Die Zwei von der Talkstelle

Gespräche aus der Selfpublisher- und Buchbubble

Fantasy und queere Repräsentation: Noah Stoffers über Klischees und Verantwortung

Mit einem Fantasyroman mit nonbinärer Hauptfigur zum Spiegel Bestseller! Das ist Noah Stoffers gelungen und wir sprechen in dieser Folge darüber.

09.07.2026 75 min

Zusammenfassung & Show Notes

Mit einem Fantasyroman mit nonbinärer Hauptfigur zum Spiegel Bestseller! Das ist Noah Stoffers gelungen und wir sprechen in dieser Folge darüber. Noah schreibt, lektoriert, ist Sensitivity Reader für queere Themen und gibt uns außerdem Einblicke in die Verlagswelt in der Phantastik.
Warum hat es literarische Fantasy in Deutschland so schwer? 
Was fasziniert Noah so daran, Phantastik zu schreiben?
Allem Weltenbau zum Trotz muss auch eine Fantasy-Geschichte immer etwas mit dem zu tun haben, was reale Menschen bewegt. Marginalisierte Gruppen authentisch und breitgefächert darzustellen, bedeutet deshalb für Noah Verantwortung. 
Wie können Schreibende Klischees vermeiden? 
Wie hilft dabei ein Sensitivity Reading? 
Und warum sollten wir dennoch nicht zu viel Angst haben, Repräsentation in unsere Geschichten einzubauen?
Noah spricht offen über Transition und eigene Erfahrungen und gibt praktische Tipps für den Umgang mit Vielfalt im Roman.
LINKS:
Unser Gast: 
https://www.droemer-knaur.de/autor/noah-stoffers-3010811 
https://www.instagram.com/noah.stoffers/
Noahs Buchtipp: 
'The Poet Empress' von Shen Tao 
https://www.amazon.de/Poet-Empress-ersehnte-asiatische-Madeline/dp/3690860067
Klischees finden: 
https://tvtropes.org/
Unsere nächsten Messen: 
Vera (Teich): Schwingbodenfestival, Grefrath - 11. Juli 2026, ab 15 Uhr 
Tamara (Tisch und Moderation): https://www.kulturgiesserei-saarburg.de/literaturfestival/
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Gespräche über das Schreiben und Veröffentlichen von Büchern, egal ob Selfpublishing oder Verlag. 


Mit einem Fantasyroman mit nonbinärer Hauptfigur zum Spiegel Bestseller! Das ist Noah Stoffers gelungen und wir sprechen in dieser Folge darüber. Noah schreibt, lektoriert, ist Sensitivity Reader für queere Themen und gibt uns außerdem Einblicke in die Verlagswelt in der Phantastik.

Warum hat es literarische Fantasy in Deutschland so schwer?
Was fasziniert Noah so daran, Phantastik zu schreiben?

Allem Weltenbau zum Trotz muss auch eine Fantasy-Geschichte immer etwas mit dem zu tun haben, was reale Menschen bewegt. Marginalisierte Gruppen authentisch und breitgefächert darzustellen, bedeutet deshalb für Noah Verantwortung.

Wie können Schreibende Klischees vermeiden?
Wie hilft dabei ein Sensitivity Reading?
Und warum sollten wir dennoch nicht zu viel Angst haben, Repräsentation in unsere Geschichten einzubauen?

Noah spricht offen über Transition und eigene Erfahrungen und gibt praktische Tipps für den Umgang mit Vielfalt im Roman.

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Transkript

Vera
00:00:00
Er hat alles gewechselt, vom Genre bis zum Namen und ist Spiegel-Bestseller-Autor. Heute ist er bei uns, die Rede ist von Noah Stoffers. Wir haben gesprochen über seinen Weg durch die Verlage, was die verschiedenen Wechselfilien ausgelöst haben und wie er in die Fantastik gekommen ist.
Tamara
00:00:18
Wir haben sowohl darüber gesprochen, warum Fantasy von einigen in der Hochliteratur nicht so gesehen wird, zu Unrecht. Wir haben über Repräsentation marginalisierter Gruppen gesprochen und über Sensitivity Reading, denn unser Gast heute ist sowohl Autor als auch Lektor als auch Sensitivity Reader. Hier ist Folge 319 von die 200-Talk-Stelle, dem Podcast übers Schreiben und Veröffentlichen im Verlag und im Self-Publishing. Mir gegenüber die liebe Vera Nentwig, ich bin Tamara Leonhardt. Hallo Vera, wie geht's dir?
Vera
00:01:10
Ja, hallo schön Tamara. Ja, mir geht's gut. Doch, ich kann es nicht anders sagen.
Tamara
00:01:15
Sehr schön.
Vera
00:01:16
Ja, dir auch, hoffe ich.
Tamara
00:01:18
Ja, davon ab, dass ich gerade ein bisschen müde bin, weil ich wieder in meiner, ich wache nach drei bis vier Stunden Schlaf auf und kann nicht mehr einschlafen Phase bin.
Vera
00:01:27
Oh, okay. Da habe ich Gott sei Dank keine Probleme mit.
Tamara
00:01:33
Ja.
Vera
00:01:34
Ich wache mittlerweile eigentlich immer pünktlich früh auf und dann ist ja mein erster Weg immer nach dem Latte Macchiato die Amazon Ads-Statistik auswerten, und gucken, wie es sich entwickelt. Da habe ich jetzt neue Learnings gemacht, die für andere nicht neu sind. Ich meine, jeder, der sich auskennt, sagt ja immer, Vera, bei Amazon Ads muss man Geduld haben. Geduld. Ich meine, das hört man ja im Autoren-Dasein ständig, dass man Geduld hat. Und das ist ja mein Reizwort. Also wenn ich eins nicht habe, dann Geduld.
Tamara
00:02:13
Ich glaube mehr als ich. Also das würde mir alles schon wieder auf den Käthe gehen.
Vera
00:02:19
Ja, und ich habe jetzt gerade in den letzten Tagen gemerkt, dass die recht haben. Ich war wohl zu ungeduldig. Das sind eigentlich zwei Faktoren, die ich auch gerne all den Hörerinnen und Hörern da draußen mitgeben möchte, die vielleicht drüber nachdenken, sich mit Amazon Ads zu beschäftigen. Regel 1, guckt, dass ihr die Sachen ganz am Anfang schon richtig anlegt und macht es nicht wie ich, die dann am Anfang hektisch werden und dann Sachen ändern. Das fällt euch irgendwann auf die Füße. Insbesondere, das habe ich jetzt auch deutlich lernen müssen, Man macht für jedes Buch, also für jedes Buch, also ich habe da sowieso nur die ersten Teile der Reihe, für jedes Buch eine eigene Kampagne. Am Anfang, ich wusste es, ich habe auch die Kampagnen so benannt, ich habe eine Kampagne Bienehagen und eine Kampagne Frau Appeldorf, aber irgendwie am Anfang lief das mit der Bienehagen Kampagne nicht und ich weiß nicht, was mich dazu geritten hat. Ich habe dann in ein, zwei der Anzeigengruppen auch den ersten Teil von Frau Appeldorn mit reingetan. Das habe ich dann im Zuge der ständig völlig vergessen, mich dann darüber gefreut, dass diese Anzeigengruppen super performen und dachte, super, Bienehagen performt, bis ich dann festgestellt habe, es war überhaupt nicht Bienehagen.
Tamara
00:03:45
Oh Mann.
Vera
00:03:46
Die meisten Sachen waren Frau Appeldorn. Was natürlich meine komplette Analyse und die Folgerungen ad absurdum geführt hat. Dann habe ich gedacht, dann trenne ich das jetzt. Dann habe ich die ganzen Targets, die dann da gut funktionieren, exportiert. Habe das dann in die richtige Kampagne getan. Ja, aber sowas mag Amazon nicht. Amazon mag, wenn es ganz ruhig läuft und wenn man nichts dran dreht. So, und dieselben Keywords oder Targets, die vorher super performt haben, werden jetzt kaum ausgespielt.
Tamara
00:04:24
Oh Mann.
Vera
00:04:25
So, und was natürlich bedeutet, dass dieser schöne Ausflug, den ich doch so am Ende des Junis hatte, ausgebremst wurde. Jetzt stagniert es in den ersten Tagen des Juli, also immer noch auf einem weit höheren Niveau, als ich vorher ohne war, das steht frei, aber ich hatte so schön, da war so eine schöne Kurve nach oben und die ist jetzt, ne, und, Ja, also mein Learning ist, sehr vorsichtig mit Änderungen sein und bitte am Anfang gucken, dass man schon alles richtig anlegt. Auch wenn man am Anfang meint, es läuft nicht. Auf die Zähne beißen und durch und warten. Das muss ich jetzt auch nochmal machen, bis dieser Algorithmus endlich begriffen hat, dass es wieder neu ist und dass das jetzt gefälligst wieder ausspielt. Das wird mich natürlich wieder Unmengen an Geld kosten, weil Amazon gewinnt ja immer. Aber ich mache ja parallel, betreue ich ja die Kampagne für eine Kollegin, die ihre Bücher in den USA vermarktet.
Tamara
00:05:29
Und da macht es gleich richtig.
Vera
00:05:31
Ja, das zum einen, aber da sehe ich jetzt erstmal, wie gut wir es hier noch haben. Also die Dimensionen in den USA, die sind, fällt das richtig adjektiv nicht ein, also die sind, ja, schrecklich. Also da muss es für, also ich sag mal so, wenn hier im deutschen Markt, wenn da ein gut laufendes Target ist, da kann es schon mal sein, dass du einen Euro oder auch für mich auch einen Euro 50 bieten musst. Was ich immer noch rechnen kann bei dem Reihenerlös, den ich haben könnte. In den USA hast du Targets, da musst du 5, 6 Dollar zahlen, überhaupt irgendwie mal ausgespielt zu werden.
Tamara
00:06:15
Und ich nehme nicht an, dass der Buchpreis höher ist.
Vera
00:06:19
Im Gegenteil. Also du musst da viel mehr investieren und viel mehr, und dann gibt es natürlich auch viel, viel mehr Konkurrenz da. Also von daher haben wir hier noch gut. Und ich finde das auch immer als Zeichen für all jene, die gegen Buchpreisbindung und Regulierungen schimpfen. Ich glaube, da sollte man froh sein, dass wir sowas noch hier haben, damit die Auswüchse nicht so völlig werden wie in den USA. Ja, ich denke auch. Ja, ja, also das war ein Learning und dann hatte ich aber gestern auch ein wirklich positives, schönes Erlebnis. Ich habe ja, habe ich ja letztes Mal, glaube ich, schon erzählt, habe jetzt die Buchstartparty für Weber und Vosniak organisiert. Die findet ja am 27. August statt und ich habe so Werbekarten und Plakate.
Tamara
00:07:08
Ja, ich sehe es hinter dir an der Wand lehnen.
Vera
00:07:10
Genau, und Plakate machen lassen. Und dann bin ich gestern schon mal die drei Buchhandlungen, die in der Krefeldstadt-Mitte sind, abgelaufen, um da meine Plakate und Werbekarten unterzubringen. Und ich muss ja gestehen, ich habe ja schon mal in der Vergangenheit hier und da so Buchhandelstouren gemacht. Ich habe ja da eher gemischte Erfahrungen gemacht. Und diesmal war das aber völlig anders. Ich hatte ja eh schon die regionalen Buchhandlungen vor ein paar Wochen schon angeschrieben zu dem Buch und denen auch schon Wischwaschzettel geschickt. Ein oder zwei hatten sicher.
Tamara
00:07:44
Ein Wischwaschzettel.
Vera
00:07:45
Ein Wischwaschzettel, genau. Und ein oder zwei hatten auch schon geantwortet. Ja, ich kam bei der ersten Buchhandlung rein, aber dann habe ich dann direkt auch den Besitzer erwischt und der hat sich direkt an mein E-Mail erinnert, was ja schon mal gut ist. Hat auch gesagt, ja, er wollte mir noch angewählen, hatte noch eine Frage, die ihm aber jetzt gerade nicht eingefallen ist und hat meine Werbematerialien sehr dankend entgegengenommen und das alles da aufhängen und machen. Das fand ich schon mal gut. Dann bin ich zu Thalia, auf der Fußgängerzone gegangen, da habe ich dann auch direkt mit dem Filialleiter sprechen können, der hat meine Werbematerialien auch direkt angenommen und hat von sich aus gefragt, wie es denn mit Lesungen und Signierstunden wäre.
Tamara
00:08:30
Oh, wow, toll.
Vera
00:08:31
Hat mich dann auch direkt mit der Kollegin, die das verwaltet, in Verbindung gebracht, damit die im Herbst fort organisiert. Das fand ich ja cool. Auf jeden Fall. Ich meine dafür, dass ich jetzt seit 13 Jahren noch nie in Krefeld eine Lesung hatte. Und dann die letzte Buchhandlung, da hatte mich schon eine angeschrieben und auch schon mal nach dem Leseexemplar gefragt. Und ja, die waren dann auch direkt ganz offen und da haben wir nochmal gesagt, habe ich gesagt, ja, ist gerade noch im zweiten Lektoratsdurchgang, dann kann ich ihnen das schicken. Und die wollen dann auch direkt bei mir bestellen und nicht bei Libri. Also, das war ein sehr positiver Rundgang bei Buchhandlungen, was ich ja so nicht so oft habe eigentlich. Wenn ich so recht überlege, glaube ich noch nicht. Ja, insofern.
Tamara
00:09:21
Das freut mich.
Vera
00:09:23
Finde ich dann doch, dass es da positive Signale gibt und ich weiter zuversichtlich, meinen Weg versuche zu gehen.
Tamara
00:09:34
Das freut mich.
Vera
00:09:35
So, jetzt bist du dran. Was ist bei dir alles Tolles passiert?
Tamara
00:09:38
Ja, war auch eine spannende Woche. Am Wochenende war ich ja mit einem Tisch auf der Vegan Fantasy Fair. Es war ein großes Jahr, so ein bisschen, ich kann es auch nicht sagen wie Mittelaltermarkt, halt so eine große Fantastik-Convention, aber Outdoor in einem Park, also richtig schön von der Location her, und eben kombiniert mit vegan, halt im Sinne von alle Foodtrucks hatten nur veganes Essen angeboten. Wenn du als Verkäufer einen Stand hattest, durftest du halt zum Beispiel kein Leder oder kein Horn oder sowas anbieten. Und war natürlich bedingt dadurch durch das Thema auch einige so aktivistische Stände, also Tierschutzstände, Peter war da und so. Und das war, genau, wir hatten so ein Autorenzelt, da waren wir zwei, vier, sechs, sieben Stände und das war richtig schön gemütlich und war eine tolle Stimmung bei uns und generell war so die ganze, das ganze Klientel war so wahnsinnig angenehm. Es war irgendwie, alle waren freundlich und irgendwie so positiv. Das war sehr, sehr schön. Und der erste Tag war ein bisschen heißer, aber der zweite war auch super angenehm vom Wetter her. Ich stand auch ganz vorne, wo noch so ein bisschen Windchen gegangen ist. Und mir war aber ja von vornherein klar gewesen, wenn ich mich da anmelde, von meinen Büchern her treffe ich ja jetzt das Zielpublikum nicht wirklich, weil da dann doch wahrscheinlich die meisten Fantastik lesen. Von daher hatte ich auch nur einen halben Tisch genommen und habe halt gedacht, dann nimmst du noch andere Sachen mit, die du verkaufen kannst, um halt irgendwie die Kosten reinzuspielen. Und habe da im Vorfeld ein bisschen gebastelt. Eine meiner klügeren Ideen war zum Beispiel, das Wetter zu berücksichtigen. Und ich habe so schwarze Fächer in einem Mengenpack bestellt und habe die mit verschiedenen Sprüchen handbemalt. Also ich hatte drei verschiedene Sprüche und der erste war nach drei Stunden ausverkauft.
Vera
00:11:44
Ja, cool.
Tamara
00:11:45
Und es waren dann auch viele traurig, dass es den nicht mehr gab. Also das lief tatsächlich sehr, sehr gut. Und ich habe ja letztes Jahr mal so ein bisschen angefangen... Ich habe ja von meinem Debütroman, den hatte ich ja neu rausgebracht nach ein paar Jahren und da habe ich, von der ursprünglichen Version noch einige Printbücher, die ich dann aber auch jetzt nicht mehr groß verkaufen wollte, weil das halt nicht die aktuelle Version ist und die habe ich hier rumfliegen. Da habe ich letztes Jahr irgendwann mal angefangen, die Buchseiten so zu zerreißen und so collagenmäßig auf Holz zu kleben und darauf dann zu malen. Finde ich total entspannend, macht mir total Spaß.
Vera
00:12:25
Buchseiten zerreißen findest du spannend.
Tamara
00:12:29
Na, eher das Malen. Und habe mir dann so gedacht, ach komm, diese Messe ist ja auch sehr kunstaffin, nimmst es einfach mal mit. Und habe die so hinter mir an die Wand gehangen. Und da kam dann tatsächlich eine, die sagt, da würde ich gerne mitnehmen. Das fand ich dann doch sehr cool.
Vera
00:12:47
Ja.
Tamara
00:12:47
Genau. Und dann hatte ich halt noch von den Seapunks, also zivile Seenotrettung, wo ich mich engagiere, habe ich noch so ein bisschen Spenden-Merch mitgenommen. Das war auch für einige sehr interessant und hat dadurch auch einfach die richtigen Leute zu mir in den Stand gezogen. Und insofern hatte ich zwei sehr schöne Tage draußen, barfuß in der Wiese stehend, und nette Gespräche, tolle Kontakte, ein deutliches Plus am Ende. Und das war ein sehr, sehr schönes Wochenende.
Vera
00:13:16
Aber hast du jetzt auch ein Buch verkauft?
Tamara
00:13:18
Ich habe auch Bücher verkauft, ja. Nicht so viel wie jetzt an so einer typischen Bookie, so Instagram-mäßigen Messe. Aber ja, ich habe auch Bücher verkauft. Ich war sogar... Vera, du wärst so stolz auf mich gewesen. Ich habe sogar einen Besucher nicht nur angesprochen, ich bin aus dem Zelt herausgegangen und habe ihn an meinen Stand zitiert.
Vera
00:13:44
Ja, guck, du lernst ja doch.
Tamara
00:13:46
Weil der hatte irgendwie so ein, ich weiß nicht, bestimmt zwölf Zentimeter großes Logo von einer Punkband auf dem Arm tätowiert. Und der war irgendwie mit Familie, er stand mit dem Kinderwagen draußen, während sie halt im Zelt sich die Sachen angeguckt hat. und da bin ich dahin und habe gesagt, du hörst Punkrock, du kommst jetzt mal mit. Und tatsächlich haben sie dann das Buch gekauft und auch noch gleich Seapunk-Merch dazu. Gut, da habe ich jetzt finanziell nichts von, aber habe ich mich natürlich trotzdem gefreut und waren beide sehr angetan von dem Buch.
Vera
00:14:19
Ja, guck mal. Ja, schön. Es entwickelt sich. Ja, wo du sagst Outdoor, ich bin am kommenden Samstag bin ich ja auch Outdoor. Da ist das sogenannte Schwingen.
Tamara
00:14:32
Bist du Outdoor oder Outdoor?
Vera
00:14:34
Beides, beides. Da ist das sogenannte Schwingboden-Festival in Grefrath, da wo ja mein Bienehagen-Krimis spielt.
Tamara
00:14:44
Schwingboden?
Vera
00:14:45
Ja, Schwingboden ist so ein großer Park. Das war das frühere Landesgartenschau-Gelände in den 70ern.
Tamara
00:14:51
Okay, ich hatte jetzt so eine Sportart aus Bayern vor Augen, wo die sich so an den Hosen packen. Ja, nee, das ist nicht.
Vera
00:15:00
Aber was halt schön ist, also es ist so ein Festival, also Musik und Fressbuden und so, und die hatten halt eingeladen ich teile mir da so einen 3 Meter tapeziertisch, mit zwei anderen Autorinnen und Autoren aus Grefrath die haben aber jeweils nur ein oder zwei Bücher geschrieben und, Und wer sich erinnern mag, meine erste Leiche, Judith Schöller bei Todes und Nervenur, lag ja genau in dem Teich in diesem Park.
Tamara
00:15:30
Ah, okay.
Vera
00:15:31
Und ja, da ist dann auch so für uns so am Nachmittag bis so am frühen Abend, dann fangen da die Konzerte an, dann sind wir raus. Werde ich da stehen und meine Bücher versuchen, Fall zu gieten.
Tamara
00:15:44
Du musst unbedingt irgendwie... Keine Ahnung, so eine billig Sexpuppe oder so kaufen und die so kopfüber ins Wasser stecken und ein Zettelchen dran, dass es das Buch dazu am Stand so und so gibt.
Vera
00:15:57
Ja, also gute Idee. Nicht, dass jemand den Notruf ruft oder so.
Tamara
00:16:02
Ja, es sollte halt offensichtlich eine Puppe sein. Aber ich glaube, diese Gummipuppen, die sehen ja, glaube ich, nicht so zum Verwechseln echt daraus.
Vera
00:16:10
Kommt drauf an, für welchen Verwendungszweck. Aber, ja, ich werde nochmal drüber nachdenken.
Tamara
00:16:18
Ja, meine nächste Messe ist jetzt erst in einem Monat, am 2. August. Aber das würde ich auch gerne hier nochmal bewerben. Das ist nämlich das Literaturfestival in Saarburg. Und das ist am 2. August. Und da habe ich zum einen einen Stand zusammen mit der Sissi, also wir sind da als Autorinnen und mit der Autorinnen-Lounge. Und zum anderen darf ich das Ding moderieren und noch eine Talkrunde auch führen. Und deswegen lohnt es sich, gleich doppelt und dreifach dahin zu kommen. Das wird außerdem wirklich richtig cooles Festival. Da sind auch spannende Leute da. Ich kann es jetzt gerade nicht alle aus dem Ärmel schütteln, aber ein bekannter Name, der auf jeden Fall auch bei uns im Podcast schon war, zum Beispiel Poppy J. Anderson. Und es wird den ganzen Tag Lesungen geben und die Location ist auch richtig cool. Das ist eine alte Glockengießerei. Ich kenne die daher selbst schon, weil ich da schon zweimal singen durfte auch. Und wirklich richtig, ja, so urig, idyllisch, also unbedingt hinkommen.
Vera
00:17:19
Ja, auf jeden Fall. Und ja, dann bestellt Poppy für eine Grüße.
Tamara
00:17:24
Mache ich. Und ich glaube, ich hatte ja noch ein spannendes Erlebnis diese Woche und ich glaube, das darf ich jetzt vielleicht endlich mal erzählen. Ich werde nämlich demnächst zum ersten Mal für jemand anderes ein Hörbuch einlesen, und da war ich letzte Woche in dem Studio zum Kennenlernen und mal Probeaufnehmen. Und ja, dem hat wohl meine Stimme ganz gut gefallen. Jedenfalls bekam ich am Wochenende eine Nachricht, ob ich kurzfristig Montagnachmittag eine Stunde Zeit hätte, um für einen Kunden ein paar Sätze für einen Imagefilm einzusprechen. Und da war ich dann jetzt am Montag und ja.
Vera
00:18:02
Okay.
Tamara
00:18:03
Ich habe dafür Geld ein paar Sätze ins Mikro gesprochen und das hat total Spaß gemacht.
Vera
00:18:07
Ja, das kann ich mir vorstellen. Na gut, dann kannst du ja demnächst meine Hörbücher einsprechen.
Tamara
00:18:12
Ja, wenn du Budget hast. Du bist ja jetzt reich und berühmt.
Vera
00:18:20
Ich habe ja weder Geduld noch Budget. Das schauen wir dann mal. Ja, super. Das sind auch schöne Geschichten. Und wir haben jetzt schon ein ellenlanges Vorgeplänkelt. Das macht nichts. Ja, genau. Wir müssen jetzt unsere Stammhörer und Hörerinnen durch. Und ich habe keine Ahnung, wie wir jetzt zu unserem Gast umleiten. Oder weiterleiten. Oder überleiten.
Tamara
00:18:41
Hier ist der Gast.
Vera
00:18:42
Okay, so machen wir das. Ja, dabei hätte unser heutiger Gast eine super Überleitung verdient. Wir freuen uns riesig, dass er heute da ist. Ich hatte das Vergnügen, vor ein paar Wochen eine Lesung von Ihnen hier im Krefeld moderieren zu dürfen. War wie immer begeisternd und natürlich habe ich dann direkt gesagt, komm, du musst unbedingt in unseren Podcast kommen. Und heute ist er hier, die Rede ist von Noah Stoffers. Hallo Noah.
Noah
00:19:13
Hallo und vielen Dank, dass ich hier sein darf.
Tamara
00:19:16
Hallo.
Vera
00:19:17
Ja, toll, dass es geklappt hat. Wir haben uns ja dann da in Krefeld schon intensiver unterhalten und ich habe ja da schon so ein bisschen deine Karriere verfolgt oder auch mir genauer angeschaut. Und es gibt so ein Thema, was sich so da durchzieht. Das ist so, ich sag mal so, der Wechsel. Also da ist ja der Wechsel vom journalistischen Schreiben zum Buchschreiben. Da ist der Wechsel vom kleinen Verlag zum mittleren, zum großen. Da ist der Wechsel der verschiedenen Tätigkeiten rund ums Schreiben und nicht zuletzt auch noch der Wechsel des Namens. Und ist das eine Erkenntnis, die du unterschreiben würdest, dass so dieses Wechseln, die verschiedenen Sachen machen, ist das etwas, was du forcierst oder betrachtest du das eher als eine Herausforderung?
Noah
00:20:11
Also es ist zwischendurch definitiv eine Herausforderung, weil es ja immer was Neues ist, auf das man sich irgendwie einlässt. Und gerade bei Namen steckt ja bei mir auch die Transition dahinter. Also ich bin transgeschlechtlich und das ist natürlich eine große Veränderung im Leben. Es ist aber auch so, dass mir oft widersprüchliche Dinge sehr gut gefallen haben. Also wenn ich es ganz stark runterbreche, würde ich sagen, ich mag Tee und Kaffee, ich mag Star Trek und Star Wars, ich mag Marvel und DC. Die kannst du nur. Ich mag theoretisch auch mehr als ein Genre. Und... Das bedeutet natürlich, dass man dann vielleicht auch unterschiedliche Sachen ausprobiert oder sich auf neue Sachen einlässt.
Vera
00:20:54
Hast du denn, also gerade wo du das Thema Genre ansprichst, hast du das denn als einen Vorteil für deine Karriere empfunden oder ist es eher eine Hürde?
Noah
00:21:06
Beides. Einerseits mir persönlich gefällt es sehr gut. Also ich mag auch durchaus Bücher, die einen Genre-Mix haben. Aber für Verkaufszahlen oder für eine klare Positionierung ist es natürlich gut, ein Genre sehr gut zu kennen und hauptsächlich zu schreiben und auch sehr klar zu schreiben, weil man dadurch einfach greifbarer ist für den Buchhandel, für die Lesenden. Und es leichter ist, in der Theorie sich eine Marke aufzubauen.
Vera
00:21:32
Ja, natürlich. Jetzt hast du es ja trotzdem zum Spiegel-Bestseller geschafft.
Noah
00:21:37
Das war auch viel Glück, aber ja.
Vera
00:21:41
Ist das jetzt ein Zeichen, dass du, Ich habe jetzt nicht ganz im Kopf, mit welchem Buch das war, aber es war, glaube ich, Fantasy, wenn ich das richtig erinnere.
Noah
00:21:50
Es war Fantasy, es war Midsommers Nightmare. Es ist so eine Dark Academia-Geschichte mit Fantasy-Elementen. Und da sind, glaube ich, schon ein paar Sachen zusammengekommen. Also einerseits war Dark Academia da gerade stark im Kommen auf dem deutschen Buchmarkt. Dann hatte ich, also ich hatte mich sehr bewusst dafür eine nicht-binäre Hauptfigur entschieden. Ich wollte einerseits eigene Erfahrungen verarbeiten, aber ich hatte auch gesehen, dass es das erste Mal war, dass wir eine Reihe von Trans-Hauptfiguren im Fantasy-Bereich, im internationalen Bereich hatten und hatte gesehen, okay, vielleicht macht der deutsche Buchmarkt das jetzt mit, damit es international funktioniert hat. Und dann ist da noch die Bücherbüchse draufgesprungen und hat das mit in das Abo genommen. Und das hat natürlich auch automatisch für sehr viele Verkäufer gesorgt.
Vera
00:22:36
Aber wobei jetzt gerade, wenn du schon sagst, das ist Dark Academia mit Fantasy-Einschlag, was ja schon nicht nach einem sehr klaren Genre klingt. Mal abgesehen davon, dass ich keine Ahnung habe, was Dark Academia ist. Magst du es vielleicht mir und anderen, die damit jetzt anfangen, ein bisschen erklären?
Tamara
00:22:53
War das gerade so diese Wednesday-Zeit?
Noah
00:22:57
Das kam so in der Zeit auf. Also du hast da schon die richtige Serie genannt. Die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht an Club der Toten Dichter oder an die geheime Geschichte von Donatat oder so. Es sind oft akademische, sehr privilegierte akademische Settings, also Elite-Universitäten zum Beispiel oder sehr reiche Internate. Und meist gibt es dann eine kleine Gruppe von Studierenden, von Schülerinnen, von Schülern, von Leuten, die ein dunkles Geheimnis haben oder ein dunkles Geheimnis aufklären müssen und es wird so sehr, nostalgisch Wissen irgendwie verklärt. Also Bibliotheken, in denen dann der Kerzenschein flackert oder irgendwelche alten Hörsäle und dann irgendwelche düsteren Geheimnisse, die man nachts erforschen muss. Und wenn Fantasy dazukommt, dann kann man halt auch ganz gut mit Magie und Geistern und solchen Sachen erarbeiten.
Vera
00:23:52
Aber das kann doch nie an der deutschen Uni spielen, da in resopalgraue Bibliothekenwände kann ich mir noch nicht so oft sein.
Noah
00:24:00
Ja, also es hat nicht viel mit der Realität zu tun. Es ist, glaube ich, auch kein Zufall, dass es sehr populär geworden ist in den Corona-Lockdowns, als alle zu Hause saßen und nicht zur Schule und in die Universitäten gegangen sind. Und es ist, also durch diese Verklärung, also oft ist es ein englischsprachiges Setting und selbst die englischen Unis sehen ja nicht alle so toll aus, wie das da dargestellt wird. Wenn du jetzt irgendwie sagst, Oxford, Cambridge oder in den USA, Harvard oder so, selbst die sind ja oft moderner, als das jetzt, als das dann sozusagen in Wednesday dargestellt wird, weil es einfach, ja, larger than life sozusagen. sagen.
Vera
00:24:39
Ja, ja, genau.
Tamara
00:24:40
Wobei ich war mal in einem, ich weiß nicht mehr was für ein Saal, das war in Cambridge an einem Institut und da dachte ich wirklich, ich stehe im Harry Potter Speisesaal. Das war schon, das war eine ganz andere Welt.
Noah
00:24:54
Das glaube ich sofort, ja. Also ich glaube, da ist auch viel da gedreht worden irgendwie und das versucht so ein bisschen diesen Vibe so einzufangen, dass du so, als würden wir uns das alle leisten können in Oxford und Cambridge.
Vera
00:25:06
Genau.
Tamara
00:25:06
Ja.
Vera
00:25:08
Und wie war das denn dann? Ich meine, jetzt ist ja so lange noch nicht her und, hast du dann gesagt, okay, jetzt bleibe ich bei dem Genre oder hast du dann noch wieder gewechselt?
Noah
00:25:19
Also ich bin ursprünglich, habe ich mal mit History angefangen, aber auch da waren damals schon so ein paar Elemente drin, wo man sich gefragt hat, ah, ist das nicht vielleicht doch Fantasy? Und für mich war es immer so, dass Fantasy das war, was mich am meisten fasziniert hat und was so ein bisschen der rote Faden ist, der sich durch alles durchzieht. Aber das nächste Buch war dann nicht mehr Dark Academia, das war dann Urban Fantasy. Und also das Fantasy-Element ist dann das Verbindende sozusagen.
Vera
00:25:45
Aber was haben die Verlage gesagt? Haben die gesagt, ja super, machen wir was anderes? Oder haben die gesagt, oh, muss das denn sein?
Noah
00:25:51
Ja, also tatsächlich, ich hätte mir auf eine Fortsetzung gewünscht, aber angeblich tun sich Fortsetzungen im Moment sehr schwer. Bin mir gesagt, ich kann das nicht beurteilen. Und dann wollten sie lieber was anderes, was halt auch irgendwie im Fantasy-Genre ist.
Vera
00:26:06
Warum fällt dir Fantasy leichter? Also ich meine, du bist ja nicht der Einzige, die Fantasy. Es gibt ja sehr viele, das ist ja so ein großes Genre-Bereich. Ich bin gerade in dieser Woche mehrfach von Leuten angesprochen worden, die jemanden kennen, der Bücher schreibt und es war immer Fantasy. Jetzt kann ich mir ja vorstellen, ich meine meine ersten beiden Bücher habe ich ja später gelernt, waren ja auch irgendwie Fantasy. Es macht schon irgendwie Spaß, Sachen zu schreiben, wo man die reale Welt so aushebeln kann. Man muss sich eigentlich an nichts halten, man kann ja alles selbst machen.
Noah
00:26:41
Ja und nein. Letzten Endes musst du ja auch deine Lesenden von einer Fantasy-Welt überzeugen. Das heißt, sie muss irgendwie nachvollziehbar bleiben oder logisch oder überzeugend. Das heißt, man kann nicht einfach machen, was man möchte und ich recherchiere auch erstaunlich viel für Fantasy. Und ich würde sagen, auch jeder Krimi ist ja letzten Endes eine erfundene Geschichte in der Regel, wenn es nicht gerade... Aber ich kann ein bisschen die Grenzen der Realität sprengen und ich muss es möglichst clever und überzeugend tun, damit die Lesenden da mitgehen. Und so zu sagen, ich kann entweder Magie in alltägliche Situationen bringen oder eine völlig andere Welt erschaffen, die natürlich aber immer irgendwie ein Spiegel unserer Realität ist, weil sonst hätten wir ja gar keinen Bezug dazu. Das macht es für mich sehr spannend.
Vera
00:27:31
Aber du hast ja jetzt ja vorhin auch gesagt, Du magst ja Star Trek und Star Wars, was schwer zu verdauen ist, aber okay.
Noah
00:27:38
Ich schäme mich auch ein bisschen.
Vera
00:27:40
Ja. So, und jetzt gerade Star Trek, auch mehr als Star Wars, als Star Trek. Ich meine, da kommen die ja schon mal an Welten, die ja völlig anders sind, die auch die Naturgesetze ganz anders sind. Was ja trotzdem in sich logisch erklärbar ist. Also ich meine, du könntest ja ein UFO hier in Willig auf dem Marktplatz landen lassen und in deiner Welt wäre das völlig normal. Wenn ich das in meinem Krimi täte, würden die Leute sagen.
Noah
00:28:12
Ja, also dann würden sie sagen, ach ich dachte das wäre ein Krimi, jetzt habe ich hier so ein Science Fiction, so ein Twist ins Fantastische. Also ja, man kann schon die Grenzen der Realität eben sprengen oder verschieben und was Neues einführen, aber es muss die Lesenden halt immer noch irgendwie mitnehmen. Und ich würde sagen, selbst wenn es eine völlig andere Welt ist, anderer Planet, andere Naturgesetze und so weiter, die Perspektive, auf die wir da drauf gucken, ist ja immer die von Menschen unserer Zeit in unserer Realität sozusagen. Das heißt, wie wir das bewerten, wie es eingeordnet wird, da ist immer irgendwie noch ein Anker und ein Blickwinkel sozusagen, eine Perspektive, die eigentlich bei uns ankommt. Und oft ist es auch irgendwie so, dass es Themen widerspiegelt oder Probleme widerspiegelt oder Sachen, die irgendwas mit uns zu tun haben, weil warum sollten wir sonst darüber schreiben, selbst wenn es etwas wirklich anderes ist.
Tamara
00:29:06
Man will sich am Ende identifizieren auch.
Vera
00:29:08
Ja gut, das ist dann, wenn man, wenn ich nochmal Star Trek Bezug nehme, da haben ja die anderen Spezies immer, irgendeine menschliche Eigenart ist bei denen überstark. Die Klingonen sind überaggressiv, die Ferengi übergeschäftsmäßig. Also das sind letztlich immer Aspekte des Menschseins, die dann da, überzeichnet werden. Und ich habe gerade gestern ein Pressegespräch geführt, da hat man mich gefragt, wie ich meine Krimis so aufbaue. Da konnte ich dann sehr logisch erklären. Ich fange halt an mit, wer stirbt überhaupt und warum und wo und all diese Sachen. Von da aus weiß ich, ich brauche drei, vier Verdächtige etc. Also ich habe da mittlerweile, habe ja schon ein paar geschrieben, da eine relativ klare Struktur. So, bei Fantasy fange ich doch erstmal im Nichts an. So, wie fängst du da an?
Noah
00:30:05
Ich habe oft zuerst eine Idee, die mich irgendwie fasziniert. Das kann eine Dynamik zwischen zwei, drei Figuren sein. Das kann ein bestimmtes Setting sein. Das kann manchmal auch ein Gefühl sein. Also einmal war es so, dass ich vor vielen Jahren Dragon Age gespielt habe. Das ist ein Computerspiel. Und in diesem Spiel wird man sehr stark verraten. Das heißt, das Hauptthema ist, man wird immer wieder verraten von Figuren, denen man vertraut hat. Und das hat einen so starken emotionalen Impact auf mich beim Spielen gehabt, dass ich gedacht habe, das möchte ich mal beim Schreiben schaffen. Dass Lesende völlig überrascht sind, sich völlig verraten fühlen und denken, oh mein Gott, wie soll ich diese Emotionen jetzt verarbeiten? Und dann habe ich eine Geschichte darum aufgebaut, dass die Hauptfigur am Ende von einer Figur sehr stark verraten wird, wo man das hoffentlich nie hat kommen sehen sozusagen. Also oft ist das irgendwas, wo ich sage, das ist das, das fasziniert nicht, damit fange ich an. Dann fehlt ja aber noch der ganze Plot und alles drumherum. Und ich wünschte, ich wäre so richtig gut im Plotten. Ich habe jetzt auch gerade gedacht, ich müsste wahrscheinlich auch von hinten anfangen und es dann aufrollen. Meistens habe ich die Hauptfiguren, den Hauptkonflikt, Anfang, Ende und die wichtigsten Wendepunkte, also dass ich so ein bisschen festlege, was ist das grobe Gerüst, mit dem ich arbeite und habe aber nicht jedes einzelne Kapitel oder jede einzelne Szene durchgeplant.
Vera
00:31:27
Wobei jetzt so ein Ansatz, wen du hast, Da hättest du jetzt ja auch ein Buch in der realen Welt an realen Figuren schreiben können und dann wärst du wahrscheinlich für einen Buchpreis nominiert worden.
Noah
00:31:38
Was mit Fantasy schwieriger ist. Ja, das löst bei mir immer so einen kleinen Rant aus. Ja gerne, dafür sind wir genau die Richtigen.
Tamara
00:31:48
Ich bin gespannt.
Noah
00:31:50
Es ist ein sehr deutschsprachiges Problem, denn zumindest im englischsprachigen Bereich beobachte ich, dass literarische Fantasy durchaus sehr ernst genommen wird und auch große Buchpreise gewinnt. Und ich denke da jetzt so an Rebecca Kuang. Früher hätte ich noch Neil Gaiman als Beispiel genannt oder so. Und da gibt es durchaus so ein paar Leute, wo man sagen kann, boah, die schreiben so stark, die haben so starke Themen. Und die schreiben auch sehr literarisch und das wird auch überhaupt nicht infrage gestellt. Wenn ich in Deutschland sage, ich schreibe Fantasy, dann wirkt es manchmal ein bisschen so, als würde ich sagen, ich schreibe Porno. Das ist so ein bisschen das Schmuddelkind der Literatur und es wird eigentlich nicht so richtig ernst genommen.
Tamara
00:32:34
Das ist ein bisschen kade. Wobei das ja eigentlich, glaube ich, ein eher neuzeitliches Phänomen ist. Ich meine, Goethe hat im Grunde Fantasy geschrieben.
Noah
00:32:43
Hat er, also auch Kafka, muss man jetzt sagen. Niemand würde sagen, Kafka hat Fantasy geschrieben, aber schreibt mal über jemanden, der sich in einen Käfer verwarnt.
Tamara
00:32:51
Fantastik zumindest.
Noah
00:32:53
Also es ist, ich glaube, viele Leute haben da auch wenn sie selber nicht Fantasy lesen, so ein bisschen vielleicht Game of Thrones im Kopf oder Herr der Ringe, was jetzt auch, was das nicht abwerten soll. Also ich würde nie sagen, dass Herr der Ringe nicht einen starken Einfluss auf die Literatur, Fantasy-Literatur gehabt hat. Aber es gibt halt sehr viel mehr und sehr viel aktuellere Strömungen inzwischen.
Vera
00:33:15
Aber es gibt natürlich auch sehr viel Mainstream und Masse in Fantasy. Und das ist, glaube ich, auch der Punkt, dass man diese einzelnen Highlights dann in dieser Masse untergehen und gar nicht so als diese wahrgenommen wird.
Noah
00:33:28
Ja, total.
Tamara
00:33:29
Ich glaube, es ist gerade so eine wilde Theorie, aber ich denke, dass sehr viele Leute, die eben so, keine Ahnung, D&D spielen oder WoW oder sowas, dass die irgendwann anfangen, auch mal eine Geschichte aufzuschreiben. Und dass deswegen so vielleicht so diese Menge an EinsteigerInnen im Fantasy vielleicht überproportional groß ist im Vergleich zu anderen Genres. Das ging mir jetzt gerade so durch den Kopf.
Noah
00:34:00
Ja, das kann definitiv sein. Und man muss ja fairerweise auch sagen, viele Leute haben zumindest in der Teenager-Zeit eine Fantasy-Phase und gehen dann irgendwann zur ernsthafteren Literatur über. Und des Ernsthafteren setzt sich innerlich so ein bisschen in Gänsefüßchen. Und es ist natürlich auch so, dass es ein Stück weit, also auch wenn es politisch sein kann, auch wenn es progressiv sein kann, ist es natürlich oft auch eine Flucht in andere Welten. Und dadurch, ich nehme an, dass das die Dinge sind, die da auch reinspielen, dass es dadurch einfach weniger ernst genommen wird oder dass da nicht wahrgenommen wird, dass es dadurch auch einige sehr kritische oder sehr literarische Werke gibt.
Vera
00:34:39
Ja, definitiv. Ich überlege gerade, ob ich eine Fantasy-Phase hatte. Ich habe in meiner Teenager-Zeit tatsächlich Karl May gelesen. Das ist auch Fantasy.
Noah
00:34:48
Das hatte ich tatsächlich auch eine Phase. Mit Karl May bin ich, glaube ich, eingestiegen und dann hatte ich eine History-Phase, eine Fantasy-Phase und ich habe mich nie so richtig davon erholt.
Vera
00:35:00
Ja, ich konnte mal alle 32 Namen von Hachi, Ben, Dings, ja, egal. Wir haben ja gesagt, das Thema Wechsel, was sich bei dir durchzieht, Fantasy, du hast ja die Genres gewechselt, du hast ja auch Young Adult und so. Was ist jetzt aktuell dein Genre oder läuft es auf ein zentrales Genre hin, wo du sagst, da werde ich wahrscheinlich landen und die nächsten 20 Jahre schreiben?
Noah
00:35:28
Also ich befürchte ein bisschen, dass ich immer im Fantasy-Bereich landen werde, ganz grob. Und ich sage befürchte, weil seit 20 Jahren Leute versuchen, mich davon zu überzeugen, doch endlich was Ernsthaftes zu schreiben. Es wird dann immer so gesagt, sie können doch schreiben, schreiben sie doch mal was anderes. Und das ist so ein bisschen der Punkt, warum ich dann so ein bisschen angepisst bin. Also ich glaube, ich werde bei den fantastischen Stoffen auf jeden Fall bleiben. Ich habe ja oft queere Hauptfiguren, was es nicht unbedingt leichter zu verkaufen macht, also ohne, dass es ein zentrales Thema des Romans sein muss. Und ich befürchte, dass sind so ein bisschen die beiden Elemente, die bei mir meistens auftauchen werden. Vielleicht lande ich doch noch mal irgendwo ganz woanders, aber das zeichnet sich im Moment noch nicht ab.
Vera
00:36:14
Aber jetzt bist du ja trotzdem bei einem größeren Verlag, bei Römer Knauer, wenn ich das richtig gesehen habe.
Noah
00:36:19
Ja.
Vera
00:36:21
Die scheinen ja durchaus noch der Meinung zu haben, mit dir Geld zu verdienen.
Noah
00:36:25
Ja, also ich hoffe, dass sie das so sehen. Grundsätzlich ist es inzwischen, und das höre ich nicht nur von mir, sondern auch von KollegInnen, mit denen ich mich unterhalte, Schon so, dass es nicht mehr so leicht ist, Nachfolgeverträge zu bekommen, wie man sich das wohlgestellt hat früher. Also ich habe mal gedacht, wenn ich das einmal schaffe, einen Spiegel-Bestseller zu schreiben, werde ich doch alle Verträge hinterhergeworfen bekommen. Und das ist leider nicht so. Und es ist leider auch so, also ich beobachte, bei mir ist es noch nicht so, aber ich sehe es bei vielen KonikInnen, dass ihre Bücher nach zwei, drei Jahren die Print-Exemplare aus dem Handel genommen werden, weil sie dann schon wieder überholt sind. Und jetzt ist zwei, drei Jahre ja nicht viel Zeit.
Vera
00:37:05
Ja, das stimmt.
Noah
00:37:06
Und das hatte was damit zu tun, dass der Lagerplatz wohl so teuer ist für Bücher, und dass sie sich dann nur die aktuellsten Bücher, die Bücher der letzten, wie gesagt, zwei, drei Jahre auf Lager walten und den Rest eben nur noch als E-Book. Und das ist schon ein bisschen bitter. Also gefühlt ist der Markt ein ganzes Stück härter geworden in den letzten Jahren.
Vera
00:37:26
Das ist definitiv.
Noah
00:37:26
Und deswegen fühlt sich das nicht mehr so sicher an, wie ich mir das mal vorgestellt habe. Vielleicht war es auch nie so sicher, das weiß ich nicht.
Vera
00:37:34
Ich glaube nicht. Ja, Entschuldigung.
Tamara
00:37:36
Ich nehme an, du hast dann auch nicht die Möglichkeit zu sagen, okay, dann bringe ich es als Print nochmal in Self-Publishing raus.
Noah
00:37:42
Also man könnte das tun, wenn die E-Book-Richte nicht mehr länger beim Verlag sind. Also irgendwann fallen ja die Rechte zu einem zurück. Also ich müsste lügen um die genaue Zeit der Jahre. Ich glaube, es sind so sieben, acht Jahre oder so, bevor die Rechte dann nicht zurückfallen, wenn ich die Rechte an einen Verlag verkauft habe. Und tatsächlich sind von meinem allerersten Buch die Rechte schon an mich zurückgefallen. Und ich würde es, weil es mein Debüt war, heute so nicht mehr rausbringen wollen. Ich würde es ganz gerne, ich habe diese Idee im Hinterkopf, irgendwann werde ich das mit Sicherheit mal überarbeiten. Ihr wisst mir, es ist eine Zeit und genug auf die Pläne und so weiter.
Tamara
00:38:17
Da rennst du bei mir aber offene Türen, ein.
Vera
00:38:22
Tamara macht nichts lieber als überarbeiten.
Noah
00:38:27
Und ich würde da heute rückblickend ein paar Sachen anders machen, weil es jetzt einfach auch schon bis vor 2012, dass ich das geschrieben habe. Also es ist 14 Jahre her, da würde ich jetzt ein paar Sachen anders machen. Aber theoretisch könnte ich es jetzt im Self-Publishing rausfinden.
Tamara
00:38:40
Wirdst du da sprachlich oder inhaltlich oder wo würdest du da ansetzen wollen?
Noah
00:38:44
Beides, beides tatsächlich. Also ich habe immer schon gerne vielfältige Repräsentationen in Büchern geschrieben, ohne dass ich früher darüber nachgedacht hätte. Und ich habe 2012 nicht darüber nachgedacht, was es bedeutet, eine Perspektivfigur zu schreiben, die nicht weiß ist. Ich fand das einfach cool. Ich wollte mehr als weiße Figuren haben. Und aus heutiger Sicht habe ich da ein paar sprachliche Patzer gemacht. Ich hätte da ein bisschen besser recherchieren können, den Hintergrund der Figur tiefer gestalten können. Und habe da einfach eine Person of Color mit einer sehr weißen Perspektive erschienen. Und das würde ich heute gerne besser machen wollen.
Vera
00:39:23
Das kann ich verstehen. Da hat sich ja viel getan in diesen zwölf Jahren. Ja, dann muss ich mal auf dieses Thema Lexel weiter herumreiten. Du bist ja jetzt auch von Beruf her Journalist, oder? Habe ich das falsch?
Noah
00:39:37
Also ich habe ganz ursprünglich mal im Journalismus angefangen und eine Zeit lang als freier Journalist gearbeitet. Das war aber in den 2000ern. Und ich habe mannigfaltige Nebenschubs mit dem Schreiben gemacht, weil es einfach oft schwer ist, wirklich allein vom Schreiben zu leben. Und habe dann tatsächlich im ersten oder zweiten Lockdown angefangen, hauptsächlich im Lektorat zu arbeiten. Ich hatte vorher schon Bücher lektoriert, aber da hatte das immer als das Davon kann ich bestimmt nie im Leben leben. Habu? Und bin inzwischen an einem Punkt, wo ich sagen muss, es kommt ein Teil des Geldes durchs Schreiben rein, es kommt ein Teil des Geldes durch Lektorate rein, durch Lesungen, durch Schreibworkshops, die ich einfach gebe rund ums Figuren, vielfältige Figuren schreiben und so weiter. Und das ist so ein Stückelwerk im Augenblick. Und ihr kennt das sicherlich auch, mit Freiberuflichkeit ist das grundsätzlich immer so eine Sache, dass man meistens mehr als einen Ball in der Luft hat.
Tamara
00:40:36
Wobei ich gestehen muss, das ging mir auch, ich habe im Vorgespräch der Vera erzählt, dass ich jetzt noch so ein paar andere Sachen gemacht habe, dass ich jetzt gerade einen kleinen Sprecherjob hatte und so. Und da gingen mir tatsächlich die Tage auch durch den Kopf. Ich bin persönlich sehr froh, dass ich auch gedanklich gar nicht mehr in die Richtung überlege, vom Schreiben leben zu wollen, weil ich glaube, nach spätestens anderthalb Jahren würde ich mich zu Tode langweilen und wäre nur noch genervt. Also ich persönlich mag dieses Puzzle ganz gerne. Aber wenn wir jetzt bei deiner Tätigkeit als Lektor sind, und du hast ja eben schon auch kurz angesprochen, eben Person of Color als Perspektivfigur. Du hast ja auch eine Spezialisierung als Sensitivity-Reader.
Noah
00:41:17
Ja, das ist richtig. Wobei ich Sensitivity-Reader...
Tamara
00:41:20
Nicht für das Thema wahrscheinlich.
Noah
00:41:22
Eigentlich ja für kläre Figuren anbiete, weil ich da einfach, weil ich einfach seit, also, seit ich erwachsen bin sozusagen in queeren Freundeskreisen, queeren Zähnen unterwegs bin, selber queer bin und da einfach viel Erfahrung mitbringe sozusagen und mich da lange mit auseinandergesetzt habe. Soweit ich weiß, gibt es keine klare Definition, aber für mich macht mit einem guten Sensitivity-Reader oder einer guten Sensitivity-Readerin aus, dass man einerseits einen persönlichen Bezug und eigene Erfahrungen mit dem Thema hat und andererseits sich aber auch viel dazu angelesen hat, viel dazu reflektiert hat, wie zum Beispiel queere Figuren in den Medien dargestellt werden und so weiter. Also so ein bisschen eigene Erfahrungen und gleichzeitig aber auch Medienkompetenz.
Tamara
00:42:06
Ja. Magst du vielleicht mal einen halben Schritt zurückgehen für diejenigen, die vielleicht den Begriff schon mal gehört haben, aber gar keine so klare Vorstellung, was du da genau machst?
Noah
00:42:16
Also es ist ein bisschen wie ein spezialisiertes Lektorat. Das heißt, wenn Leute, die zum Beispiel selber nicht trans sind, sagen, ich möchte eine Transfigur schreiben, sage ich, ja, ist super, mach. Und sie sagen, ich möchte es aber ganz gerne halbwegs authentisch machen und ich möchte auch nicht so die ganz schlimmen Klischees reinhauen. Dann kann das Sinn machen, dass sie zum Beispiel bei mir ein Lektorat buchen und dass ich dadurch darauf mitachte oder dass sie sagen, hey, pass auf, spielt gar keine so große Rolle, sind eigentlich nur zwei Szenen, ich schicke die dir mal eben rüber, schau da einmal drauf, gib mir da einmal ein Feedback zu. Und im Idealfall ist es so, dass es dadurch ein bisschen authentischer und glaubhafter wird, weil ich vielleicht Sachen bemerke, die ihnen selber gar nicht auffallen. Und ich sage einfach mal meine eigenen Fehler, weil es leichter ist, als die Fehler anderer Leute irgendwie anzukreiden. In diesem ersten Roman habe ich zum Beispiel immer noch Hautfarbe mit Lebensmitteln verglichen. Also das ist immer an einer Stelle passiert, aber das würde ich heute überhaupt nicht mehr machen, weil das von vielen People of Color als sehr unangenehm beschrieben wird. Und es sind halt solche Kleinigkeiten, die man dann sozusagen ausfischen kann aus dem Text.
Vera
00:43:25
Mich interessiert natürlich jetzt mal, was sind denn so aus deiner Sicht häufige Fehler, die gemacht werden, wenn man eine transidentische Person da in seinem Buch hat? Es ist gerade so gar nichts.
Noah
00:43:39
Es ist also oft so, dass die Transfigur überdurchschnittlich viel Leid erfährt. Also natürlich lassen wir alle Figuren gerne leiden. Aber wenn ich eine Figur nur über ihr Leid definiere, ist das ein bisschen einseitig. Es gab auch lange das Klischee, dass der Mörder ein Mann in Frauenkleidern ist.
Vera
00:44:00
Okay, danke.
Noah
00:44:02
Und ein ganz beliebter Twist war eine Zeit lang in den 2000ern in Krimis. Wir haben eine männliche DNA gefunden und dann stellt sich raus, der Mörder ist eine Transfrau. Und das war der aufregende Twist.
Vera
00:44:12
Habe ich tatsächlich auch schon mal drüber nachgedacht.
Noah
00:44:14
Ja, das war der aufregende Twist. Und ich verstehe, warum sie das gemacht haben. Aber wenn es die einzige Repräsentation ist, die du hast, wenn du eh nicht viel Repräsentation von Transfrauen hast, die wird dann so dargestellt, dann hat es irgendwann ein Geschmäckle.
Vera
00:44:31
Das stimmt.
Noah
00:44:31
Oder, was nicht die gleiche Preisklasse hat, aber es wird auch gerne als heißerischer Effekt genommen, um Drama zu erzeugen, irgendwann das Coming-out einer Transperson zu haben. Und ich fällst, du bist in Wahrheit gar kein Mann oder gar keine Frau. Ich male gerade Gänsefüßchen in die Luft und es wird dann daraus Drama produziert und es wird praktisch nur dafür genommen. Also dann hätte ich gerne ein bisschen mehr Tiefe für die Figur und ich hätte gerne auch mal, dass ein Coming-out auch gar nicht so wild ist, dass es einfach mal so nebenbei erwähnt werden kann, dass man sagt, ja, in Wirklichkeit bin ich ein Transmann, in Wirklichkeit bin ich eine Transfrau und es ist keine große Sache. Und ich verstehe, warum man es für den großen dramatisch festnimmt. Das eignet sich super. Damit kann man richtig viel Drama erzeugen. Aber wenn es halt immer so gemacht wird, hätte ich auch ab und zu gern mal ein ganz harmloses Coming-out. Viel davon ist natürlich, dass wir insgesamt wenig Repräsentation haben. Wenn es mehr davon geben würde, wäre es gar nicht so wild. Weil natürlich dürfen trans Menschen Leid erfahren, natürlich kann ein Coming-out dramatisch sein, natürlich kann auch eine Transperson ein Mörder oder eine Mörderin sein. Nur dadurch, wenn es gehäuft auftritt und es gleichzeitig wenig andere dann ist es so, ah.
Vera
00:45:47
Ich meine, bei mir war es ja Anfang der 90er und das war gerade so die Zeit, wo die privaten Fernsehsender starteten und da gab es ja in jedem privaten Fernseher gab es als erstes irgendwelche Nachmittags-Talkshows, und in gefühlt jeder Talkshow saß irgendeine Trans-Person, die auch zum Teil, weil, also ich fand es völlig verstörend, wie die dann schon mal da saßen, da, die haben mir echt leid getan, der L2 hat ja glaube ich sogar eine gleiche Operation live übertragen, also das fand ich alles ganz ätzend, da habe ich mich überhaupt nicht wiedergefunden, und es waren halt immer so Leidensgeschichten, die ersten Bücher, die es gab, die waren ja auch immer Leidensgeschichten, und da habe ich immer gedacht, das kann nicht sein, ich will mal irgendwo in der Talkshow sitzen, und dann ist das einfach kein Thema, so, ne, und, So, insofern sprichst du mir da aus dem Herzen, ja. Ich habe, jetzt muss gestehen, jetzt schon länger nichts mehr in der Richtung gelesen, dass ich da jetzt einen aktuellen Stand der Literatur hätte.
Noah
00:46:51
Ja, also gefühlt hat sich ein bisschen was getan. Also für mich war das ein totales Highlight, als ich vor ein paar Jahren von Aidan Thomas, das ist ein junger Transmann, der Fantasy für Jugendliche schreibt und der immer ganz selbstverständlich Transhauptfiguren hat, ohne dass das irgendwie eine große Rolle spielt. Das ist halt einfach eine Transfigur, die ganz normale Abenteuer erlebt. Das waren die Romane, die hätte ich gerne als Teenager gehabt. Und das hat so im Nachhinein so ein bisschen gedacht, ach ja, das hat mir jetzt gut getan.
Vera
00:47:19
Das zu lesen.
Noah
00:47:21
Und ja, sowas würde ich mir so ein bisschen mehr wünschen. Und das heißt jetzt nicht, dass man nicht über das Leid von Transmenschen schreiben darf, aber wie du schon sagst, vielleicht nicht nur.
Tamara
00:47:31
Ich glaube, die Herausforderung ist ja, und da denke ich jetzt sowohl an People of Color als eben auch an Transidentität, dass dass beim Lesen, wenn du es nicht explizit erwähnst, wissen es die Leute ja einfach nicht. Und dann haben die so ihr Normschema, was sie dann auf die Figur draufsetzen.
Noah
00:47:51
Ja, total. Also es ist ein bisschen so, und das ist auch ein Teil der Herausforderung, wenn wir die Hautfarbe nicht erwähnen, gehen wir immer davon aus, dass die Figur weiß ist. Also zumindest als weiße Lesende. Weil es das ist, was wir als die Norm wahrnehmen. Also ich allgemeinere das jetzt. Aber wenn wir als weiße Lesende in Deutschland sehen, dann ist es wahrscheinlich so. Und das heißt aber auch, ich erwähne also andere Hautfarben oder andere Marker, um zu zeigen, meine Figur ist nicht weiß. Vielleicht sind es auch kulturelle Marker, vielleicht ist es der Name, vielleicht sagt die Person was in einer anderen Sprache, vielleicht zeigt man so kleine Anspielungen im Alltag. Und wenn ich das aber nur mache bei den nicht weißen Figuren, dann sind das auch irgendwie die anderen.
Vera
00:48:33
Genau, genau.
Noah
00:48:35
Das heißt, eigentlich muss ich bei verschiedenen Leuten die Hautfarbe und so ein bisschen kulturelle Marker und so weiter reinbringen. Also es ist vielschichtig. Und das ist eine Diskussion, die wird ja seit einigen Jahren auf dem deutschen Buchmarkt geführt und die entwickelt sich auch sehr schnell weiter. Ich glaube auch nicht, dass es da eine einfache, schnelle, perfekte Lösung gibt, sondern dass das einfach ein fortwährender Prozess ist.
Vera
00:48:56
Ja, glaube ich auch.
Noah
00:48:58
Und ich finde es gut, dass wir die Diskussion führen. Ich habe mich da ein Stück weit von meinem Perfektionismus verabschiedet, was keine Ausrede dafür sein soll, sich keine Mühe zu geben. Aber ich sehe auf alle Bücher, die ein bisschen älter sind, ein paar Jahre später zurück und denke, dieses oder jenes hättest du jetzt noch besser machen können. Und heute ist einfach die Diskussion weiter. Das ist halt einfach so.
Vera
00:49:20
Das stimmt.
Tamara
00:49:21
Ja, aber auf jeden Fall wichtig, sich damit auseinanderzusetzen.
Noah
00:49:24
Ja, es zumindest zu reflektieren und sich zu fragen, irgendwie möchte ich damit umgehen, sozusagen.
Vera
00:49:29
Jetzt fällt mir aber auf die Info gerade so etwas ab. Weißt du zufällig, ob People of Color, wenn sie ein Buch lesen und die Hautfarbe nicht beschrieben ist, immer von ihrer eigenen Hautfarbe ausgehen oder gehen die auch immer von weiß aus?
Noah
00:49:41
Das habe ich mich auch schon gefragt. Ich habe rein auf Social Media unterschiedliche Antworten gehört sozusagen. Einerseits sind die natürlich auch gewohnt in Filmen und so weiter, gerade in deutschen oder amerikanischen Produktionen. Also in Filmen siehst du es natürlich durchs Visuelle noch viel stärker, aber es gibt ja oft einen vermehrt weißen Cast, also zumindest mehr weiße Figuren als People of Color in den meisten Filmen. Und es ist natürlich auch eine Gewohnheitsfrage. Aber ich kann es tatsächlich nicht für Sie beantworten. Ich weiß es nicht genau.
Vera
00:50:15
Interessantes Thema, was man sich halt beim Schreiben doch immer im Hinterkopf haben muss. Und es ist mir halt auch schon aufgefallen, dass ich hier und da so ohne es selbst zu merken auch Klischees benutzt habe, auch wenn ich versuche darauf zu achten.
Tamara
00:50:31
Ich glaube, das ist das Fiese an Klischees. Wenn man sich ihrer nicht bewusst ist, dann sieht man sie halt auch nicht.
Noah
00:50:38
Das geht mir ganz genau so. Also es gibt eine Datenbank, das ist eine Filmdatenbank im englischsprachigen Bereich, tv-tropes.org. Und da werden TV-Klischees aus Filmen aufgelistet zu allen möglichen Formen von Marginalisierung. Also Marginalisierung zum Beispiel People of Color oder queere Leute. Man kann relativ genau eingeben, was man sucht, also zum Beispiel mexikanische Identität oder was auch immer. Und wenn ich da nicht vorher reingucke, und ich gucke eigentlich nie vorher rein, weil das wäre jetzt so einfach, dann merke ich hinterher, dass ich sehr oft die Klischees verarbeitet habe. Einfach, weil ich gewohnt bin, sie in Filmen zu sehen, weil ich gewohnt bin, sie in Geschichten zu sehen. Und dann denke ich so, scheiße, man übernimmt das aus anderen Filmen und anderen Geschichten, weil man nicht drüber nachdenkt. Also das Bekannteste wäre zum Beispiel der beste Freund, der schwulebeste Freund, der Heldin in der Raum kommt, der Schuhe und Rosa liebt. Und es gibt ja feminine, quere Männer, die Schuhe und Rosa lieben. Es ist ja nicht so, als wäre es völlig aus der Luft gegriffen. Aber manchmal übernimmt man halt solche plakativen Sachen oder die Reinigungskraft, die einen türkischen Migrationshintergrund hat oder solche Sachen, weil man, oft haben Klischees ja auch irgendwo eine Wurzel in der Realität, also sie kommen ja auch durchaus vor, aber dann, wenn man sie nicht aufbricht und wenn man sie einfach ungefiltert übernimmt, was wir, glaube ich, alle ein Stück weit tun, ja.
Vera
00:52:00
Ja, wobei es immer so ein Abwägen ist. Ich schreibe ja jetzt gerade eine Krimi-Reihe, die in der Krefelder Südstadt spielt. Und wer die Krefelder Südstadt weiß, die hat einen enorm hohen Migrationsanteil. Und ja und ich sag mal so, hinter verborgenen Türen wird auch das ein oder andere ungesetzliche stattfinden, es gibt auch Schießereien gab es schon und es gibt sicherlich auch sowas wie Clans die da im Hintergrund wirken, Ja, und ich, ohne jetzt statistische Daten zu haben, aber kann man schon davon ausgehen, dass 90 Prozent der Menschen, die da irgendwas Ungesetzliches tun, in irgendeiner Form migrantischen Hintergrund haben. Ohne jetzt da das zu sagen, das ist da einfach so.
Tamara
00:52:48
Was nicht an der Herkunft liegt, sondern daran, wie die Möglichkeiten für die Menschen sind bei uns.
Vera
00:52:56
Absolut, absolut. Es ändert aber nichts an der Tatsache. Und das heißt, wenn ich jetzt darüber schreibe, da würde ich mich unglaubwürdig machen, wenn ich da jetzt plötzlich den Herbert Schmitz als Täter hätte.
Noah
00:53:07
Ja, also was ich in solchen Fällen probiere, ist, dass ich verschiedene Formen von Repräsentation zeige. Also wenn ich irgendwo sage, hier ist das Klischee einfach ein Teil der Realität. Also zum Beispiel, ich kenne Leute, die totale Batschlesben schreiben und Batschlesben ist ein Begriff, der bedeutet eine sehr maskuline Lesbe mit kurzen Haaren, mit großen Muskeln, mit weiten Kleidern, die vielleicht sehr männlich wirkt. Dann könnte man sagen, das totale Klischee einer Lesbe, aber es wird teilweise von lesbischen Autoren geschrieben, die selber... Genau das Leben, also das ist ihre Lebensrealität und es ist mir ja total doof, wenn sie das nicht schreiben dürfen, weil es ein Klischee ist, und in solchen Fällen versuche ich dann einfach andere Formen, also dann kannst du vielleicht eine Nebenfigur haben, die eine total feminine lesbische Frau ist, oder du kannst die Figuren mal drüber schreiben lassen, zu sagen, was willst du hier eigentlich von mir, es ist halt, so bin ich halt, es, ist halt einfach das, wie ich mein Gefühl ausdrücke oder so, Also das ist ein bisschen, wie man das framet, also wie man das innerhalb der Geschichte darstellt und ob es die einzige Repräsentation ist, die du in die Richtung hast oder ob es vielleicht irgendjemand gibt, der zeigt, es gibt auch einen anderen Aspekt.
Vera
00:54:23
Ja, das ist das, was ich jetzt im konkreten Fall auch versuche. Und ich überlege dann schon immer, ich habe jetzt gerade eine Szene geschrieben, wo halt so ein bisschen der Papst im Pool ist, dass da ein Auto, so ein dicker, aufgemotzter BMW, tiefer gelegt mit runtergelassenen Scheiben, und lauter türkischer Musik fährt. Ich meine, ich habe da mein Büro, die fahren da quasi täglich vorbei.
Noah
00:54:51
Ja, ja.
Vera
00:54:54
So, ich meine, das ist klar, ist dann auch Klischee, aber ich muss ja die Atmosphäre beschreiben. Ja, klar.
Tamara
00:55:01
Ich frage mich nur, würde die Szene mit amerikanischem Hip-Hop nicht funktionieren?
Vera
00:55:06
Aber dann wäre sie nicht für diese Südstadt so, da fährt keiner mit amerikanischem Hip-Hop rum.
Tamara
00:55:11
Okay.
Vera
00:55:12
Aber habe ich von nie gehört. Und ich habe da schon sieben Jahre mein Büro. Ich könnte noch indische Musik, die ging auch.
Noah
00:55:20
Ja, also wie gesagt, Klischees haben oft ein Stück weit einen Fuß in der Realität. Ich kann euch mein Lieblingsklischee erzählen. Als ich mich bei meinem Vater geoutet habe, sagte er, du darfst das niemandem erzählen. Die denken alle, du bist Sexworker. Und er hat nicht Sexworker als Begriff benutzt, weil er einfach nur Transmenschen kannte, die im Sexworker-Bereich gearbeitet haben.
Tamara
00:55:44
Gerade ist es 1984.
Noah
00:55:47
Also das war einfach die einzige Repräsentation, die er kannte. Und er konnte sich nicht vorstellen, dass das anders sein kann. Und das ist ein Klischee, das kommt natürlich daher, dass Transmenschen lange Zeit in sexhoher Arbeit abgedrängt worden sind, Weil sie wenig Möglichkeiten hatten, andere Berufe zu ergreifen, weil es eine sehr starke Ausgrenzung gab. Es ist in den letzten Jahrzehnten deutlich besser geworden, nach meinem Gefühl. Also nicht, dass ich die ganze Zeit überblicken könnte, aber jetzt die aktuelle Situation. Und insofern, ich verstehe, woher das Klischee herkommt. Ich weiß, dass er mit Sicherheit auch Drake Queens irgendwie damit vermischt hat, weil das in seinem Kopf irgendwie alles ein Topf ist. Und die sind natürlich auch eher in St. Pauli unterwegs. St. Pauli ist das Rotlichtviertel in Hamburg.
Vera
00:56:32
Ja, das kennt glaube ich jeder.
Noah
00:56:36
Insofern, ich weiß, woher das kommt. Und es ist dann immer die Frage, wie differenziere ich das? Wie ordne ich das ein? Was ist da das große Ganze? Welchen Blickwinkel zeige ich auf die Geschichte? Wer kommt da zu Wort? Wer darf sich zu Wort melden? Und wird vielleicht auch die Transautorin oder der Transvektor oder so gezeigt?
Vera
00:56:57
Ja, genau. Also da kann ich nur beipflichten. Man muss halt da eine eigene Sensibilität dafür entwickeln und sich selbst auch ein bisschen zwingen, da tiefer reinzuschauen. und es nicht einfach so aufzunehmen und wiederzuleben.
Noah
00:57:14
Also ich würde sagen, es ist so eine Mischung aus, es einerseits zu reflektieren und vielleicht auch zu recherchieren und andererseits sich aber trotzdem trauen, Repräsentation zu schreiben.
Vera
00:57:22
Ja, genau, so ist es. Es darf kein Hindernis sein, wobei ich muss gestehen, ich habe natürlich schon mal darüber nachgedacht, ich habe ja die Reihe mit Frau Appeldorn und Herrn Büjök-Türk, der ja voll gegen dem Klischee, emeritierter Professor für Germanistik ist. Wenn ich auf meine Lesungen frage ich immer, die Leute, die das Buch nicht kennen, welchen Beruf sie meinen. Da kommt immer sowas wie Gemüsehändler, Dönerverkäufer, Teppichhändler, sowas. Aber Professor für Germanistik hat auch keiner gesagt. Von daher habe ich das, glaube ich, gut gemacht. Aber ich habe natürlich schon auch überlegt, ich habe auch schon mal überlegt, will ich eine People of Color da einbauen? Ich muss gestehen, ich habe mich bisher nicht getraut, weil ich echt Angst habe, da was falsch zu machen.
Noah
00:58:08
Das kann ich verstehen. Ich habe auch immer ganz, ich habe ehrlich gesagt richtig Schiss regelmäßig davor, weil ich immer denke, boah, hast du dir das gut überlegt und so weiter. Also nicht so sehr, als überhaupt einzubauen, sondern zum Beispiel eine Hauptfigur zu machen, die einfach so weit von meiner eigenen Lebensrealität entfernt ist. Und es wird dann immer als Vergleich gebracht, naja, aber du schreibst ja auch über, also ich schreibe nicht über Drachen, aber angenommen, ich würde über Drachen schreiben, aber Drachen sind halt keine realen Figuren. Also denen kann ich nicht wehtun, da ist kein Machtverhältnis in der Realität. Also ich verstehe den Respekt davor total. Ich frage mich auch immer, ob ich es kann. Ich habe auch erstmal mit Nebenfiguren angefangen und mich dann so langsam herangetastet. Und das ist natürlich auch ein Vorteil von Fantasy oder Science Fiction, wenn ich in einer völlig anderen Zeit oder Welt schreibe als unsere eigenen, dann kann ich im Zweifel auch losgelöst von Machtstrukturen hier schreiben. Also ich habe Ich würde meine Berlin-Bücher spielen, so tausend Jahre in der Zukunft. Und da kann ich sagen, okay, dass unsere Zivilisation längst in Vergessenheit geraten ist. Das ist eine ganz andere Situation.
Vera
00:59:11
Ja, das ist natürlich was freier. Das Glück habe ich ja nicht. Also da bin ich dann schon sehr vorsichtig. Hast du denn jemals Kommentare bekommen, vielleicht auch negative, wenn du da andere...
Noah
00:59:25
Also es ist so, dass ich tatsächlich mitbekommen habe, dass meine nicht-binäre transmaskuline Hauptfigur sehr kontrovers diskutiert wurde. Also ich habe in erster Linie positive Rückmeldungen bekommen und auch sehr schöne Rückmeldungen bekommen. Ich habe aber in Rezensionen gesehen, dass es auch trans Menschen gegeben hat, die gesagt haben, das ist die Repräsentation, die ich für mich gebraucht hätte. Oder dieses oder jenes hast du falsch gemacht oder so. Und ich habe deshalb erwartet, weil du natürlich mit einer Figur nicht alles abdecken kannst, was da ist. Also es gibt ja ganz viele unterschiedliche Transmenschen und die haben nicht alle die gleichen Erfahrungen. Und auch nicht alle die gleichen Sichtweisen und so weiter. Und gleichzeitig haben wir relativ wenig Transhauptfiguren im Roman. Und dann ist natürlich die Erwartung daran, das zu erfüllen und sich darin wiederzufinden, relativ groß. Und gleichzeitig habe ich natürlich in der Hauptfigur überwiegend meine eigenen Erfahrungen verarbeitet und noch die von ein, zwei Freunden, und ja, da hoffe ich einfach nur, dass es in den nächsten Jahren dass es unterschiedliche Leute gibt, die sich trauen, Transhauptfiguren zu schreiben und dass es dann einfach unterschiedliche Darstellungen gibt, und dass man dann einfach, das nennt man diesen Repräsentationsdruck also dass dann nicht eine Figur alles erfüllen muss oder einige wenige.
Vera
01:00:46
Also ich habe damals mal ein Buch von Psychologen zu dem Thema gelesen und der hat frei interpretiert geschrieben, Transmännchen haben untereinander so viel gemeinsam wie Leute mit Hühneraugen. Ja, das stimmt.
Noah
01:00:59
Ja, das ist genauso wenig wie alle Menschen mit einem türkischen Migrationshintergrund alle dieselben Erfahrungen machen. Sie haben sicherlich Erfahrungen, die sie verbinden, genau wie wir auch Erfahrungen haben, die uns verbinden. Aber trotz verbindender Erfahrungen gibt es halt auch ganz viele Unterschiede. Genauso könnte man sagen, es gibt natürlich total viele Unterschiede zwischen allen Frauen, obwohl es ganz viele unterschiedliche Erfahrungen gibt, Frau zu sein.
Vera
01:01:21
Natürlich. Wobei, ich muss jetzt mal eine Frage stellen, ist zwar ein bisschen, glaube ich, off-topic, aber ich bin ja noch eine andere Generation und mein Weg war ja auch ein anderer. Du sprichst von nicht-minären, transmaskulinen Personen, was ich ja einen Widerspruch in sich finde. Und wenn ich maskulin bin, dann bin ich ja binär.
Noah
01:01:43
Jein. Du weißt nicht, dass ich die Widersprüche mag. Es ist ein möglichst, man nennt das auch ein Mikrolabel, also ein sehr kleines Label. Das ist einfach ein Versuch, möglichst genau zu benennen, was ich empfinde. Meistens sage ich einfach, ich bin trans. Und das ist so ein bisschen der Überbegriff. Also für die Leute, die das das erste Mal hören, trans heißt jetzt einfach, das Geschlecht, mit dem ich geboren worden bin, das mir bei der Geburt zugewiesen wurde, der Arzt hat zwischen die Beine geguckt und gesagt, ja, ganz klar, Mädchen, das entspricht nicht dem, was ich empfinde und was ich als mein Gefühl von ich bin, von Identität habe. Und lange bevor ich da Worte für hatte, habe ich versucht zu erklären, dass ich irgendwie sowohl Mann als auch Frau bin. Und beides auch ganz deutlich spüre. Und je näher, je besser ich das benennen konnte, und ich habe dann ganz lange darüber nachgedacht, als ich so in meinen Zwanzigern war, kannst du ein Transmann sein? Da habe ich gesagt, nein, Gott sei Dank nicht. Du merkst ja auch ganz deutlich die femininen Anteile in dir. Wenn du jetzt transitionieren würdest, du wärst ja die totale Sissy. Also die Sissy ist ein Begriff aus dem queeren Bereich für sehr weibliche, feminine Männer. Und da kannst du ja nicht trans sein. Mein Gott, hast du Glück gehabt, jetzt sind wir aus der Nummer raus.
Vera
01:02:57
Das kann ich nachvollziehen.
Noah
01:02:59
Wann konnte ich dann immer deutlicher benennen, zu sagen, ja, ich merke durchaus, ich merke in meiner Identität sehr stark männliche, weibliche Anteile, aber ich präsentiere mich einfach am liebsten wie ein relativ femininer, sanfter, weicher Mann. Und, das ist einfach die präziseste Benennung, zu sagen, ich habe beides in mir, ich bin nichtbinär und das nichtbinär mit einem männlichen Einschlag.
Vera
01:03:28
Also im Prinzip, Ich sage ja immer, ich habe männlichen Migrationshintergrund.
Noah
01:03:33
Das ist auch sehr schön.
Tamara
01:03:35
Also im Prinzip fürs Verständnis meinst du es so, dass der Begriff Trans nicht heißt, das Gegenüberliegende, sondern nur nicht das eine, aber möglicherweise was dazwischen. Ist das richtig formuliert?
Noah
01:03:49
Ja, also wenn man nachschaut, die knappeste Formulierung des Geschlechtes bei der Geburt zugesprochen wurde, das ist jetzt wirklich der Sprech, den Leute verwenden, die das so korrekt wie möglich versuchen zu benennen, entspricht nicht dem Geschlecht, der Geschlechtsidentität, also dem Gefühl von ich bin das. Und das kann natürlich das Gegenüberliegende sein sozusagen. Es kann aber auch irgendwie, also Nicht-Binearität wird oft, wenn Leute davon wie eine Skala zwischen männlich und weiblich sprechen, wirkt es immer so wie rosa, blau und irgendwo dazwischen. Es kann aber auch heißen für einige Leute, ich habe überhaupt kein Gefühl von Geschlecht oder ich bin einfach jenseits von männlich und weiblich. Es ist einfach ein sehr breites Spektrum mit sehr unterschiedlichen Möglichkeiten.
Vera
01:04:31
Also ich sage eigentlich immer, ich bin eine Frau, fertig.
Noah
01:04:34
Und das ist doch super, wenn das das ist, was passt und was es für dich präzise benennt, ist es genau richtig.
Vera
01:04:39
Also ich meine, ich weiß ja nicht, wie es dir ging, aber ich habe ja nicht mein halbes Leben gelebt, um dann irgendwie zwischen den Stühlen zu hängen.
Noah
01:04:47
Das ist ja auch keine Entscheidung. Also es ist tatsächlich so, dass ich sehr deutlich wünschte es, manchmal wünschte ich, also früher hätte ich gesagt, ich wünschte es wäre eindeutig, weil es vieles leichter machen würde. Weil es dann leichter zu benennen wäre ich vereinfache es auch oft für Menschen und sage dann ja ihm ist in Ordnung, nimmt männliche Pronomen, sprecht mich männlich an das fühlt sich immer noch am besten an, Und ich merke deutlich, dass ich die Gesellschaft mit allem anderen überfordere. Aber wenn ich es so sagen würde, wie es für mich tatsächlich ist, dann müssten sie es tatsächlich geschlechtsneutral formulieren. Und das kriegt die Gesellschaft nicht hin. Also im Moment zumindest größtenteils nicht.
Tamara
01:05:26
Ja, weil ich war auch überrascht, als Vera sagte, ja, ich habe hier Noah kennengelernt und von ihm sprach, weil ich habe dich vor ein paar Jahren als they kennengelernt.
Noah
01:05:35
Also ich benutze auch geschlechtsneutrale Pronomen. Ich merke aber auch, dass 90 Prozent der Leute überfordert sind und dann wieder in sie ihr verfallen. Und das ist für mich nicht richtig, also das passt für mich nicht. Und deswegen ist es oft einfacher für die Leute, männliche Pronomen zu verwenden und das ist eben zumindest überwiegend richtig. Und ich einige mich dann sozusagen auf das kleinere Übel. Und es ist auch okay für mich. Also man muss ja letzten Endes, also es gibt nichtbinäre Menschen, die sagen, sie kommen damit eindeutig nicht klar, sie brauchen definitiv geschlechtsneutrale Pronomen. Und letzten Endes muss man sich als transgeschlechtliche Person oft mit irgendwas arrangieren, ein Stück weit. Also das heißt, zum Beispiel, ich wünschte, ich würde nicht ständig immer noch, wenn ich jemanden anrufe, dann wird immer gesagt, oh Frau Stoffers, weil die hören meine Stimme und meine Stimme ist zwar schon tiefer geworden, als sie früher war, aber sie ist immer noch vergleichsweise hell, ich spreche immer noch vergleichsweise melodisch, und die Leute leiten davon ab, dass ich Frau Stoffers bin. Und ich korrigiere die dann höflich und dann ist denen das furchtbar peinlich und dann, Und man muss sich an ganz vielen Stellen so ein bisschen mit dem, was machbar ist, arrangieren. Das ist vielleicht nicht ideal, aber es ist halt das, was geht.
Vera
01:06:56
Also du bist so in der Phase, ich meine, bei dir ist es ja noch nicht so ganz so lang her, du bist so in der Phase, die kenne ich. Ich kann dir sagen, da wächst man raus. Ich weiß noch, ich habe damals sogar eine Logopädin besucht, um meine Stimme auf weiblich zu trimmen. Die hat dann nach einer Stunde gesagt, das wäre zu schade drum. Und dann habe ich ja Gesangsunterricht genommen und der Gesangslehrer hat gesagt, das ist aber eine Tenor-Stimme, dann müsste ich mit leben. Und das hat mir total geholfen und ich habe eher das Gefühl, das hat meine Stimme eher tiefer gemacht und voller als weiblicher. Trotzdem vertun sich danach kaum noch Leute am Telefon.
Noah
01:07:33
Okay.
Vera
01:07:33
Das hat auch ein bisschen was mit der eigenen Unsicherheit und Sicherheit zu tun, ist so mein Eindruck.
Noah
01:07:38
Das kann definitiv so sein, ja.
Vera
01:07:40
Das ist meine Erfahrung und manchmal ist es einfach auch gut. Dann ruft so ein Callcenter an und sagt, ja, kann ich die Frau Nentwig sprechen? Da kann ich immer sagen, nee, die ist nicht da.
Noah
01:07:54
Ja, ich wurde eine Zeit lang auch tatsächlich immer angerufen und gesagt, ich würde gerne Frau Stoffers sprechen. Und dann ist mir mal rausgerutscht, die existiert nicht mehr. Und die Leute waren...
Vera
01:08:03
Dann kriegst du meine Ex-Mekundungen, das hatte ich auch schon. Die Phase habe ich auch alles durch. Irgendwann wächst man auch.
Noah
01:08:14
Mein Postamt dachte lange, ich wäre mit mir selber verheiratet. Das war auch sehr niedlich.
Vera
01:08:19
Meine Kreditkartenfirma meinte das auch und hat mir eine neue Karte geschickt. Aber es gibt da witzige Geschichten. Vielleicht sollten wir zusammen mal was schreiben über all die witzigen Anekdoten, die man da hat. Das ist echt schräge Sache. Aber jetzt kommen wir zu den echt bierernsten Themen. Jetzt gibt es nämlich die total kritischen Buch-Bubble-Fragen von Tamara.
Tamara
01:08:40
Jawohl. Nur, welches Buch hat dich als Leser zum letzten Mal im positivsten Sinne überrascht?
Noah
01:08:48
Das war The Poet Empress, das ist ein englischer Titel, aber es ist auf Deutsch übersetzt worden, von Chen Tao. Und ich hoffe, ich habe den Namen halbwegs richtig ausgesprochen. Ich habe das gesehen und habe gedacht, das ist so eines dieser klassischen Dark Romans oder Romantisi-Bücher, was gar nicht abwertend gemeint sein soll, aber es, war eine chinesische Fantasy von einer Konkubine, die an den Hof des zukünftigen Kaisers kommt. Und kleiner Spoiler, es passiert allerdings in den ersten Kapiteln, seine zukünftige Kaiserin wird und sie will ihn ermorden. Und ich habe erwartet, dass das selbstverständlich, dass die beiden selbstverständlich als Liebesgeschichte zusammenkommen und das tun sie nicht. Also sie wird, ich werde jetzt nicht sagen, wie die Auflösung ist, aber er wird nie, er wird nie das Love Interest, er wird nicht romantisiert, man versteht ihn an irgendeinem Punkt, aber er bleibt immer ein Munster. Also er bleibt immer ein sehr monströser Mann, der ja schreckliche Verbrechen begangen hat als Kaiser. Und das fand ich sehr konsequent, weil oft ist es ja so, dass es ein Enemies to Lovers gibt. Also Leute starten als Feinde und werden am Ende Liebhaber. Und man hat am Anfang das Gefühl, der Mann ist total ein Verbrecher, ist monströs und alles Mögliche.
Tamara
01:10:05
Aber sie kann ihn heilen.
Noah
01:10:07
Aber sie kann ihn heilen und das war hier definitiv nicht so. Und das hat mich echt überrascht. Und es war auch ein sehr schönes Magiesystem. Es war nämlich Magie, die durch Gedichte und durch Kaliografie gewirkt wurde. Das fand ich gerade im Chinesischen auch sehr klar.
Tamara
01:10:26
Ja, ja, ja.
Vera
01:10:27
Ich möchte aber immer die Tropes dazu lesen. Ist das ein Enemies to Monster oder so?
Noah
01:10:32
Ich habe nicht. Ich habe mich gerade, lass mich das kurz schauen. Ich habe jetzt die englische Seite aufgerufen. Im Englischen ist es auch als Horror, das ist ja interessant. Das ist es im Deutschen tatsächlich nicht. Aber ich verstehe, warum es als Horror ist. Es ist tatsächlich sehr düster und ich weiß nicht, warum die das im Deutschen als Jugendbuch marktet haben.
Vera
01:10:51
Die deutschen Jugendlichen sind härter.
Noah
01:10:53
Ja, also ganz offensichtlich, denn es wird tatsächlich eine Ballade von Liebe und Tod genannt und ich bin mir nicht so sicher mit der Liebe. Also Liebe spielt ja einen wirklich kleinen Anteil. Und ich habe das Gefühl, die haben schon so ein bisschen versucht, das für den deutschen Buchmarkt so anzupassen, sozusagen.
Vera
01:11:12
Okay, ja, so geht's.
Tamara
01:11:15
Ja, dann kommen wir zur zweiten Frage. Was hast du denn aus deinem größten Fehler gelernt?
Noah
01:11:20
Schöner scheitern. Wir haben das vorhin schon erwähnt, dass ich mag, also ich weiß nicht, ob es mein größter Fehler ist, aber ich merke, egal wie viel Mühe ich mir gebe, sei es mit Repräsentation, aber auch sei es mit Schreiben an sich, mir fällt immer mit ein bisschen Abstand ein, was ich noch anders und was ich noch besser hätte machen können. Und wenn ich mich davon aufhalten lasse, dann schreibe ich keine Bücher. Das soll jetzt keine faule Ausrede sein. Ich glaube schon, man sollte sich auf jeder Ebene mit seinen Büchern Mühe geben. Aber man sollte vielleicht auch akzeptieren, dass man immer nur so gut sein kann, wie man zu dem Zeitpunkt gerade sein kann. Und dass man sich erlaubt, sich von da aus weiterzuentwickeln.
Tamara
01:12:00
Loslassen können.
Noah
01:12:01
Ja, sich so ein bisschen von den Perfektionisten. Ich wünschte, ich hätte mich vom Perfektionismus verabschiedet, aber ich arbeite drauf.
Vera
01:12:08
Ja, ich glaube, da hast du in Tamara eine Schwester.
Tamara
01:12:13
Und zum Schluss, was sollte deiner Meinung nach über dem Arbeitsplatz aller AutorInnen?
Noah
01:12:17
Am liebsten, ich müsste am liebsten zwei Sätze daraus machen. Ich hatte euch geschrieben, dass ich sagen würde, fang an. Das ist natürlich meiner Prokrastination geschuldet. Also dadurch, dass ich oft nicht ins Anfang komme oder vielleicht einen Roman anfangs schreibe, aber mich da nicht regelmäßig hinsetze und weiterschreibe und so weiter. Vielleicht kennt ihr das auch. Und ich glaube, gerade wenn man einerseits perfektionistisch ist oder andererseits auf den perfekten Moment wartet, dann wird man nie das Buch zu Ende schreiben. Oder es überhaupt nie schreiben.
Vera
01:12:47
Schlicht und ergreifend. Ja, stimmt. Absolut.
Noah
01:12:49
Und ich glaube, es ist einfacher zu sagen, schreib regelmäßig. Es muss vielleicht nicht jeden Tag sein, aber fang regelmäßig an, arbeite regelmäßig daran, auch wenn es noch nicht perfekt ist, auch wenn du vielleicht gerade keinen Bock hast oder wenn du gerade sagst, Es sind aber noch die Silberlaffel, die ich polieren muss oder die Wäsche, die ich sortieren muss oder die 12.000 anderen Dinge inklusive meiner Steuererklärung, die auch da sind.
Tamara
01:13:14
Musst du mich daran erinnern, das Quartal ist schon wieder rum.
Noah
01:13:17
Ja, ich weiß, Ende des Monats für Selbstständige, die keine Steuerberater haben. Ja, nee, also es ist, also für mich, ich weiß nicht, ob das für alle gilt, aber für mich ist es deutlich, die Erinnerung regelmäßig zu schreiben, regelmäßig anzufangen und weiterzuschreiben und dabei mutig zu sein und Mut zu und Protektion zu haben.
Tamara
01:13:36
Das klingt wie so ein Slogan aus den 90ern.
Noah
01:13:39
Ja, das klingt wie diese schrecklichen Motivationscoaches, die man irgendwie auf Instagram oder TikTok und so weiter sieht, die sagen, just do it, als wäre das so einfach, aber es ist vielleicht zumindest ein Teil der Wahrheit.
Vera
01:13:52
Ja, wahrscheinlich muss man es einfach tun. Ja, schön, dass du einfach mal jetzt zu uns gekommen bist. Das freut uns sehr. Und an euch da draußen, ihr solltet jetzt einfach uns überall folgen, wo es geht. Und falls ihr das immer noch nicht getan habt, solltet ihr jetzt einfach, und ich sage nochmal, just do it, unser Buch Bubble Bulletin abonnieren. Der nächste ist nämlich gerade schon in Arbeit, also den dürft ihr nicht verpassen. Und natürlich müsst ihr uns nächste Woche wieder hören und uns auch gerne weiterempfehlen. Also danke an Noah, natürlich wie immer danke an Tamara und danke an euch. Bleibt uns gewogen. Bis nächste Woche.
Tamara
01:14:32
Ciao, ciao.
Noah
01:14:33
Auf Wiedersehen.