube, ich habe es noch nicht gesagt, wo. Also im DFG-Café in Saarbrücken. Link packe ich mal in die Shownotes und würde mich freuen über den oder die ein oder andere BesucherInnen.
Vera
00:03:38
Ja, sehr schön, sehr schön. Ja, ich hatte heute am Dienstag, ich hatte am Samstag einen sehr, sehr schönen Kabarettauftritt. In Niederkrüchten, in einem sehr, sehr schönen Location, so einer ehemaligen Gaststätte, die so zum Kulturstätte umgestaltet wurde, sehr liebevoll gemacht und es war wirklich sehr, sehr schön, nette Leute da, die Resonanz war toll, es waren auch Podcast-Fans da und ja, also ich bin wirklich sehr beschwingt nach Hause gefahren Und in diesem Schwung habe ich dann Sonntag losgeschrieben und habe dann den Showdown geschrieben, um dann festzustellen, eigentlich fehlen noch 2.000, 3.000 Wörter auf mein übliches Level. Aber wie das so ist, ich habe es dann nochmal alles durchgelesen und habe dann heute Morgen, Das dann noch ein bisschen ausgeschmückt und reingeschrieben, wie es riecht.
Tamara
00:04:44
Sonst hätte ich jetzt nämlich gesagt, Form follows Function.
Vera
00:04:52
Ich neige immer im ersten Schwung viel zu schnell aufs Ziel zuzugehen. Also von daher ist da jetzt noch was Luft drin, da muss ich noch ein bisschen ran. Aber ich bin dem Ende sehr nahe und habe auch schon so ein bisschen darüber nachgedacht, natürlich so mit Buchstart. Ich hatte ja schon gesagt, dass die Buchstartpartie im Rahmen des hiesigen Kulturevents am 28. Juni zusammen mit der Buchhandlung sein wird. Und ich hatte eine verrückte Werbeidee, sage ich mal so. Und dann bin ich mal zu der Buchhandlung gegangen und habe denen meine verrückte Werbeidee gesagt, ob die sich vorstellen könnten, sich daran zu beteiligen. Und die Buchhändlerin, mit der ich immer rede, sagt sie, ja, müsste sie den Chef fragen, aber normalerweise wäre der bei so Sachen immer eher zurückhaltend und hat dann auch nicht wirklich mit gerechnet. Ich habe gesagt, mein Versuch macht klug. Aber sie wollte mal fragen. Naja, und gestern kam Mail, dass der Chef total begeistert ist.
Tamara
00:05:59
Jetzt will ich es wissen.
Vera
00:06:01
Nein, das sage ich aber noch nicht.
Tamara
00:06:02
Hey! Wie gemein bist du denn?
Vera
00:06:09
Nee, ich habe jetzt erst mal nächste Woche Termin in der Buchhandlung, um zu besprechen, weil der Chef hatte da noch alle möglichen anderen Ideen, also wie man das noch besser nutzen könnte und so. Deswegen will ich jetzt keine unausgebrüteten Eier hier kundtun und muss nachher sagen, nee, geht doch nicht.
Tamara
00:06:27
Aber nachher so unter vier Augen.
Vera
00:06:29
Ja, mal sehen. Und, äh. Aber, ja, also, ich war völlig überrascht, da hatte ich gar nicht mit gerechnet, die hat gesagt, naja, gut, die sagen jetzt, nee, ist nicht, und dann, gut, ne, insofern, ja. Ja, und morgen, wie gesagt, am Mittwoch habe ich ja wieder Auftritt und freue mich schon sehr darauf, so, und es hat wieder großen Spaß gemacht. Ich habe natürlich das Programm vor einem halben Jahr zuletzt gespielt, dann ist es nur im Angang wieder in Gang kommen, wieder Text lernen und so. Aber es hat dann wirklich richtig gut getan, das da auf der Bühne und wieder das Publikum zu spüren und die doch wirklich sehr, sehr begeisterten Stimmen wieder zu hören. Und am Ende standen die drei Damen von der dortigen Stadtbibliothek vor mir, und ich sagte, Stadtbibliothek, wieso habe ich bei Ihnen noch nicht gelesen? Ja, deswegen sind wir hier. Dann hatten die tatsächlich auch schon Bücher von mir gelesen. Und das fand ich doch, dann denkst du doch, okay, mach es nicht alles so völlig umsonst. Ein paar Leute kriegen es doch mit. Auch wenn sie viel zu wenig was sagen, also nochmal als kleiner Wink mit dem Zaun fallen euch, liebe Hörerinnen und Hörer. Wir haben, Am Sonntag habe ich eine Nachricht von der lieben Melanie bekommen, die uns gesagt hat, wie Spaß sie an unserem Podcast hat. Und ich habe es direkt an Tamara weitergeleitet. Und du kannst ja auch mal sagen, das erhält einem sofort den Tag.
Tamara
00:08:12
Ja, das war eine sehr, sehr liebe Nachricht.
Vera
00:08:14
Also bitte, wir brauchen da noch mehr von. Wir brauchen das.
Tamara
00:08:21
Betüddelt uns ein bisschen.
Vera
00:08:22
Ja, sowas von. Und also wie sagst du das Feedback mit Publikum und die Sachen, wobei ich ein bisschen Angst um dich habe Du.
Tamara
00:08:35
Hast Angst um mich?
Vera
00:08:37
Ja, also Vorprogramm bei einem Punk-Sänger also man hat da so Horror-Stories von fliegenden Bierflaschen oder sonst was vor Augen Nein.
Tamara
00:08:48
Das sind doch alles ganz liebe Leute und wie.
Vera
00:08:51
Gesagt das.
Tamara
00:08:52
Solo-Programm ist auch ruhiger, das ist ein bisschen ja, ich glaube, er sagt selber, ich muss mal gerade schauen, genau, im Programm steht, Butterwecke Solo könnte man auch eine musikalische Laberlesung nennen. Also ich finde, das passt doch sehr gut zusammen vom Konzept her und ich fühle mich da sehr gut aufgehoben.
Vera
00:09:10
Ja, da bin ich sehr gespannt, ja. Saarbrücken, ja, mal sehen. Ist ja noch ein Stück von mir aus hier. Vielleicht müssen wir doch mal zusammen die Tournee machen.
Tamara
00:09:22
Auf jeden Fall. Aber apropos Tournee und unterwegs, also du hast es ja gestern live mitbekommen, ich habe jetzt meine Tickets endlich nach Leipzig, ich habe ja noch nicht gebucht gehabt und ja, das war gestern ein ziemlicher Schreck, als ich dachte, Gott sei Dank, jetzt hast du alles in deiner DB-App, endlich ist das erledigt und ich gucke nochmal drauf und da steht das falsche Datum auf meiner Reise. Um hier nochmal zumindest die Anekdote zum allgemeinen Amüsement zur Verfügung zu stellen.
Vera
00:09:58
Aber du konntest es noch korrigieren.
Tamara
00:10:00
Ja, gerade so, weil ich hatte halt beim Buchen noch so gedacht, Storneoption kostet 20 Euro mehr. Nö, ich weiß ja jetzt, dass ich hinfahre, ist ja schon bald, ich werde jetzt auch nicht krank. Und das war so mein erster Gedanke, verdammt nochmal, jetzt hast du keine Storneoption. Und meine erste Lösung war, jetzt muss ich das Hotel länger buchen. Du sagtest dann ja auch, aber so kurzfristig danach kann man doch bestimmt stornieren und mein Mann hat zum Glück, weil ich gleich direkt komplett die Nerven verloren habe, hat einen kühlen Kopf bewahrt und hat gegoogelt und hat gesagt, in der App hast du drei Stunden nach dem Buchen eine Sofortstornieroption und das kriegen wir hin und das war dann auch so. Und ja, also jetzt, ich habe auch alles nochmal fünfmal durchgelesen, ich reise am Donnerstag an und am Sonntag wieder ab, es ist jetzt alles richtig, und ich freue mich drauf.
Vera
00:10:53
Ja, sehr schön, ich freue mich auch. Wir sind ja dann erstmalig auch zusammen im Hotel, mein Gott. Gott, das wird ja eh nicht, so lange waren wir noch nie zusammen, Tamara.
Tamara
00:11:05
Also wenn es dann nach der LBM keinen Podcast mehr gibt, dann wisst ihr warum.
Vera
00:11:13
Ja, aber da sind wir ja bei den großen Events und bei den Konzepten. Und das ist das Thema, das wir heute mit unserem Gast mal etwas näher beleuchten wollen.
Tamara
00:11:24
Jawohl.
Vera
00:11:25
Es geht heute um kulturelle Events. Und da haben wir uns jemanden eingeladen, der ja eine ganz besondere Berufsbezeichnung hat. Er nennt sich Autor und Kulturkonzepter. Wir freuen uns sehr, dass er heute Zeit für uns hat. Tillmann Strasser ist da. Hallo Till.
Tilmann
00:11:44
Hi, guten Tag. Ich freue mich, dass ich da sein kann.
Vera
00:11:47
So Till, dann musst du jetzt erst mal erklären, was ist ein Kulturkonzeptor?
Tilmann
00:11:54
Das muss ich häufiger erklären, kann ich dir sagen.
Vera
00:11:56
Ja, nacht ich mir schon.
Tilmann
00:11:58
Was auch daran liegt, dass ich mir das Wort einfach ausgedacht habe. In Ermangelung, ja, das ist eine reine Eigenerfindung. Wobei, das ist ja häufig so, wenn man sich dann Begriffe ausdenkt, dann kann man beglückt dabei zugucken, wie die weiter Karriere machen. Inzwischen habe ich schon mehrere Kulturkonzepte auch sonst noch kennengelernt. Bin mir ziemlich sicher, dass die das irgendwie entweder auf meiner Website oder anderweitig aufgeschnappt haben müssen. Aber genau, es gibt also keine lexikalische Definition dieses Begriffes, sondern nur meine ganz persönliche. Ich habe dieses Wort erfunden, weil ich einen Terminus dafür haben wollte, der ein bisschen sogar über die Literatur hinaus beschreibt, was ich so mache. Und zwar versuche ich, mir eigentlich literarische Vermittlungsformate auszudenken, Also Festivals oder Lesereien oder besondere Arten der Moderation oder vielleicht auch Workshop-Konzept oder Seminare. Alles, was irgendwie zwischen Literatur und Menschen, die sie rezipieren, vermitteln kann. Aber ich versuche das auch im Zusammenspiel mit anderen Künsten zu machen. Also vorzugsweise mit Musik, manchmal auch mit bildender Kunst. Und was da dann interdisziplinäre Formate, wo, ich sage jetzt mal ganz platt zum Beispiel, auch eben eine Musikerin und ein Literat ein gemeinsames Programm entwickeln können und dann dabei sich gegenseitig künstlerisch befruchten und nochmal neue Funken schlagen aus ihren bisherigen Arbeiten. Und da mir das im Wort Literaturvermittler, das ich sowieso so ein bisschen spröde finde, nicht so ganz aufgehoben zu sein schien, habe ich gedacht, Kulturkonzepter, das klingt irgendwie cooler nach Werbung, wo es ja Konzepter gibt, aber dann eben mit dem Wort Kultur noch dabei auch wieder nicht so werblich und Leute fragen nach, was das denn heißen soll. Und das ist natürlich super, weil dann kann ich es erklären nur schon, sondern im Gespräch.
Vera
00:13:43
Absolut, genau. Ich muss ja gestehen, ein bisschen habe ich es mir schon in der Richtung gedacht. Das war ja auch der Grund, warum wir uns eingeladen haben, weil da bist du bei uns ja sowas von richtig. Weil die Tamara zum Beispiel bei ihren Lesungen singt, einen Musiker dabei hat, und ihre Bücher sind natürlich Hochliteratur.
Tamara
00:14:08
Die Vera Kabarett um ihre Bücher herumbau.
Vera
00:14:12
Genau, genau. So, haben wir dir jetzt deinen Beruf weggenommen oder könntest du.
Tamara
00:14:20
Der kann das noch perfektieren.
Vera
00:14:23
Was können wir von dir lernen?
Tilmann
00:14:26
Keine Ahnung, ob ihr was von mir lernen könntet. Das würde ich mir nicht anmaßen zu sagen. Und weggenommen habt ihr mir natürlich gar nichts. Im Gegenteil, das ist super, wenn möglichst viele Leute, denke ich, über Genre-Konventionen, die es denn überhaupt noch geben sollte, oder über Schubladen hinausdenken und sich einfach für sie individuell die besten Vermittlungsformen oder die besten Performanceformen raussuchen. Das finde ich erstmal klasse und da können wir ja alle nur von profitieren. Nee, im Gegenteil, ich freue mich eigentlich, wenn wir da gemeinsam an unterschiedlichsten Orten und an unterschiedlichsten Enden immer weiterentdecken und weiterentwickeln können. Und ich glaube, dass da auch der Literaturbetrieb, wenn es denn einen solchen in dieser strengen Form geben sollte, da immer gerne mal noch ein paar Scheuklappen mehr ablegen darf. Speziell wenn wir über die viel geschmähte, viel zitierte Wasserglaslesung reden, die es aber ja doch an vielen Orten immer noch gibt und die damit einhergehende, ich nenne es mal klassische Inszenierung mit so einem kleinen Podest und mit dem sprichwörtlichen Wasserglas am Tischchen und mit der Moderation, die sich aber auch nur traut, so oberflächliche Dinge abzufragen und mit dem höflich applaudierenden und manchmal hüftelnden Publikum und so. Das darf ja weiter existieren, das ist ja auch schön und gut, aber es darf noch mehr drüber hinaus und noch mehr drumherum geben. Und wenn wir da gemeinsam ins Nachdenken kommen, dann counten wir in.
Vera
00:15:46
Ja, aber du hast mir genau wieder ein Stichwort gegeben, genau diese klassischen Wasserglaslesungen. Du hast gesagt, ja, die existieren. Und ich merke auch immer, wenn ich jetzt so versuche, irgendwie mit meinen Auftritten gerade so vielleicht auch in Richtung klassischen Buchhandel zugange zu kommen, dass da so die ich sag mal Offenheit für neue Formate doch eher begrenzt ist und, wenn ich dann auch komme, allein wenn ich schon sage ich brauche keinen Tisch und Stuhl, weil ich sitze nicht bei meiner Lesung, ich renne rum sind die schon völlig konsterniert so, siehst du denn ist dann doch so ein großer Markt für diese Wasserglaslesungen, oder müssten wir mehr in mehr Entertainment gehen.
Tilmann
00:16:39
Ich tue mir tatsächlich schwer, den Markt so richtig abschließend zu beurteilen. Es gibt auf jeden Fall schon ein Publikum, das diese Erwartungshaltung hat. Aber das würde ja auch nicht automatisch bedeuten, dass dieses Publikum dann nicht mehr käme oder völlig verschreckt wäre, wenn es dann auf einmal mit einer Nicht-Wasserglas-Bilderung konfrontiert würde. Also konkreter, ich kann mir vorstellen, dass da der ein oder andere Buchhändler manchmal zusammenzuckt, wenn er sich vorstellt, jetzt läuft da jemand auf und ab an meinen Regalen und spielt dabei noch Gitarre. Das kenne ich ja gar nicht. Aber das heißt ja nicht automatisch, dass die Leute, die dann zur Veranstaltung kämen, das nicht trotzdem auch mal für eine tolle Abwechslung hielten. Im Gegenteil, ich bin mir ziemlich sicher, dass auch das etablierte Publikum wahrscheinlich Bock hat, überrascht zu werden. Und das schätzen wir doch häufig auch an guter Literatur, dass wir eben nicht erwarten können oder sozusagen in unserer Erwartung bestätigt werden, dass es jetzt so und so passiert und dass die Struktur des Romans sich so und so weiterentwickelt, sondern dass da Überraschungen lauern. Also entsprechend, ich weiß nicht, ob der Markt das mich auch ein bisschen erwartet, aber ich glaube, man kann dem Markt da auf jeden Fall eine positive Überraschung bereiten.
Tamara
00:17:47
Ich glaube, es ist ja auch so ein bisschen eine Frage, in welchem Bereich, welchem Zielpublikum man unterwegs ist. Also ohne jetzt all den zauberhaften BuchhändlerInnen da draußen zu nahe treten zu wollen, glaube ich ja schon, dass da tendenziell eher mal eben Leute dabei sind, die sagen, so ist das halt, so haben wir das immer gemacht. Aber wenn man jetzt in andere Bereiche geht, also ich darf jetzt im April eine Konzertlesung geben als Opener vor einem Konzert eines eigentlich Punkmusikers. Das ist ja eine ganz andere Ecke und ich glaube, da wären die Leute sehr irritiert, wenn ich einfach da sitze und aus dem Buch vorlese. Also ich denke, man kann sich da neue Märkte auch erschließen.
Tilmann
00:18:32
Definitiv.
Tamara
00:18:33
Und gerade so das Publikum, was jetzt noch nicht so super literarisch unterwegs ist, da ist ja auch einfach diese TikTok-Aufmerksamkeitsspanne da und da muss man das, glaube ich, ein bisschen aufbrechen. Mhm.
Tilmann
00:18:46
Es hat sich ja eh schon verschoben. Also früher waren Lesungen noch viel krasser, wirklich Vorlesungsveranstaltungen. Da haben AutorInnen manchmal ihr halbes oder sogar ganzes Buch vorgetragen und vielleicht gab es davor und danach noch einleitende Worte durch BuchhändlerInnen oder ModeratorInnen. Und inzwischen sind das ja häufig schon Talk-Veranstaltungen, bei denen eigentlich nur noch 20 Minuten aus dem Buch gelesen wird oder auch mal 40, aber in dem Bereich spielt es sich dann ab. Und auch da hat sich ja schon gezeigt, dass es eine Varianz geben kann und dass es eigentlich cool ist, wenn es verschiedene Arten von Formaten und verschiedene Publika gibt. Und genauso können wir, glaube ich, immer mehr darüber nachdenken, das auch noch zu erweitern. Und so wie du sagst, Tamara, da auch Leute, die jetzt gar nicht unbedingt mit einer klassischen Lesung rechnen, mal mit Literatur zu konfrontieren und zu merken, ach, die haben da durchaus auch Interesse dran oder können an bestimmter Art von Literatur großes Interesse haben. Das ist ja auch eine wunderbare Chance für viele Texte.
Vera
00:19:43
Wie starten bei dir dann jetzt so Projekte? Wachst du irgendwann morgens auf und sagst, oh, das wäre eine coole Idee, das mache ich jetzt mal? Oder gibt es konkrete Anlässe, dass du sagst, das Buch müssen wir irgendwo ranbringen oder... Hier ist ein Event, wo ich was tun muss. Was ist so der Auslöser?
Tilmann
00:20:01
Also ehrlicherweise für die Literaturvermittlungs- und Kulturkonzepterprojekte, die ich mache, gibt es tatsächlich häufig Anlässe auch von außen. Also sei es, dass Leute auf mich zukommen und sagen, hey, können wir da ein Format oder sogar eine Reihe entwickeln, weil uns fehlt da als Literaturhaus oder als Veranstalter irgendwie was im Programm. Oder ich komme im Gespräch mit Leuten drauf, dadurch, dass ich mich schon ein paar Jahre in der Branche bewege und, keine Ahnung, dann mal mit jemandem in Hagen zusammensitze, die sagt, hey, wir haben eigentlich das Potenzial, hier noch viele junge Leserinnen und Leser anzulocken, aber irgendwie haben wir noch nicht richtiges Programm dafür, können wir uns da nicht gemeinsam was überlegen. Das kommt schon vor und dann spinnen wir gemeinsam rum und überlegen, was denn gerade die Hemmschwellen vielleicht sind und wie wir die überwinden können. Aber ich habe schon auch durchaus den Fall, dass ich durch die Gegend laufe oder wie du gesagt hast, aufstehe, aufwache oder, naja, meinetwegen auch unter der Dusche stehe oder sonst irgendwas mache und dann auf einmal denke, hey, wäre es nicht mal cool, eine Lesung in einem Schlachthaus zu machen? Wäre es nicht mal cool, einen gemeinsamen Spaziergang zu machen und an jeder Ecke wartet eine Schauspielerin und trägt irgendwie Gedichte zum Klimawandel vor? Aber wäre es nicht mal spannend, eine Musikerin auf Texte reagieren zu lassen und einen Texter auf Musik reagieren zu lassen, um dann nur die Reaktionen vorzuspielen oder sowas in die Richtung. Wäre es nicht cool, gemeinsam einen Roman zu schreiben übers Internet? Gibt es natürlich alles schon. Aber solche Ideen kommen mir auch immer wieder, ohne dass ich drauf gewartet hätte. Und dann notiere ich die schnell und habe sozusagen immer ein kleines Archiv von Formatnummern. Auf das ich zurückgreifen kann, wenn mich dann jemand anspricht. Oder wenn ich irgendwie die Möglichkeit über einen Fördertopf sehe, hey, da könnten wir jetzt mal was verwirklichen. Oder hey, das will ich jetzt mal angehen, weil die Idee spuckt mir schon so lange im Kopf rum. Also ein bisschen zurückrudernd würde ich dementsprechend auch sagen, es ist vielleicht eher gemischt. Es ist vielleicht eher so 50-50, weil ich schon auch immer wieder denke, ach, das und das musst du jetzt einfach mal angehen, auch wenn da keiner nachgefragt hat. Und dann probiere ich das einfach umzusetzen.
Tamara
00:22:05
Sehr cool.
Tilmann
00:22:06
Vera, du bist doch am Niederrhein, oder? Habe ich das richtig gemerkt?
Vera
00:22:09
Ich bin am Niederrhein, ja.
Tilmann
00:22:10
Ah, ja, ja. Weil zum Beispiel der Kulturraum Niederrhein, die ja das ganze Gebiet so ein bisschen auch versuchen zu bespielen mit Veranstaltungen, mit denen habe ich jetzt neulich gesprochen über ein Festival, was wir dieses Jahr machen wollen. Und da war es so, dass die auf mich zum Beispiel zukamen und sagten, hey, wir haben diese am Niederrhein ja nicht selten sehr schönen, aber ein bisschen abgelegenen Orte. Wäre es nicht cool, die in so einem Festivalkonzept zu verknüpfen und zu sagen, einen Tag auf Schloss Ringenberg, einen Tag auf Schlösschen Borghese, ein Tag da, ein Tag dort und dann kann man so eine kleine Tour machen. Und dann haben wir gemeinsam was entwickelt und jetzt wird es wahrscheinlich so eine Art literarische Fahrradtour, wo Leute gemeinsam als kleiner Konvoi durch die Gegend fahren und an den jeweiligen Orten dann Lesungen hören und Musik noch dazu. Genau, und das wäre so ein Beispiel für Sachen, die bisher nicht herangetragen wurden und wo ich dann irgendwie gemeinsam mit den Impulsgebern was entwickeln darf.
Vera
00:22:58
Jetzt hast du ja gerade schon mal so das Stichwort Fördergelder gemacht, jetzt ja auch bei so öffentlichen Projekten. Wie ist das denn? So Dinge müssen sich ja finanzieren und welche Rolle spielt in irgendeiner Form ein zu erwartender Publikumszuspruch bei deinen Konzepten?
Tilmann
00:23:19
Der Publikumszuspruch spielt eine große Rolle, weil bei den Förderkonzepten es immer gewährleistet sein muss. das wisst ihr wahrscheinlich, dass es dann einen Eigenanteilfinanzierung gibt. Also sprich, wenn ich irgendein Festival für, ich sage mal, irgendeine Zahl 30.000 Euro plane, dann muss ein bestimmter Prozentsatz davon von mir selbst aufgebracht werden. Sagen wir mal 5.000 Euro oder so. Und die werde ich nur erwirtschaften, wenn genügend Publikum kommt, dass ich diese 5.000 Euro auch bezahlen kann. Sonst muss ich ja aus eigener Tasche oder aus der Institutionskasse die dann irgendwie begleichen. Also allein deswegen ist es schon relativ elementar, dass ich immer genügend Leute angelockt kriege. Aber, und das sage ich auch ganz offen, unser Business spielt sich ja im Förderbereich ab. Sprich, wir sind darauf angewiesen, dass Stiftungen oder Ministerien oder irgendwelche Arten von Geldgebern uns Kohle rüberschieben, mit der wir dann die tollen Projekte starten können. Und wenn es diese Anschubfinanzierung nicht gäbe, dann wäre es eine ganz andere Kulturlandschaft. Dann wäre es eine unsubventionierte, rein auf Publikumsinteresse ausgerichtete Kulturlandschaft. Und naja, wir wissen alle nicht, wie sie dann aussehe, aber definitiv anders als die jetzige. Und ich finde, das hat... Naja, das hat natürlich zwei Seiten, denn es gibt ja auch den Vorwurf, dass durch diese subventionierte Kulturlandschaft, dass ein vom Publikum abgekapselter Betrieb manchmal ist. Also dass wir, ich mache es ganz konkret, manchmal Veranstaltungen haben, die vielleicht sehr versponnen, sehr arty, sehr eigen, sehr unzugänglich sind. Und da kommen dann auch gar nicht viele Leute und man kann sich so ein bisschen fragen, hey, dafür hat der, Steuerzahler, die Steuerzahlerin jetzt Millionen ausgegeben, ich übertreibe bewusst ein bisschen, dafür, dass das irgendwie nur zehn Menschen erreicht, die diese moderne Musik überhaupt noch verstehen oder verstehen wollen, ist das wirklich sinnvoll? Und klar, die Frage kann man stellen, das wird nicht gern gemacht oder das wird im Kulturbetrieb, glaube ich, nicht gerne zugelassen, aber das müssen wir uns schon auch immer wieder, vor Augen halten, dass diese Projekte sich bemühen sollten um Vermittelbarkeit, sich sehr bemühen sollten um Anschlussfähigkeit, ohne deswegen gleich platt populär zu werden. Und ich glaube, auf diesem Grad wandeln wir ganz häufig und deswegen habe ich deine Frage auch ein bisschen gleich so aufgeschnappt wie so eine, jetzt nicht so ein Anstub zur Rechtfertigung, aber wie so ein Nachdenkimpuls. Hey, guckt ja auch immer wieder, dass bei diesen Literaturprojekten Leute auch wirklich erreicht werden und ich sage, ja, das sollten wir auch jeden Fall tun.
Vera
00:25:46
Jaja, also du hast mich schon richtig verstanden, weil ich habe mir jetzt gerade so einen Grupp von zehn radfahrenden älteren Herrschaften im Niederrhein vorgestellt. Darf ich jetzt schon aufwarten? Woran aber misst du denn dann den Erfolg einer Aktion?
Tilmann
00:26:03
Tatsächlich messe ich den sehr subjektiv an zwei Sachen. Einmal tatsächlich der Publikumszuspruch, aber dann auch die Publikumsinteraktion. Es kann ja wirklich sein, gerade bei Kultur- und Literaturveranstaltungen, dass es aus Marketinggründen, aus Timinggründen oder weil es einfach sich nicht gut vermitteln ließ, trotzdem nur zehn Leute erreicht. Die zehn Herren, die dann am Niederrhein auf ihren Fahrrädern fahren. Gottlob, ich hoffe, es werden mehr. Aber kann ja passieren. Und wenn dann aber trotzdem innerhalb dieser Veranstaltung ein Funke überspringt, wenn eine Art von Kommunikation, von Austausch zwischen dem, was da geboten wird und dem Publikum zu spüren ist, sei es dadurch, dass die Leute Fragen stellen, vielleicht auch nur hinterher oder dass sie spürbar angeknipst sind oder dass ich merke, das macht was mit denen. Oder dass es sozusagen auch von der Künstlerin und vom Künstler aus den Impuls gibt, ich möchte jetzt noch weiter mit dem Publikum ins Gespräch kommen. Man merkt das an so Faktoren wie, es gibt ein Nachspiel. Die Leute gehen nicht sofort vom Veranstaltungsort weg, sondern haben irgendwie das Gefühl, sich noch weiter da aufhalten zu müssen. Und sei es nur, um die Chance zu eröffnen, noch ins Gespräch zu kommen. Oder daran, dass es so auch sozusagen am Schweigen nach dem Applaus, das kann ein bretes, ein intensives Schweigen sein oder so ein Betretenes. Ich möchte jetzt hier irgendwie gleich weg oder so. Und das sind alles so kleine Faktoren, an denen ich schon meine, mit einer gewissen Erfahrung bemessen zu können, ob die Veranstaltung vielleicht manchmal trotz geringen Publikumsinteresses ein Erfolg war. Mein Lieblingsbeispiel sind WG-Lesungen. Die mache ich schon ein paar Jahre, also Lesungen in studentischen Wohngemeinschaften. Das ist ein Konzept, das habe ich ganz dreist geklaut, weil ich selber mal im Studium als Autor zu so einer Reihe eingeladen war, in Freiburg damals noch. Da war das ganz jung, da haben ein paar Studis in Freiburg sich überlegt, hey, wir laden einfach in die WG von Felix ein und finden so einen jungen Autor, eine junge Autorin, die soll dann einfach auf so einer Kiste Bier ein paar Sein Texte lesen und hinterher quatschen wir noch drüber. Und das war damals für mich als Schreiber eine irre gute Erfahrung. Ich hatte ja auch noch nicht 500 Lesungen gemacht, sondern vielleicht zweieinhalb. Und war deswegen total begeistert, all diese jungen Leute vor mir auf dem Boden sitzen zu haben, die tatsächlich auch zugehört haben und hinterher beim Bier mit mir drüber reden wollten, warum ich das denn geschrieben habe und das super interessant fand. Und ich habe dann versucht, diesen Spirit in Köln und später in ganz NRW aufzugreifen. Und inzwischen habe ich das auch an ein paar weitere fähige Hände, unter anderem im Literaturhaus Bonn weitergegeben und an die Universitäten zurück, wo jetzt Studis selbst solche Lesungen organisieren. Und es ist ganz erstaunlich, was nur der reine Veranstaltungsort ausmachen kann in dem Fall. Weil das ist dann eben so, dass das nicht in einem Literaturhaus oder in irgendeiner Buchhandlung stattfindet, sondern in einem schrammeligen Wohnzimmer. Und es ist halt auch nicht so, dass das irgendwie bestuhlt wäre, sondern die Leute müssen sich da so ein bisschen hinkuscheln und hinquetschen und vielleicht in den Türrahmen klemmen und gucken. Und dann sitzt da vorne eine Person, die im selben Alter ist wie die Studie selbst oder vielleicht drei, vier, fünf Jahre älter und aber offensichtlich drei Jahre des eigenen Lebens dazu. Verschwendet hat, in Anführungsstrichen, ein Buch zu schreiben, sich mit einem bestimmten Thema zu befassen, mit einem bestimmten Text irgendwie hinzukriegen. Und erzählt davon und liest daraus und man merkt sofort, wie, der Funke überspringt, wie die Atmosphäre irgendwie alle ergreift und die Leute wissen wollen, warum ist das denn so, warum hat die Person das denn gemacht, was ist denn da genau passiert und dadurch, dass es so eine Wohnzimmer-Atmosphäre oder manchmal sind das ja auch Badezimmer oder auf dem Balkon, also so eine häusliche Atmosphäre hat, ist die Schwelle viel niedriger, um drüber zu quatschen und es sind ganz interessante Gespräche in diesem Raum ausgekommen, ohne dass ich noch irgendwie viel dazu getan hätte, ohne dass da irgendeine Magic hätte wirken müssen, einfach nur dadurch, dass man an einen anderen Ort gegangen ist und Und da ist es inzwischen schönerweise so, oder eigentlich von Anfang an so gewesen, dass sowohl der Zuspruch, also die Quantität der Leute, als auch die Qualität der Veranstaltungen sehr, sehr stimmig sind. Und wir uns da häufig zu 50, 60, 70 in viel zu kleine WGs quetschen müssen. Ja, es ist ehrlicherweise auch unter dem Gesichtspunkt Veranstaltungssicherheit, gar nicht immer so ideal. Aber dass wir uns da also wirklich mit viel zu vielen Leuten in kleine WGs quetschen und tolle Abende gemeinsam haben. Und ja, dann hat man manchmal Glück und dann funktioniert es so.
Tamara
00:30:13
Wie ist das denn, wenn du jetzt eine Veranstaltung hast in so einer klassischen Location und es gibt eine Förderung, gehe ich mal davon aus, da gibt es auch ein entsprechendes Honorar dann für den Autor, für die Autorin. Aber jetzt gerade in so einem Konzept WG-Lesung stelle ich mir vor, dass da jetzt auch nicht super viel Budget da ist. Wie stehst du dazu zu sagen, okay, in bestimmten Konstellationen liest man auch mal für ein Abendessen?
Tilmann
00:30:40
Sehr kritisch tatsächlich. Ich muss aber auch zugeben, ich mache das aus einer luxuriösen Position heraus. Ich habe das große Glück gehabt, dass ich von Anfang an an Förderinstitutionen irgendwie eine Anbindung gefunden habe. Ich mache kurz einen biografischen Schenker, um das einfach zu erklären, damit Leute vielleicht auch wissen, wie kam er denn dazu oder wie kann man das denn nachmachen. Ich habe angefangen, im Literaturhaus Köln zu arbeiten. Das war schon vor zehn Jahren, also 2015. Und das Literaturhaus in Köln ist wie viele andere Literaturhäuser auch so halb privat getragen von Leuten, die da im Verein Mitglied sind und Mitgliedsbeiträge zahlen. Und dadurch ist ein bisschen Budget da und halb öffentlich gefördert. Also sprich vom Ministerium in Nordrhein-Westfalen und von der Stadt Köln gibt es so einen steten Geldfluss auch. Und für einzelne Projekte ist das Literaturhaus aber auch immer wieder darauf angewiesen, nochmal extra Geld zu kriegen über Stiftungen, hauptsächlich über Stiftungen oder über Sponsoring oder so. Und da habe ich sozusagen dann von der Pike auf gelernt, dass es verschiedene Wege gibt, um Veranstaltungen über GeldgeberInnen zu finanzieren und habe dann, als ich freier Veranstalter oder eben Kulturkonzepter geworden bin, immer geguckt, dass ich Sachen nur wirklich mit viel Arbeitszeit durchziehe, wenn diese Art von Förderung, von Finanzierung in irgendeiner Weise gegeben ist, weil ich gedacht habe, ich will... Niemals in die Verlegenheit kommen, eine Autorin, einen Autor zu bitten, eben für ein Abendessen zu lesen. Also ich respektiere das, wenn das Leute machen wollen, gerade wenn sie vielleicht ein eigenes Werk gerade promoten wollen oder sagen, das hat für mich andere Benefits, das mache ich jetzt. Aber ich möchte immer ein angemessenes Honorar zahlen können, einfach weil ich weiß, dass die Leute da ja, wie gesagt, so drei Jahre im Schnitt investiert haben in das Verfassen dieses Buches und auch jetzt, naja, hoffentlich nicht allein davon leben müssen, denn das, wie wir wissen, ist meist knifflig, aber zumindest mit auch davon leben müssen und vor allem auch honoriert und respektiert werden sollen, für die Erzugs dieser gebracht haben. Genau, und dementsprechend, ich habe halt immer geschaut, dass ich irgendeine Art von Förderquelle habe. Jetzt vielleicht zum Beispiel bei den WG-Lesungen kann ich es ganz konkret machen, da haben wir eine Förderung vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft in NRW, weil die gesagt haben, das ist doch cool, da kriegt ihr junge Leute ans Lesen, ganz breit gesagt, dann mach das mal weiter, wenn das gut funktioniert und die finanzieren uns und dann gibt es immer noch einen Eigenanteil von beteiligten Institutionen vor Ort, das heißt, ich habe geguckt, dass ich da mit Unis und mit Literaturhäusern zusammenarbeite, die können dann noch ein bisschen Geld beischauen und natürlich zahlt das Publikum, aber in dem Fall relativ geringes Eintrittsgeld, 5 Euro und man kriegt noch ein Bier dafür auf die Hand oder eine Limo und genau, so setzt sich dann das Finanzierungsprozess zusammen und dann kann eine Autorin da an einem Abend so ein ganz normales, oder ich weiß nicht, ob es normal ist, aber ein ganz okayes, würde ich jetzt vorsichtig sagen, Honorar kriegen und Part und Unterkunft.
Tamara
00:33:25
Okay, das heißt, das ist doch alles organisierter als jetzt, das Stichwort WG-Lesung auf den ersten Blick so verrät.
Tilmann
00:33:34
Total genau, das ist natürlich, wir versuchen trotzdem möglichst cool und nahbar zu bleiben im Auftritt auftritt. Und deswegen denkt man so ein bisschen, hä, lassen die da noch einen Hut rumgehen und dann kriegt die auch 52. Und so ein bisschen darf das auch so wirken. Aber nee, nee, der Hintergrund ist, dass das schon professionell ausgestattet ist, muss man teilweise sagen.
Vera
00:33:53
Gut, aber da sind wir natürlich jetzt noch bei einem Thema, der uns so bei, also ich vermute jetzt mal bei Tamara, ist es auch so, so als Freischaffende, dazu auch noch als unabhängige Autorinnen, also wir veröffnen ja mehr oder weniger alles im Self-Publishing. Da ist es manchmal wirklich sehr schwierig an bezahlte Auftritte zu kommen und ich hoffe mir natürlich von dir jetzt noch so ein paar super Tipps damit das jetzt endlich mal klappt mit meiner Lesereise und ja, was schlägst du mir oder uns vor wie sollten wir vorgehen, dass wir mit unseren durchaus originellen Konzepten noch mehr ans Publikum kommen.
Tilmann
00:34:36
Das ist natürlich insofern eine gute Frage, als dass ich die Konzepte ja jetzt nicht en Detail kenne und nur sehr abstraktivieren kann. Aber ich kann es natürlich versuchen.
Vera
00:34:48
Ja, wir hoffen drauf.
Tilmann
00:34:51
Kein Druck, aber alles da. Also wie ihr ans Publikum konkret kommt, das sollte ja auch die Sorge des jeweiligen Veranstalters, der Veranstalterin sein.
Tamara
00:35:02
In einer perfekten Welt, ja.
Vera
00:35:04
Ja, genau.
Tilmann
00:35:05
Genau, die sollten natürlich da auch ein bisschen was für tun, damit sie den Laden voll bekommen, in dem ihr dann auftretet, sei es die Buchhandlung oder das Veranstaltungszentrum oder was auch immer. Da kann man ja auch als Autorin nur begrenzt zaubern. Ihr könnt ja jetzt nicht in einer Stadt, in der ihr nicht seid, dann auch noch die Marketing-Trommel großartig blühen oder so.
Tamara
00:35:21
Ich sage mal, ich wurde durchaus schon von einem sehr öffentlichen Veranstalter recht vorwurfsvoll gefragt, warum sich denn noch nicht mehr Leute angemeldet haben. Und ich war die Einzige, die überhaupt irgendwie Werbung gemacht hat.
Vera
00:35:36
Und ganz ehrlich, ich weiß ja nicht, welche Erfahrungen du mit Buchhandlungen gemacht hast, also wie gesagt, wir lieben sie, aber ich sag mal, Marketing ist nicht immer ihre Stärke. Wir sind gewohnt, wir haben hier einen Laden, da kommen die Leute hin und dann beraten sie mit Büchern. Wirklich rausgehen, Marketing machen für was anderes, außerhalb ihrer Bubble vielleicht, oder was Neues, also dann merke ich oft, dass das andere Welten sind. Und darüber hinaus sind ja jetzt unsere Veranstaltungspunkte, ja leider Gott ist es nur sehr selten, Buchhandlungen, sondern das sind irgendwelche, anderen, wenn es gut geht, sind es irgendwelche Kultur Cafés oder sowas, die sowas öfter machen aber das kann auch der. Gartenverein sein, wo ein Fan vom Buch ist und sagt, könnt ihr nicht auf der Violiumsfeier vom Gartenverein mal lesen oder sowas was machen Also das ist alles noch relativ durcheinander und vielfältig. Also dass da wirklich eine Professionalität am anderen Ende ist, die auch für sich, für das Publikum sorgt, also ist in meiner bisherigen Erfahrung eher die Minderheit. Ich freue mich, was passiert. Also mit meinem Kabarettprogramm, wo ich viel mit Städten und mit Gleichstellungsstellen zu tun habe, ist es ein bisschen anders. Das ist halt dann die Kommune oder so. Aber auch da habe ich schon Erlebnisse gehabt. Aber wenn das so irgendwelche freien Menschen sind, die sagen, oh, ich fände jetzt mal toll, wenn du hier und da auftrittst, ich will ja auch noch nicht mal Veranstalter sagen, dann wird es abenteuerlich.
Tilmann
00:37:26
Ja. Ja, ich verstehe, ich verstehe. Also tatsächlich glaube ich trotzdem, man muss da ein bisschen das Glück haben, an gute Veranstalterinnen und Veranstalter zu kommen, denn du kannst ja nicht in Kassel, wenn du da zufällig niemanden kennst, irgendwie die Massen noch mobilisieren alleine. Das muss schon jemand mit Connections vor Ort jeweils tun. Aber was, glaube ich, wiederum für die Suche nach guten VeranstalterInnen sehr hilfreich ist, sind so ein paar Klassiker, die euch jetzt nicht überraschen werden und die mich auch nicht grundsätzlich glücklich machen, aber die heutzutage schon sehr helfen können. Ich nenne einfach mal zwei. Das eine ist natürlich ein publikumswirksamer Social-Media-Auftritt. Also wenn du es irgendwie schaffst, eine relevante Anzahl an FollowerInnen zu generieren, hast du, und das ist einfach ein Fakt, um den wir nicht rumkommen, ein super Argument vor allen Arten von VeranstalterInnen zu sagen, hier, guckt mal, mich kennen Leute, mich mögen Leute, mit mir interagieren Leute, die Leute rennen euch die Bude ein und ihr könnt da noch Karten verkaufen. Ist doch super. Und eine andere Sache ist natürlich, mit dem richtigen Thema zur richtigen Zeit zu kommen. Das lässt sich nicht so ganz gut planen und ich wehre mich so dagegen, diese thematische Fixierung ständig zu haben, weil ich weiß nicht, wie ihr das seht, aber ich finde, oft sind natürlich spannende Programme auch zeitlos oder springen eben gerade nicht auf das Konjunkturthema auf, das jetzt zufällig gerade durchs Lauf getrieben wird, sondern haben irgendwie übergeordnete Aspekte oder so. Aber trotzdem hilft das natürlich ungemein, wenn jetzt... Ja gut, also wenn du natürlich heutzutage was zu Gleichberechtigung machst, das ist ja auch wunderbar ein wichtiges Thema, aber das zieht zum Glück auch gerade, wenn du was zum Klimawandel machst, wenn du was zu Migration machst, etc. Pp. Das sind ja alles gerade wichtige Themen, die die Leute bewegen. Und dementsprechend hat das eine größere Anschlussfähigkeit, als zu sagen, ich rede über die Seele des Menschen im Allgemeinen, auch wenn es nicht spannend sein kann. Wie gesagt, das sind jetzt nicht die überraschendsten Punkte der Welt, aber das wären so Aspekte, wo ich denke, das sind gute Argumente für VeranstalterInnen, zu sagen, ach, damit kriege ich meine Bude voll. Und das ist ja das, was die interessiert.
Tamara
00:39:40
Ja, klar.
Vera
00:39:41
Natürlich. Was nutzt du denn, um ein Institut sagt, wir würden gerne mal Literatur machen. Und wir fragen mal den Till Strasser, was der für eine tolle Idee hat. Und jetzt musst du denen ja auch irgendwie klar machen, wie da die Leute hinkommen.
Tilmann
00:40:03
Also wie ich denen dann verkaufen kann, dass ich das Marketing mache, meinst du sozusagen?
Vera
00:40:07
Ja, oder auch, genau. Oder dass das auch ein erfolgreiches Konzept wird. Was sind die Argumente? Einfach nur, wenn die sagen, das ist jetzt eine coole Geschichte oder andersrum gefragt, jetzt verhaspe ich mich gerade, total ist egal. Wenn du so einer Kulturinstitut eine deiner super Ideen, die dir unter die Dusche gekommen sind, vorstellst, fragen die überhaupt danach, da auch Publikum kommt oder ist denn da ideal?
Tilmann
00:40:34
Nee, da fragen die schon nach und da gehen wir auch öfter in den Austausch, wie man es denn noch besser machen könnte, wie man noch mehr Leute anlocken könnte, was für Kompromisse, ich male Anführungsstriche in die Luft, die man im Podcast nicht sehen kann, was für Kompromisse man da noch eingehen möchte. Und da denken wir schon immer über Lockmittel, also gern hochqualitative Lockmittel nach, um Brücken zu schlagen zum Publikum. Jetzt komplett wieder bei dem Festival an Niederrhein mit der Fahrradtour. Das ist ja wirklich eine Idee, eine Fahrradtour zu machen, um Leute von Ort zu Ort zu bringen, dabei auch so ein bisschen sozusagen Ortskultur noch zu erleben und was zu sehen von der Umgebung und dann quasi reinzugleiten, es reinlaufen zu lassen auf den zwei Rädern in die nächste Kulturveranstaltung, weil man dann auch lockerer ankommt und so. Das kann ja schon so ein kleiner, nicht alltäglicher Vermittlungsaspekt sein. Wir denken gerade bei Literatur auch häufig daran, dass Leute so Sorgen vor Hochkultur haben und denken, da langweil ich mich nur. Und deswegen fangen wir vielleicht mal mit einem Poetry Slam an, weil das ist inzwischen etabliert, dass Menschen da auch zum Lachen hingehen. Und naja, vielleicht stellt sich dann auch raus, dass Literatur und Poetry Slam in den positiven Aspekten viel gemeinsam haben. Und das können die Leute dann selbst im zweiten Teil der Veranstaltung entdecken. Musik ist auch immer ein super Türöffner und da darf es ja auch gerne populäre Musik sein, muss ja nicht gleich immer Zwölftonmusik sein oder sowas. Also da gibt es verschiedene Möglichkeiten und genau darüber denken Veranstalter schon vielen nach. Selbst wenn die staatlich komplett durchsubstationiert sind, niemand möchte irgendwie jeden Tag Lyriklesungen für drei Leute machen. Also alle möchten eigentlich viel Publikum anziehen. Tatsächlich bin ich irgendwie, obwohl ich jetzt auch schon 40 bin und schreckenderweise jedes Jahr auch älter werde, immer noch ein bisschen dafür zuständig, junge Leute anzulocken. Zumindest ist das irgendwie zu meinem Selling Point im Veranstaltungsbusiness geworden, weshalb mich häufig Institutionen kontaktieren und sagen, hier, wie kriegen wir denn dieses junge Publikum, von dem wir mal alle reden. Ich glaube, das liegt nicht daran, dass ich so wahnsinnig juvenile Energie habe, sondern mehr daran, dass das eine Frage ist, die alle immer umtreibt im ganzen Kulturbetrieb und die ich natürlich auch nicht auf einen Schlag beantworten kann. Aber weil du eben fragtest, was wollen die denn von mir oder wo fragen die denn kritisch nach? Bei mir ist es ganz häufig, ja, kriegen wir damit auch genügend junge Leute? Und ich muss aber auch ganz ehrlich sagen, meine Antwort kann auch nur noch eingeschränkt Ja sein. Denn natürlich habe ich es schon zum Glück geschafft, so viel junges Publikum anzuziehen mit bestimmten Konzepten. Aber ich glaube, man hat so eine Spanne von maximal 20 Jahren in beide Richtungen, über einem und unter einem. Und danach hört es dann auch auf, was jetzt zum Beispiel viele TikTok-Kits lesen und auf Plattformen zum Austausch verwenden. Das kenne ich auch nicht mehr oder da haben wir auch keinen guten Draht mehr zu. Da muss man die nächste Person spätestens mal kommen. Insofern glaube ich, das wird nicht mehr eine ewige Halbwertszeit haben, dieses Label bei mir.
Vera
00:43:31
Aber wenn du bei dem Thema sitzt, sprecht ihr dann auch über konkrete Aktionen, wie ihr dieses Publikum heranholt? Also nicht nur, wie ihr das Programm aufbaut, dass es irgendwie interessant ist, sondern das muss ja auch irgendwie an die Menschen kommen, die dann halt kommen sollen. Sprecht über diese Dinge, was sind da die Mittel? Was sind da vielleicht auch deine Mittel, die du am liebsten mit denen machst?
Tilmann
00:43:57
Ja, also es kommt immer darauf an, ob eben dafür Budget da ist und Zeit. Das ist dann ganz unterschiedlich, je nach Veranstaltung. Aber ich kann mal als Beispiel ein Lyrik-Festival nehmen, das wir in Köln gemacht haben. Da war ein bisschen Möglichkeitsraum gegeben. Und ich habe ein Seminar an der Uni mit Leuten gemacht und gesagt, hey, was wäre denn, wenn ihr als Studis jetzt einfach mit mir zusammen dieses Lyrik-Festival organisieren könnt, was wären denn coole Marketing-Maßnahmen, mit denen wir auch Leute, die jetzt vielleicht noch gar nie auf die Idee gekommen sind, dass sie mal ein Lyrik-Festival besuchen sollten, dazu kriegen sie sich das mal anzugucken. Und da hatten wir gemeinsam, würde ich jetzt im Nachhinein ganz unbescheiden sagen, coole Ideen, auch nicht als erste Menschen auf der Welt, aber es war trotzdem super, sie durchdichten. Wir haben zum Beispiel die halbe Stadt mit Kreide beschmiert, um es mal ganz profan auszudrücken, und haben Zitate von den eingeladenen Lyrikerinnen und Lyrikern auf die Gehsteige geschrieben, an die Hauswände geschrieben. Auf teilweise denkmalgeschützte Gebäude geschrieben und dann schnell wieder weggewischt. Wir haben, gut, ganz breit, Banal auch Postkarten gedruckt und sie in die Cafés verteilt, wo einfach nur mysteriöse Zitate und QR-Code zum Scannen drauf waren. Sodass Menschen darüber dann drauf gekommen sind. Wir haben Objekte gebastelt, also Würfel aus Pappe und Girlanden, die wir über die Straßen gespannt haben. Auf denen auch sozusagen einzelne Wörter nur drauf standen, sodass man sich dann über einen kleinen Spaziergang in der Kölner Südstadt die Lyrikzeilen erst zusammensetzen musste. Und das waren so kleine Dinge, mit denen wir einfach in den öffentlichen Raum reingegangen sind und versucht haben, Menschen überhaupt erst mal darauf aufmerksam zu machen, dass es Lyrik gibt und dass das vielleicht cool sein könnte, weil man jetzt mit dem Zitat, das man da gelesen hat, tatsächlich auch direkt was anfangen kann und was verbindet. Und dann haben wir auch gesagt, lass doch noch einen Schritt weitergehen und lass doch auch dieses Festival nicht nur in einem beschlossenen Literaturhaus stattfinden, sondern im Stadtraum. Und dann sind wir mit Lyrikerinnen in eine Kleingartenkolonie gegangen und haben da vor so einem Gartenhäuschen gelesen und an die Severins-Torburg und haben die mit dem Mikrofon unter diese altehrwürdige Torburg gestellt und haben sie da in die Fußgängerzone reinlesen lassen und in ein Parkhaus und so weiter. Und haben natürlich auch immer geguckt, dass die Lyrik irgendwie mit der Umgebung korrespondiert. Also dass dann irgendwie Texte sind, die mit einem Parkhaus zu tun haben. Oder eben gerade nicht mit einem Parkhaus, sondern mit dem Gegenteil eines Parkhauses. Also wahrscheinlich irgendeiner schönen Wiese zu tun haben oder so. Und dass es da irgendwie eine coole Spannung gibt. Und das waren so Sachen, mit denen wir, glaube ich, echt ganz schöne Erfolge hatten, wenn es darum geht, Menschen zu erreichen, die, naja, halt nicht ständig damit zu tun haben. Und ich weiß nicht, wie ihr das wahrnehmt. Ich habe auch das Gefühl, es gibt wahnsinnig viele Leute, die finden es grundsätzlich gut, dass es sowas wie Kultur und Literatur gibt, aber sie haben nichts damit zu tun und haben irgendwie auch Angst davor, weil sie denken, das ist nicht für mich, ich bin nicht intellektuell genug dafür oder ich darf das nicht oder so. Und ich glaube, diese Hemmschwellen zu überspringen, diese Schalen aufzubrechen, das ist ein ständiges, Also Windmühlen-Kampfding, aber es kann auch wahnsinnig Spaß machen, wenn es gelingt. Und je öfter wir es schaffen, desto besser ja auch für unsere ganze Branche. Weil ich glaube, wir schreiben ja auch Texte oder machen Kabarettprogramme, weil wir das Gefühl haben, wir haben was zu sagen und es hat was mit den Leuten zu tun. Und das ist eine Two-Way-Street. Also wir brauchen ja Kommunikation in beide Richtungen.
Vera
00:47:03
Absolut.
Tamara
00:47:04
Was glaubst du denn, wo es hingeht? Also wenn ich jetzt mal so kurz für mich ein bisschen die letzten Jahre rekapituliere. Ich habe das Gefühl, so direkt nach Corona sind die Leute rausgeströmt, Hauptsache wieder Veranstaltungen und das ist dann aber ganz schnell abgeebbt und ich habe das Gefühl, es ist jetzt sehr, sehr viel schwerer, die Leute nochmal vor die Tür zu bekommen. Gleichzeitig dann eben so diese immer kürzer werdende Aufmerksamkeitsspanne, worauf ich hinaus will. Denkst du, der Trend geht immer stärker zu so, ich sag mal, festivalartigen Veranstaltungen oder einfach, dass mehrere KünstlerInnen sich zusammentun? Oder hat man mit einem kreativen Konzept, wo vielleicht auch verschiedene Disziplinen vorkommen, als Einzelperson, die jetzt nicht den Spiegel 1 Bestseller-Namen trägt, noch ernsthaft eine Chance?
Tilmann
00:47:56
Ich glaube, ernsthaft eine Chance hat man auf jeden Fall. Aber es wird auch in meiner Wahrnehmung schwieriger. Also ich würde dir in allen von dir angetiesten Beobachtungen auch zustimmen. Ich sehe so eine Eventisierung ganz krass. Also ich wohne in Köln normalerweise und das ist sowieso eine krasse Eventstadt. Da haben Festivals viel größere Durchdringungschancen als Einzelveranstaltungen und auch auf dem Buchmarkt sehen wir, dass die. Spanne zwischen dem absoluten Großteil der Publizierenden und den ganz, ganz wenigen BestsellerautorInnen immer, immer größer wird. Also inzwischen höre ich von KollegInnen aus den Verlagen, dass eigentlich nur noch diese drei Namen bei ihnen überhaupt Bücher verkaufen, dafür wirklich, wirklich viele und der ganz große Rest darunter viel, viel weniger als noch vor Jahren, also der Mittelbau komplett wegbricht. Die Verlage klagen grundsätzlich, seit ich im Literaturbetrieb bin, deswegen soll man da vielleicht auch nicht jedes Wort auf die Goldball gelegen, aber da wird schon was dran sein, weil ich das schon seit Jahren in immer krasserer Zuspitzung höre. Und ich glaube zugleich, dass die Kulturbranche so eine ein bisschen behäbige Branche ist, aus verschiedenen Gründen, und dass es deswegen nicht so leicht ist, VeranstalterInnen davon zu überzeugen, diese klassischen Wasserglaslesungen und vergleichbaren Formate von heute auf morgen aufzubrechen, zugunsten von wilden, interdisziplinären Sachen mit Leuten, die noch keinen Bestseller-Namen haben. Aber um auf seine Frage zurückzukommen, ich glaube trotzdem, dass man da eine Chance hat. Ich glaube auch, dass das gehen muss. Und was ein Stück weit mein großes und auch relativ banales Learning aus der Publikumskrise ist, die wir vielleicht jetzt wieder haben oder die zumindest eine Möglichkeit darstellt, ist mehr Interaktion. Viel mehr Interaktion. Ich habe das Gefühl, wir haben noch nicht kapiert, dass diese klassischen Kulturveranstaltungen, das Konzert, die klassische Theateraufführung, die klassische Wasserglaslesung, dass die ja so ähnlich funktionieren wie Netflix, nur dass ich bei Netflix halt eine Riesenauswahl habe und daheim bleiben kann, ganz genau. Bei Netflix sitze ich halt zu Hause auf dem Sofa, muss das Haus nie verlassen und habe die gigantische Auswahl an Berieselungsmöglichkeiten ständig da. Das ist jetzt wirklich auch nichts großartig Neues, was ich erzähle, aber die... Und tatsächlich Aktion in ein Konzert oder in eine Lesung oder in eine Theatererführung zu gehen, muss ja auf der Motivation gründen, dass ich ja was anderes erleben kann. Und ich glaube, neben dem wilden, experimentellen, spannenden Mix aus verschiedenen Kunstformen, neben dem neuartigen, was auch immer ein Teil davon sein sollte, ist ja die große Chance, dass ich da persönlich gemeint bin, dass ich da in Interaktion treten kann, dass ich ja vielleicht sogar angesprochen werde. Man muss immer gucken, dass man es nicht unangenehm macht für die Leute. Oder zumindest meine Meinung oder meine Einstellung oder meine 5 Cent in irgendeiner Weise beisteuern kann, dass es diese Möglichkeit gibt. Und das wird mir oft noch viel zu wenig mitgedacht. Wenn ich irgendwo eine Moderation mache, wo ich einfach nur eingekauft werde, damit ich den Abend mit der Autorin XY moderiere, versuche ich immer mit zwei bis drei Fragen ans Publikum anzufangen. Gar nicht irgendwie, weil ich wirklich was vom Publikum wissen will, um es jetzt mal ganz hart zu sagen.
Tamara
00:51:00
Sag mal.
Tilmann
00:51:03
Oh Gott, das bin ich. Nein, normalerweise schon. Normalerweise schon, aber ich will auch gleich sozusagen die ganze Veranstaltung erstmal dann wieder seriös durchziehen können. Deswegen versuche ich da jetzt nicht, das Riesengespräch aufzumachen. Aber weil ich merke, was für einen aktivierenden Charakter das haben kann. Auch auf mich selber, wenn ich im Publikum sitze und das Erste, was passiert ist, dass sich jemand an mich wende und sagt, sagen Sie mal, was halten Sie eigentlich von, keine Ahnung, Thema XY. Ich hatte vor ein paar Tagen eine Moderation mit einem Buch, das hauptsächlich über Versicherung, Versicherungen erzählt hat, also das von einer Versicherungsfamilie erzählt hat, die sozusagen immer schon Versicherungen verkauft und deswegen selbst schon völlig krude geworden ist über all diese Schadensfälle, die passieren können. War ein super Buch, klingt jetzt ein bisschen bizarrer in der Zusammenfassung, aber war ein super Buch. Und da habe ich am Anfang einfach die Leute gefragt, ob sie denn wissen, was eine Gliedertaxe ist oder eine Sterbegeldversicherung oder ob sie sich denn ausreichend versichert fühlen in ihrem Leben. Ich wollte gar nicht im Detail über die Versicherung der Leute reden natürlich, aber ich wollte, dass die einmal so denken, hoppala, der redet mit mir und dann bin ich vielleicht den Rest des Abends auch dabei und es hat tatsächlich gut funktioniert und hinterher gab es noch viele, Gespräche dann über alles mögliche und ja, jetzt habe ich das sehr ausführlich berichtet, was eigentlich eine sehr simple Idee ist, aber ich glaube, Interaktion ist ein Schlüssel und das müssen wir noch viel krasser mitdenken.
Vera
00:52:16
Absolut, absolut. Du hast ja jetzt mehr von deinen Literatur Events und Konzepten gesprochen, da stellt sich natürlich jetzt auch für uns, du hast ja gesagt, ich wohne auch am Niederrhein und Und meines Wissens habe ich noch keine Anfrage bekommen, auf einer Fahrradtour zu lesen. Was müsste ich denn tun, um das zu ändern, damit ich womöglich mal in einer deiner Konzepte auftreten kann?
Tilmann
00:52:42
Erstmal mir was schicken. Das ist immer hilfreich. Also tatsächlich, ich ahne, worauf die Frage hinausläuft und sage deswegen ganz klar, wie meine Auswahlprozesse normalerweise sind. Ich bewege mich ja in diesem Bereich von Literaturhaus-Veranstaltungssphären und die wiederum sind meistens bestrebt, die klassischen Verlage abzugrasen. zu grasen. Also wenn du ins Programm von so einem Literaturhaus Köln oder. Literaturbüro NRW guckst, dann siehst du da, dass die AutorInnen, die bei Surkamp, bei Hansa, bei Aufbau, bei Eichborn, bei Dumont, bei Kiepmeuer & Witsch und so weiter, die da erschienen sind, die kommen in diesem Programm vor. Manchmal auch Kleinverlage, wenn wir ehrlich sind, wenig bis keine Self-Publishing- AutorInnen und auch wenig bis keine AutorInnen aus Klein-Klein-Verlagen, wenn ich es jetzt mal. Also aus den kleinen Häubern. Und das ist eine Fixierung, die diese Literaturhäuser auch traditionellerweise haben, die sich möglicherweise auch ein bisschen ändert oder auflockert, aber nicht schnell. Wie gesagt, der Kulturbetrieb ist nicht bekannt für radikale Änderungen. Das dauert alles so ein bisschen. Und deswegen muss ich dir ehrlich zur Antwort geben, immer wenn ich so einen Auftrag jetzt vom Kulturraum Niederrhein, der auch zu diesen Institutionen zählt, kriege, weiß ich, dass die Erwartungshaltung ist, dass da die AutorInnen dieser klassischen Verlage irgendwie abgebildet werden. Und wenn ich die dann nicht abbilde oder sozusagen auch Ausnahmen von dieser Regel mache, dann muss ich es irgendwie begründen. Und deswegen ist auch mein erster Schritt erstmal sozusagen diese Verlagsprogramme zu lesen, zu gucken, was interessiert mich da oder was finde ich da passend, mir dann die Bücher zu bestellen, dann in die Bücher reinzulesen und dann zu sagen, ah, die Debutantin vom Surkamp Verlag, das passt ja wunderbar zu dieser Fahrradtour, da lade ich die doch ein. Ich bin aber grundsätzlich offen und über meine Website auch erreichbar für, ich sag mal, Vorschläge aller Art, beziehungsweise für Impulse. Es passiert auch immer wieder, dass mir Leute schreiben und sagen, hey, ich hab folgendes cooles Self-Publishing-Projekt oder folgende coole Idee oder ein Programm, das so und so ist und dann sage ich das, was ich immer ernst meine und dann auch zurückgeben kann. Super, ich gucke mir gern alles an, ich lese gerne alles rein, ich denke gern über alles nach, ich kann nichts versprechen, weil ich halt auch abhängig bin sozusagen von den Aufträgen, die ich kriege, beziehungsweise von dem, was die AuftraggeberInnen dann sich so vorgestellt haben und wünschen. Beziehungsweise wenn ich Fördergeld vom Ministerium kriege, dann habe ich ja auch ein Konzept fürs Ministerium geschrieben, in dem zum Beispiel drinsteht, wir präsentieren das Beste aus der jungen deutschsprachigen Literatur und darunter versteht das Ministerium dann auch das, was in den Verlagen als junge deutschsprachige Literatur so gewertet wird. Genau, das ist so quasi die Situation. Also meine Recherche sind so die klassischen Verlagshäuser und dann alles, was drüber hinaus so sich mir anbietet. Aber auch da.
Vera
00:55:23
So hatte ich es jetzt auch schon vermutet. Ich meine, wir sind jetzt auch nicht ganz so neu dabei. Aber was ich halt doch auch sehr bedenklich finde, dass einerseits sollten Kulturevents, sollen Kultur auch an ein Publikum, an ein neues Publikum bringen. Du hast ja das Thema junges Publikum. Andererseits wird also gerade mit Self-Publishing ja ein großer, sehr dynamischer und oft sehr viel näher an Trends liegender Bereich ausgeschlossen, nur weil es halt immer so war. Und damit begrenzt sich dieser Literaturbetrieb extrem. Ich meine, wir wissen ja aufgrund von Studien, dass 80 Prozent der Bücher im klassischen Buchhandel aus gerade mal 40 Verlagen kommen. Und wir haben aber round about 2700 Verlage, wo da sind die ganzen Selfpuppe schon nicht bei. Und Und das heißt, wenn ich das Ziel habe, Literatur an die Menschen zu bringen, dann sollte es doch eigentlich auch Ansätze geben, die ganze Breite der Literatur an die Menschen zu bringen. Und nicht nur eine Auswahl von ein paar kommerziellen Unternehmen letztlich. Das ist jetzt keine Kritik an der, so war das nicht gemeint, aber es ist die Erfahrung, was mich halt immer wieder stört. Weil ich bin im Übrigen, das Literaturhaus Krefeld ist, da war ich letztes Mal auf Veranstaltung. Und da bin ich vor einem Jahr auch von einer Kollegin eingeladen worden. Ich bin da auch mit den Worten begrüßt worden. Sie machen ja Self-Publishing. Wir haben auf Ihre Webseite geguckt. Bei Ihnen sieht das ja professionell aus. So, dann durfte ich rein, ja. Ja. Also ich würde mich freuen, wenn es da Ansätze gäbe, das ein wenig aufzubrechen. Und ich glaube, dass das den Literaturbetrieb sehr, sehr, sehr gut tun würde.
Tilmann
00:57:25
Ja, ich kann das total gut verstehen. Ich würde ein bisschen zur Ehrenrettung der einen oder anderen Kollegin sagen wollen, dieser ganze Betrieb ist ja traditionell voll von Gatekeepern, also von Leuten, die an Toren stehen und sagen, ich filter jetzt erstmal und dann dürfen hier nur noch drei durch die Tür und die kommen dann an die nächste und irgendwann darf dann nur noch eine Person durch sozusagen. Und ich glaube, dass dieses Gatekeeping letztendlich eine Notwendigkeit ist, weil, und das ist eine kuriose Situation, über die ich den Kopf schüttle, seit ich im Betrieb bin, gefühlt wollen viel mehr Leute schreiben, als Leute lesen. Wir haben die ganze Zeit die Situation, dass es den Leserinnen-Schwund gibt, seit ich mich mit dem Buchmarkt befasse. Und hoffentlich sind es in Wahrheit immer noch ein paar mehr als schreiben wollen, aber auf jeden Fall schrumpfgezahlen. Und es wollen wahnsinnig viele Leute schreiben. Und deswegen hat sich im Literaturbetrieb diese Gatekeeping-Situation so rausgebildet, dass es überhaupt ja erstmal Verlage gibt, die sagen, naja, wir beurteilen, ob wir dein Manuskript für druckbar halten und dann nehmen wiederum die Veranstalter nur wahr, was die Verlage machen. Und dann gibt es, wie du richtig gesagt hast, von den Verlagen ja nur eine verschwindend geringe Zahl, die von den VeranstalterInnen als, ich sag mal, seriös genug betrachtet werden, um dann alles anzugucken, was die so machen. Und selbst da ist es ja aber dann wiederum so, dass ich als jemand, der auch seit zehn Jahren oder länger in der Branche ist und sich damit eigentlich ständig beschäftigt, nicht ansatzweise umgekehrt, überblicken, geschweige denn, lesen kann, was allein in einem Jahr in diesen 40 handverlesenen Verlagen so auch nur junger deutschsprachiger Literatur rauskommt. Also Nische von der Nische, von der Nische, von der Nische. Und trotzdem ist es für mich eine überwältigende Menge Text, weil du brauchst ja einfach deine sechs Stunden für so ein Buch und musst ja irgendwann auch noch essen und schlafen und vor allem auch Geld verdienen. Deswegen, also ich bin ja eigentlich spezialisiert auf Debüts gewissermaßen, auf junge deutschsprachige Debüromane. Und selbst da gestehe ich freimütig, schaffe ich es nicht ansatzweise, die Masse der Texte, auch der guten Texte, alle zu bearbeiten und zur Kenntnis zu nehmen. Und inzwischen, das wissen wir auch, gibt es ja vor den Verlagen eigentlich nochmal die Literaturagenturen, die jetzt eigentlich in Gatekeeper sind. Und auch da gibt es die gut beleumundeten und die weniger gut beleumundeten und die ganz kleinen, die aber auch mal gut sein können. Und dann gibt es da eben noch diese riesige Self-Publishing-Szene. Und einerseits verstehe ich dein Missfallen darüber, dass du da so begrüßt wurdest, als sie machen zwar Self-Publishing, aber bei ihnen sieht das seriös aus. Da denkt man natürlich, ja toll, ihr habt euch diese ganzen Szene ja gar nicht richtig befassen, wenn ihr wüsstet, was da alles gibt und überhaupt finde ich das schon fast eine Beleidigung, dass ich da so eine Rechtfertigung brauche, kann ich total nachvollziehen und auf der anderen Seite muss ich ja ein bisschen die Lanze brechen für die KollegInnen, weil ich denke, naja, ich habe auch keine Ahnung von der Self-Publishing-Szene und sie ist einfach gigantisch groß erstmal, wenn man da keine Ahnung von hat und da muss man ja erstmal sozusagen, also da traue ich mir jetzt auf Anhieb gar nicht die Kompetenz zu, da ein Urteil zu treffen, da müsste ich mich erstmal ein halbes Jahr wahrscheinlich einarbeiten und ganz viel lesen und ganz viel gucken und ja, dafür wiederum brauche ich wahrscheinlich nicht irgendeine Art von konkreter, Impuls, konkreter Motivation. Sei es, dass ich dann doch mal sage, wir machen jetzt eine Reihe nur für Self-Reblishing-AutorInnen, was ja eine coole Idee wäre.
Vera
01:00:25
Absolut.
Tilmann
01:00:26
Dann habe ich die Zeit und auch die finanzielle Möglichkeit, mich dann nochmal richtig einzuarbeiten. Da gäbe es nicht bessere Personen als mich, weil die dann vielleicht schon drin sind. Aber nichtsdestotrotz, Ich glaube, einerseits kann ich die Frustration nachvollziehen, andererseits möchte ich so ein bisschen sozusagen auf die gewachsenen Strukturen als Rechtfertigung zugreifen und ich möchte, wenn ich schon dabei bin, so viel zu reden, die Konklusion und aus dem Team zu sagen, beide Seiten sollten sich da, da bin ich völlig eurer Meinung, aufeinander zu bewegen und gucken, dass man diese starren Strukturen ein bisschen aufbricht. Ich finde ja ehrlicherweise auch, das hat euch sicher auch Martina das letzte Mal erzählt, beziehungsweise wahrscheinlich hat sie auch schon andere Leute aus Verlagen hier im Podcast, ich finde auch, dass diese klassischen Verlage ja wiederum selbst so krass starre und so krass langfristig gedachte Strukturen haben, das muss sich auch irgendwie reformieren. Denn es kann ja ehrlicherweise heutzutage nicht mehr sein, dass ich an so einem Text selber drei Jahre arbeite, der dann ein Jahr lang braucht, um irgendwie an den Verlag verkauft zu werden, dann da nochmal ein Jahr im Lektorat ist und dann bis zur Veröffentlichung innerhalb noch anderthalb Jahre vergehen. Also im krassen Fall sind das irgendwie von Manuskriptbeginn bis zur Publikation bei Surkamp irgendwie acht, neun Jahre. Und ehrlicherweise ändern wir uns wahrscheinlich schon auf zellularer Ebene alle sieben Jahre komplett. Also das muss ja irgendwie schneller gehen und das muss ja irgendwie anders gehen und diese krassen Vorläufe in diesem Programm und so. Ich glaube, da müssen auch die Verlage irgendwie mal anfangen, dynamischer, flexibler, schneller zu denken und zu werden. Da gibt es auch teilweise schon Ansätze und vielleicht ist das auch eine Chance, um sich mit dieser großen Self-Publishing-Szene mal zusammenzusetzen und näher zusammenzurücken.
Tamara
01:02:09
Das ist ja eigentlich das total Lustige, dass... Der Herzschlag der Kunst ist ja eigentlich, neue Wege zu denken, neue Verbindungen zu knüpfen, irgendwas auszuprobieren, was es noch nicht gibt. Und die Branche drumherum ist dieses große, schwere Schiff, was sich einfach nicht drehen kann.
Tilmann
01:02:29
Total, ja, ja, total. Es ist auch super lustig, weil wie gesagt, wenn ich mit Kolleginnen von Verlagen rede, dann klagen die schon traditionell immer, weil die Verkäufe immer schlechter werden und weil die LeserInnen immer wenig werden. Aber sie sagen auch, naja, wir suchen gerade nach folgendem Stoff. Und dann sagen sie irgendeinen Stoff und dann sage ich, ja gut, aber das ist ja wie das, was Sally Rooney jetzt die ganze Zeit geschrieben hat. Oder wie das, was Bestseller-Autorin XY die ganze Zeit geschrieben hat. Und dann sagen sie, ja klar, aber das verkauft sich gerade mega. Das ist total toll. Und dann denke ich, naja, gut. Aber hat denn jemals jemand Daniel Kehlmann gefragt, bevor er Töhl geschrieben hat, hey, wir bräuchten jetzt unbedingt ein Buch über eine wahrscheinlich fiktive Gauklerfigur, die aber in den 30-jährigen Krieg achronologisch reinmontiert ist? Da hat niemand gesagt, das ist der nächste große Bestseller rein vom Stoff her. Hat dann trotzdem funktioniert, weil es Daniel Kehlmann geschrieben hat. Aber damit will ich sagen, dass da auch ganz häufig, glaube ich, so eine leichte Verzweiflung da ist und die Denkschablone, wir brauchen jetzt genau das und dann kommen wir da raus. Und wie du aber, finde ich, völlig nachvollziehbar sagst, Kunst funktioniert eigentlich gar nicht so, sondern Kunst will eigentlich immer das Neue oder das Unvorhergesehene oder das Interessante oder das noch nicht Ausprobierte ausprobieren. Und nur wenn sie verwaltet wird, kommen da so ein bisschen komische Prognosen bei raus. Was es nicht heißen soll, dass die Kollegen in den Verlagen das anders machen würden. Da gibt es auch ganz tolle oder gibt es eine Menge ganz tolle. Aber ihr wisst, was ich meine. Da ist manchmal ein bisschen komische Disbalance da.
Vera
01:03:55
Ja gut, also wir arbeiten daran, da noch ein bisschen Dynamik reinzubringen. Und nicht zuletzt deshalb machen wir ja auch unseren Podcast, um so ein bisschen aus der Masse hinaus zu schauen. Und ab und zu hört uns da jemand, und wie ich das jetzt auch am vergangenen Samstag erfahren durfte, liest dann auch mal ein Buch von mir und manchmal sogar alle. Also von daher, wir arbeiten weiter. Und ja, du lieber Till, du musst dich aber jetzt noch den total kritischen Buch-Bubble-Fragen von Tamara stellen.
Tamara
01:04:31
Jawohl. Du hast ja eben schon gesagt, du liest viele aktuelle Bücher. Bei welchem Buch sind dir denn zuletzt vor Lachen oder vor Weinen die Tränen gekommen?
Tilmann
01:04:42
Vor Lachen oder vor Weinen. Wir sind bei einem Buch tatsächlich vor Lachen und vor Rührung die Tränen gekommen. Und zwar war das Ich will kein Hund sein, heißt das Buch. Ich will kein Hund sein von Alma Matthaisen. Das ist eine junge niederländische Schriftstellerin. Und es ist ein ganz schmales Buch. Es ist, glaube ich, auch eine Novelle, gar kein Roman und erzählt davon, dass eine Frau so großen Liebeskummer hat, dass sie beschließt, sich in einen Hund verwandeln zu lassen, um als Hund dann bei ihrem Exfreund, bei ihrem Exgeliebten sein zu können. Und das ist super skurril oder klingt super skurril und ist es auch, vor allem wird es richtig skurril, dann, wenn diese junge Frau sich überlegt, wie mache ich das dann, mich in einen Hund zu verwandeln? Und dann findet sie eine Firma im Internet, die das anbietet. Die einfach so eine Hundeverwandlungsbox anbietet oder so ein Programm, besser gesagt. Und dann kriegt sie das nach Hause geschickt. Da sind dann erstmal irgendwelche Pillen drin. Und später, glaube ich, muss sie zu so einer Art von Behandlung gehen und kriegt dann noch Spritzen und so. Und dann wird also wirklich, das ist total Protest, da wird so beschrieben, wie sie sich mehr und mehr in den Hund verwandelt. Also erst anfängt besonders gut zu riechen und zu hören und irgendwann auch das Bedürfnis hat, sich an jemanden zu reiben oder jemanden den Kopf auf den Schoß zu legen. Und das ist ja ganz unangenehm, weil sie ist ja im Bus und so. Und die Stelle, als ich dann sozusagen vor Lachen und vor Rührung die Tränen in den Augen hatte, die kommt relativ am Schluss. Die letzten Wochen, bevor ihre Verwandlung abgeschlossen ist, zieht sie aus ihrer Wohnung aus in so eine Art Transformationshain, auch von dieser Firma bereitgestellt. Da sind dann die Leute, die schon eigentlich halb Hund und aber noch halb Mensch sind und die letzten Wochen außerhalb der normalen Bevölkerung und des normalen Alltags da verbringen sollen, weil es ja doch ein bisschen merkwürdig ist, wenn diese Schnurrbarthaare allzu groß werden und so. Und da trifft die Erzählerin dann einen älteren Menschhund, der in seiner Verwandlung so ein bisschen stecken geblieben ist. Der ist schon fast ganz Hund geworden. Der Körper ist schon Hund, aber der Kopf ist noch Mensch. Und der wartet da schon seit vielen, vielen Jahren darauf, dass endlich auch sein Kopf ganz Hund wird, damit er zu seinem Geliebten kann und sich von dem als Haustier aufnehmen lassen kann. Also der Geliebte, der sich von ihm getrennt hat eigentlich, aber ihn als Hund wahrscheinlich wieder nehmen würde. Da geht es dann so ein Vermittlungsprogramm. Und die Erzählerin spricht mit dem und der ist erst garstig und abweisend, aber mehr und mehr stellt sich heraus, dass der einfach entsetzlich an gebrochenem Herzen leidet, weil er ja die ganze Zeit auf Wart geht, endlich sein Menschsein ganz abfragen zu können und Hund zu werden. Und ja auch schon unter den Folgen dieser Halbverwandlung so leidet und zugleich ahnt, dass es irgendwie bei ihm nicht funktioniert und dass er vielleicht dieses Zwitterwesen bleiben wird. Und vor allem ahnt er, dass der Mensch, in den er so unsterblich verliebt ist, schon lange nichts mehr von ihm wissen will und sich weiter bewegt hat und ihn auch als Hund gar nicht nehmen wollen wird. Und ohne vor viel zu wegnehmen zu wollen, aber weil es so ein Lebenstrang der Handlung ist, kann ich es erzählen, der stirbt dann auch tatsächlich. Und das war eine Stelle, wo ich Vorrührung, Tränen in den Augen hatte und zugleich hatte ich sie immer noch ein bisschen vor Lachen, weil diese Figuren so grotesk beschrieben sind. Diese Halb-Mensch-Halb-Hund-Wesen, die sind natürlich ganz zarr. Und ja, jetzt habe ich es vielleicht ausführlich erzählt, dass die Buch-Buddle-Fragen das so vorgeben, aber das ist ein gutes Buch.
Vera
01:08:02
Also auf jeden Fall.
Tamara
01:08:04
Das war die längste Antwort aller Zeiten, aber dir könnte man noch länger zuhören. Ja, ja. Dann kommen wir zur zweiten Frage. Wer war denn für dich eine ganz besonders inspirierende Begegnung in der Buchbubble?
Tilmann
01:08:18
Ah, das war jemand, der gar nicht in der Buchbubble zu Hause ist. Ich habe ihn aber im Buchbubble-Rahmen getroffen. Das ist ein Performance-Künstler, der heißt Matthias Schamp. Meines Wissens lebt er in Buchen. Ich habe ihn aber getroffen bei einem Wettbewerb in Österreich. Da waren fünf AutorInnen eingeladen, die Kurzgeschichten geschrieben hatten und die waren in so einer Endauswahl. und wir haben alle vorgelesen und am Schluss hat jemand den Preis bekommen. Und Matthias Schamp war da auch eingeladen und hat eine Geschichte gelesen, die ich ganz toll fand. Da ging es lustigerweise auch um Hunde. Da ging es um Hunde, die in ein Tierheim ums Leben kommen und dann aber wieder auferstehen auf dem Parkplatz des Tierheims und als Hundegeister da durch die Gegend führen. Also war auch für mich Kotesk. Aber Matthias Schamp, also dieses Hundeding ist jetzt Zufall, aber Matthias Schamp hatte so eine gute Ausstrahlung. Der hat einfach unter anderem diese Geschichte geschrieben, weil er Bock dazu hatte, weil er die Inspiration, die Idee dazu hatte und dann Lust hatte, seiner Kreativität zu folgen. Und ich habe selten jemanden getroffen, der so kompromisslos der eigenen Kreativität einfach folgt, der einfach sagt, ich stehe morgens auf und wenn ich eine geile Idee habe, dann mache ich das und irgendwie wird sich alles andere schon fügen. Und das finde ich bis heute vorbildhaft, das muss man sich irgendwie auch leisten können, diese Haltung. Aber ehrlicherweise hat er mir so vorgelebt, und ich kenne seine privaten Hintergründe nicht, aber es wirkte auch nicht so, hat er mir so vorgelegt, dass er sich das einfach leistet und dann funktioniert es schon irgendwie. Das finde ich bis heute cool. Das möchte ich auch gerne machen.
Vera
01:09:46
Das hätte ich auch gerne.
Tamara
01:09:50
Und zum Schluss, welches Klischee möchtest du nie wieder in einem Buch lesen?
Tilmann
01:09:54
Ich weiß gar nicht, es ist weniger ein Klischee als ein klischierter Begriff vielleicht. Mich regt es immer total auf, wenn in einem Buch pauschal von Liebe die Rede ist und mir nicht genau erklärt wird, ja was denn für eine Liebe? Was für eine Art von Liebe denn? Ich habe das Gefühl, Liebe ist so einer der vielfältigsten Begriffe, die es überhaupt gibt. Es gibt so tausend und eine unterschiedliche Arten von Liebe geben und mir passiert es häufig in Büchern, dass der Satz dann irgendwie hingeschrieben wird, naja und dann merkten sie, dass sie sich liebten oder sie liebte ihn halt oder Liebe, als wäre das so eine Art Kleister, den man jetzt einfach über den Absatz drüber streichen kann und dann wird schon für alle alles klar sein. Und das denkt mich immer tierisch auf, weil ich finde, Liebe ist auch so schwierig und so komplex, aber natürlich auch so schön und so facettenreich, dass ich das auf jeden Fall genauer erklärt haben möchte. Deswegen liebe ich wiederum Bücher sehr, die sich mit der Liebe auseinandersetzen und das auf eine intelligente, schöne, spannende vielleicht auch neue Weise tun. Und finde es ganz schwierig, wenn Liebe einfach nur so ein Platzhalter für ich muss über das Plothole drüber ist und einfach nur da steht, um mir zu erklären, da brauchst du jetzt nicht weiter nachfragen. Genau.
Vera
01:11:03
Ja, lieber Till, wir haben es sehr geliebt, dass du heute da bist.
Tilmann
01:11:07
Oh, wer denn?
Vera
01:11:08
Ach ja, genial. Und ja, ich stimme Tamara zu. Ich könnte dir noch eine Stunde zuhören. Vielleicht machen wir mal eine andere Folge. Und lassen wir uns überraschen. Ja, wir wünschen dir ganz, ganz viel Erfolg bei all deinen tollen Konzepten. Und ich werde mich jetzt mal umhören hier am Niederrhein, ob ich das mit der Fahrradtour mitbekomme. Ansonsten auch sonst bei anderen Konzepten. Ja, an euch da draußen, liebe Hörer und Hörer. Ihr wisst, dass wir euch jede Woche mit Ideen und tollen Gästen beglücken. Verbreitet das gerne weiter, folgt uns und bleibt uns gewogen. Also vielen Dank nochmal und bis nächste Woche.
Tamara
01:11:54
Danke Till, ciao.
Tilmann
01:11:55
Ich danke euch, das war sehr schön. Alles Gute.