Die Zwei von der Talkstelle

Gespräche aus der Selfpublisher- und Buchbubble

Gisèle Pelicots bewegende Autobiografie: Übersetzerin Patricia Klobusiczky über ihre literarische Arbeit

Eine wahre Geschichte über unvorstellbare Taten: Das ist der literarische Stoff, mit dem Übersetzerin Patricia Klobusiczky sich viele Monate lang beschäftigte – und der in ihr vor allem Bewunderung auslöste.

05.03.2026 70 min

Zusammenfassung & Show Notes

Eine wahre Geschichte über unvorstellbare Taten: Das ist der literarische Stoff, mit dem Übersetzerin Patricia Klobusiczky sich viele Monate lang beschäftigte – und der in ihr vor allem Bewunderung auslöste.

"Die Scham muss die Seite wechseln": Gisèle Pelicot machte diesen Satz auf der ganzen Welt bekannt. Sie löste vielerorts ein wichtiges Umdenken aus, nachdem sie sich für einen öffentlichen Prozess gegen ihren Mann und die rund 50 fremden Männer entschied, die sich über Jahre an ihrem unter Betäubungsmittel gefügig gemachten Körper vergingen.

Jetzt ist ihre Autobiografie "Eine Hymne an das Leben“ erschienen, und zwar in 22 Sprachen gleichzeitig! Patricia Klobusiczky hatte die verantwortungsvolle Ehre, das Buch ins Deutsche zu übersetzen, und spricht in dieser Podcastfolge mit Vera und Tamara über diese Aufgabe.

Patricia erzählt von den sprachlichen Herausforderungen des Übersetzens, vom Umgang mit emotionalem Stoff, vom Alltag der Übersetzer*innenbranche und den Besonderheiten dieses Buches.

Gespräche über das Schreiben und Veröffentlichen von Büchern, egal ob Selfpublishing oder Verlag. 


Eine wahre Geschichte über unvorstellbare Taten: Das ist der literarische Stoff, mit dem Übersetzerin Patricia Klobusiczky sich viele Monate lang beschäftigte – und der in ihr vor allem Bewunderung auslöste.

"Die Scham muss die Seite wechseln": Gisèle Pelicot machte diesen Satz auf der ganzen Welt bekannt. Sie löste vielerorts ein wichtiges Umdenken aus, nachdem sie sich für einen öffentlichen Prozess gegen ihren Mann und die rund 50 fremden Männer entschied, die sich über Jahre an ihrem unter Betäubungsmittel gefügig gemachten Körper vergingen.

Jetzt ist ihre Autobiografie "Eine Hymne an das Leben“ erschienen, und zwar in 22 Sprachen gleichzeitig!

Patricia Klobusiczky hatte die verantwortungsvolle Ehre, das Buch ins Deutsche zu übersetzen, und spricht in dieser Podcastfolge mit Vera und Tamara über diese  Aufgabe.
Patricia erzählt von den sprachlichen Herausforderungen des Übersetzens, vom Umgang mit emotionalem Stoff, vom Alltag der Übersetzer*innenbranche und den Besonderheiten dieses Buches.

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Unser Gast:
https://www.instagram.com/klobusiczkypatricia/

Das Buch:
https://www.piper.de/buecher/eine-hymne-an-das-leben-isbn-978-3-492-07435-3

Gisèle Pelicot:
https://www.werra-rundschau.de/na-pressemitteilungen/gisele-pelicot-bei-maischberger-es-war-ein-prozess-gegen-die-feigheit-und-gegen-das-leugnen-ich-erlaube-mir-heute-gluecklich-zu-sein-ich-habe-ein-zr-94194426.html

Foto Patricia: Ebba D. Drolshagen

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Transkript

Tamara
00:00:00
Die Scham muss die Sein mixeln. Diese Woche haben wir ein ernstes Thema und sehr viele interessante Einblicke in den Bereich des Übersetzens. Wir haben Patricia Kloboschitzky bei uns. Sie ist die deutsche Übersetzerin der Autobiografie von Giselle Pelico.
Vera
00:00:17
Wir haben vieles erfahren, wie es ist, in eine solche Geschichte einzutauchen und sie in die richtigen deutschen Worte zu bringen. Wir haben natürlich auch nachgefragt, wie so generell das Übersetzungsbusiness läuft. Hört also auf jeden Fall rein. Hier ist Folge 301 von die zwei von der Talkstelle. Wir haben unsere ausgiebigen Geburtstagsordnigen beendet und sind wieder voll da. Und mir gegenüber strahlt geradezu mir die Tamara Leonard entgegen. Und ich bin auch voller Elan und nenne mich immer noch Vera Nentwig und schaue einfach mal, wohin uns jetzt dieses Gespräch so führt.
Tamara
00:01:18
Und für alle, die es nicht wissen, wir sind der Podcast übers Schreiben und Veröffentlichen im Self-Publishing und im Verlag. Hallo Vera.
Vera
00:01:25
Guck dir schon mal der ganze Elan und wieder so ein ganzes Konzept.
Tamara
00:01:29
Voll lauter Aufregung, die Hälfte vergessen.
Vera
00:01:32
Ja, ich habe aber heute auch einen großartigen Tag, weil ich habe heute Morgen das Wörtchen Ende unter Frau Appeldon und die tote Diva geschrieben.
Tamara
00:01:42
Sag mal, du gehst ja hier ab wie?
Vera
00:01:44
Ja, ich bin voll im Plan. Gut, jetzt ist mir im Laufe des Tages schon noch aufgefallen, dass ich noch verbessern muss, aber das ist ja immer so. Die nächsten Tage werde ich jetzt noch ein bisschen dran feilen.
Tamara
00:01:56
Ja, überarbeiten halt.
Vera
00:01:58
Genau. Und dann meine Kriminalkommissarin, die Reale, musste auch noch mal drauf gucken, ob ich da die Polizei einigermaßen im Rahmen habe agieren lassen. Und dann noch ein paar Testlesende und dann mal sehen, was sich so ergibt. Aber da bin ich sehr gut im Plan und dann stürze ich mich dann schon mehr und mehr auf das nächste Projekt.
Tamara
00:02:26
Da hast du ein Buch fertig, bevor das andere veröffentlicht ist. Sowas gab es noch nie, oder?
Vera
00:02:33
Bei mir nicht, nee. Bei anderen ist es wahrscheinlich Business as Usual, aber bei mir? Nee, überhaupt ist natürlich dann diese Woche, überhaupt der ganze Monat, also diese Woche ist natürlich ein Highlight nach Jagd das Nächste. Jetzt, wo diese Folge rauskommt, erscheint auch zeitgleich Tote Väter und Erben nicht. Der Band 9 von meiner Biene-Hagen-Krimi-Reihe. Vorabend, Donnerstag, habe ich dann die Buchstatt-Bachti schon gehabt. Nach aktuellem Stand ist sie so gut wie ausverkauft.
Tamara
00:03:08
Mega.
Vera
00:03:09
Und ja, ich bin da jetzt auch sehr gut im Schwung. Also fühlt sich gerade richtig gut an.
Tamara
00:03:15
Ich bin schwer beeindruckt. Das klingt zumindest nach einer erfolgreichen Autorin, und Vera nennt dich.
Vera
00:03:23
Ja, also den Erfolg vortauschen konnte ich schon immer gut. Das ist bisher nicht gescheitert. Ja, und am Wochenende bin ich dann gleich auf der ersten Buchmesse Niederrhein, die in Brüggen am Niederrhein stattfindet und, Und witzigerweise liegt die Leiche in Tote, Väter und Erben nicht auch in Brüggen. Duplizität der Ereignisse. Das habe ich nicht so geplant, das hat sich so ergeben.
Tamara
00:03:54
Ja, musst du auf jeden Fall ausnutzen.
Vera
00:03:56
Ja, natürlich, natürlich.
Tamara
00:03:58
Könntest ein Leichensuchspiel machen.
Vera
00:04:00
Ja, genau. Ich habe schon geguckt, ich meine, es gibt ja kaum noch so Papierkarten. Ich wollte irgendwie, muss ich mal schauen, muss ich jetzt mal hier in der Buchhandlung, ob die noch sowas haben. Ich wollte dann mal so eine Papierkarte haben, wo ich dann so Nädelchen reinstecke, wo alles ist.
Tamara
00:04:19
Ja.
Vera
00:04:19
So auf meinem Messestand.
Tamara
00:04:21
Ja, das fände ich cool.
Vera
00:04:22
Messetisch. Und ich habe am Wochenende jetzt, Mit den Erfahrungen aus unserer vorletzten Folge und mit meiner lieben Freundin Waltraud haben wir jetzt mal testweise den Messetisch zusammengebaut und wie das so aussah und alles mal so dekoriert. Und ja, also ich weiß jetzt genau, was ich zu machen habe. Und da war halt die Idee, ich glaube, das hatte ich da schon in der Folge schon gesagt, ich habe ja so eine große Tischdecke mir mal zugelegt, die ich da immer auf den Messetisch lege. Dass ich da an der Seite, die so runterhängt am Tisch, dass ich da halt einen Text aufdrucke, so meinen Namen. Und ich wollte halt so einen Slogan darunter setzen. Und jetzt überlege ich die Tage schon, welcher Slogan das sein könnte. Und ich hatte zuerst so irgendwie Krimis, die Spaß machen oder sowas. Aber das war mir alles irgendwie zu simpel. und dann...
Tamara
00:05:21
Ich wollte mir jetzt das sarkastische Wuhu verkneifen.
Vera
00:05:24
Ja, ja, das ist da für mich ja selbst drauf gekommen und dann hatte ich dann noch die geniale Idee Krimis mit Herz und Kante, aber die Idee hast du mir ja zerstört, du hast gesagt, das wäre zu generisch. Dann habe ich weiter recherchiert und dann hast du ja gesagt, Krimis mit Wärme, Witz und Wumms. Und da habe ich weiter rumgefragt, dann war aber Wärme, kam nicht so gut. Dann habe ich jetzt gesagt, Krimis mit Witz und Wumms, was ich ganz gut finde. Da hat aber jetzt eine gesagt, Wumms wäre irgendwie negativ konnotiert. Jetzt bin ich immer noch sehr verunsichert. Ich muss jetzt mal in mich gehen.
Tamara
00:06:09
Ja, also deine Verunsicherung fühle ich sehr, weil das ist ja oft so, dann hat man endlich eine Idee, dann fragt man wieder jemand und dann kommt das Nächste. Aber ich bin gespannt, was es wird.
Vera
00:06:19
Ja, also ich meine, wenn dann jetzt auf der Tischdecke steht, Krimis mit Witz und Wumms, dann schadet das jetzt auch nichts.
Tamara
00:06:27
Also ich finde es jetzt persönlich auch nicht negativ. Mir fällt dazu nichts Negatives ein, aber da müsste man vielleicht nochmal rumfragen, weil vielleicht ist das auch wieder so ein Generationending oder keine Ahnung.
Vera
00:06:40
Ja, ich meine, du wirst immer jemanden finden, der etwas nicht gut findet. Ich meine, das ist ja auch erstmal so auf der Tischdecke drauf, das soll ja auch erstmal nur so etwas sein, was die Leute vielleicht stocken lässt. Ja, ich werde noch mal drüber schlafen, sonst werde ich morgen dann mit meiner Decke hier zur Digitaldruckerei fahren und dann müssen die mir das aufdrucken. Mal sehen. Also von daher bin ich gerade gut im Flow.
Tamara
00:07:13
Ja, ich kämpfe immer noch ein bisschen mit meinem Flow, muss ich gestehen. Ich weiß auch gar nicht, ob großartig was passiert ist, seit wir zuletzt gesprochen haben. Also ich habe ein bisschen am Manuskript weitergebastelt. Ich habe jetzt gerade wieder das Gefühl, ich komme langsam in den Flow rein. Aber ich will es nicht so laut sagen, weil jedes Mal, wenn ich erzähle, jetzt geht es weiter, stockt es am nächsten Tag wieder. Keine Ahnung, so richtig drin bin ich irgendwie im Moment nicht. Keine Ahnung, warum. Warum?
Vera
00:07:49
Also ich habe gestern in der Zeit einen Artikel gelesen über neueste psychologische Forschungen und früher hat man ja immer gesagt, dass gerade so der erwachsene Mensch so feste Gewohnheiten hat und die sich kaum noch ändern lassen. Mittlerweile ist aber die Forschung so weit, dass man sagt, nein, man kann das. Und das kommt aber nicht durch Denken oder Wollen, sondern durch Tun. Man muss das, was sein soll, einfach tun, auch wenn es einem schwerfällt. Und wenn man das lange genug tut, dann funktioniert das. Also genau wie ich mich gezwungen habe, ich setze mich jetzt dran, Bücher schreiben, musst du das auch. Das kommt nicht von alleine. Du stehst nicht morgens auf und sagst, jetzt wird alles gut.
Tamara
00:08:36
Nee, das ist auch gar nicht der Punkt, aber ich sitze halt vor dem Manuskript und schiebe irgendwie Wörter hin und her und bin nicht zufrieden und, Ja, irgendwie habe ich ständig was an mir rumzumeckern. Ich glaube, ich habe gerade massive Probleme, die innere Kritikerin auszuschalten und mich daran zu erinnern, dass ich das, was ich da gerade schreibe, nicht irgendwie veröffentlichen muss, sondern dass das erstmal die Rohversion ist und da kämpfe ich gerade unglaublich mit. Also vielleicht ist mein Problem tatsächlich, dass so dieses Entdecken, dieses Neugierigsein mir verloren gegangen ist, weil ich den Plot schon so lange für mich klar habe und dass ich deswegen vom Kopf her in einem ganz anderen Stadium bin als vom Manuskript her. Ich weiß es nicht.
Vera
00:09:37
Ja, aber ich kenne das. Das hatte ich jetzt bei dem aktuellen Projekt auch. Da hatte ich relativ klar vor Augen, wer Täter oder Täterin ist und hatte auch schon relativ früh so eine Idee, wie es enden sollte. Und das hat mich mehr und mehr blockiert. Und dann ging es teilweise recht schwer. Und ich musste dann irgendwann mich entscheiden und sagen, ich lasse diese Idee los.
Tamara
00:10:06
Okay.
Vera
00:10:08
Und guck einfach, wo es hinkommt. Vielleicht komme ich da wieder aus und wenn nicht, auch nicht schlimm.
Tamara
00:10:13
Ja, aber das ist jetzt natürlich, es ist vielleicht, wenn man, also keine Ahnung, ich habe noch nie ein Krimi geschrieben, aber so eine Frage wie bei dir, wer ist es denn jetzt, habe ich ja nicht. Von daher wüsste ich jetzt nicht so genau, was ich loslassen sollte.
Vera
00:10:29
Ja, gut, die Idee, das Manuskript, was du da schon vor Augen hast, was da in deinem Kopf drin, das musst du loslassen.
Tamara
00:10:37
Ja, aber genau so will ich es ja haben, so wie ich es mir ausgearbeitet habe.
Vera
00:10:41
Ja, aber wenn du es doch nicht hinkriegst, dann lass es doch los und guck mal, wo du hinkommst. Vielleicht willst du das, was nachher kommt, viel lieber haben.
Tamara
00:10:48
Weiß ich nicht. Das überzeugt mich jetzt auch nicht.
Vera
00:10:52
Ja, das mit dem Loslassen scheint nicht so deine Stärke zu sein.
Tamara
00:10:55
Nee, definitiv nicht.
Vera
00:10:58
Ja, aber ich glaube, wenn du es fertig kriegen willst, ich meine, klar, du hast ja nicht so den Druck, den ich mir jetzt mache. Kannst du auch noch aussitzen lassen, aber...
Tamara
00:11:10
Ich halte dich auf dem Laufenden.
Vera
00:11:12
Ich habe auch gerade die Erfahrung, dass ich da einfach drüber weggehen muss und sagen muss, okay.
Tamara
00:11:18
Wie gesagt, heute hat es sich auch ganz gut angefühlt, das, was ich dahin getippert habe. Aber ich sage dir mal nächste Woche, wie es aussieht.
Vera
00:11:27
Okay, ich bin gespannt.
Tamara
00:11:29
Ja.
Vera
00:11:30
Ja, genauso gespannt bin ich auf unseren heutigen Gast, weil das ist ja ein sehr tiefschürfendes Thema.
Tamara
00:11:39
Ja, also da finde ich jetzt auch gar keinen Übergang, weil das ist jetzt heute definitiv kein Wohlfühlthema.
Vera
00:11:48
Eirut, also wir kriegen dann immer noch irgendwie hin, da das Wohlfühl. Wir wissen ja nicht, das ist genau wie beim Schreiben, wir wissen ja nicht, wie es endet.
Tamara
00:11:56
Ja, wir haben heute nämlich ein Thema, das könnte eigentlich zu keiner Woche besser passen im Jahr als zu dieser. Ein paar Tage vor dem sich jährlich wiederholenden Internationalen Frauentag sind wir ja. Und heute haben wir die deutsche Übersetzerin des Buches von Giselle Pellicot bei uns. Ganz herzlich willkommen, Patricia Kloboschitzky.
Patricia
00:12:19
Vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich auf den Talk.
Tamara
00:12:22
Ja, ich habe ja zufällig gesehen, dass da dein Name mit dabei stand, als das Buch erschienen ist. Ich habe gleich gesagt, da möchte ich mehr drüber wissen. Kennen tun wir uns aus dem Verbandsumfeld. Du warst sehr, sehr lange Vorsitzende des VDÜ, Verband der Deutschen ÜbersetzerInnen, und hast jetzt dieses Werk übersetzt. Und ich habe es mir als Hörbuch gehört. Ich bin noch nicht durch, aber ich habe vorhin off-camera oder off-audio Vera schon erzählt, als ich es gehört habe. Ich habe es gehört am Pferdestall unter anderem beim Abäppeln. Und da bin ich immer schön alleine, kann meine Emotionen rauslassen. Und ich war ständig zwischen Wut, Schreien und kurz vorm Weinen hin und her geschleudert. Und das wäre so mal meine Frage erst mal, wie geht man mit einem so schweren Stoff um?
Patricia
00:13:12
Also es freut mich auf jeden Fall, dass sich das Buch so bewegt und berührt, dass es wirklich, dann genau das soll dieses Buch ja tun. Und ich kenne die Hörbuchfassung noch nicht, ich weiß aber, dass die Schauspielerin, die das spricht, das ist Maria Hartmann, dass sie das ganz großartig macht, Also, dass sie generell eine Schauspielerin ist, die sehr schön auch Texte interpretiert, die ja nicht für die Bühne bestimmt sind. Und ich finde es auch gut, das mit dem Hörbuch, weil so ist das Buch auch entstanden. Also Giselle Felicot. Hat Judith Pérignon ihre Geschichte erzählt. Und sie hat sehr getreu dem Ton von Gisele Péliqueau das dann schriftlich festgehalten. Also ich hatte das Gefühl, ich übersetze eine sehr gute Übersetzung. Aber zu deiner Frage, ich schweife ein bisschen ab. Ich übersetze ja normalerweise Belletristik, fiktive Texte. Und ab und zu mal ein erzählendes Sachbuch, aber in der Regel, wenn die Lektorin mich kennt und weiß, das könnte was für Patricia sein. Das heißt, es war sehr ungewöhnlich, nicht, denn ich kannte Anja Hänsel nicht, die Co-Programmleiterin des Sachbuchs bei PIPAT. Und wir hatten auch, also ich weiß, ich wusste zuerst gar nicht, wie sie auf mich gekommen ist. Also später stellte sich dann heraus, es war eine Empfehlung intern. Klar, Lektorinnen reden miteinander. Und mein großes Glück war, dass das Manuskript noch nicht vorlag. Denn sonst hätte ich mich nicht darauf einlassen können. Ich bin eine sehr langsame Übersetzerin. Also das wissen, auch eigentlich alle, die mal mit mir gearbeitet haben, sie wissen, sie bekommen irgendwann einen guten Text, also da habe ich keine falsche Bescheidenheit, aber was ich nicht kann, sind Schnellschüsse. Das kann ich nicht, ich brauche ganz viel Zeit, um den Text, also den Text tatsächlich den Ton zu erspüren, ja, ihn zu ertasten, denn Französisch und Deutsch sind einfach zwei radikal verschiedene Sprachen. Und. Dann habe ich, also als Adria Hänsel mir sagte, was sie mir anbietet, da war ich natürlich sprachlos. Es ist eine große Ehre. Es ist ein großes, großes, großes, großes Projekt. Und auf der anderen Seite ist es ein Thema, mit dem ich unglaubliche Berührungsängste habe. Also ehrlich gesagt, Gewalt gegen alle Menschen finde ich entsetzlich. Gewalt gegen Kinder brauchen wir gar nicht erst. Aber das, was bei diesem Prozess verhandelt wurde, da habe ich irgendwie nicht, also bei der Berichterstattung habe ich mich nicht um die Details gekümmert. Ich war sehr, sehr beeindruckt von der Person, Gisele Pellico, aber ich wollte es wirklich nicht genauer wissen, das sage ich ganz offen.
Vera
00:15:56
Ja, kann ich unterschreiben, ging mir absolut genauso.
Patricia
00:15:58
Also nicht wahr, das ist so. Und dann sagte mir Anja Hänsel, eine kluge junge Frau, also die meine Tochter ja sein könnte, wir sind eine Generation auseinander, sie sagte zu mir, wissen Sie, Frau Kloboschitzki, in diesem Buch wird auch sehr viel Lebensfreude stecken. Also sie hat, Giselle Pellicot möchte, es gibt in der Branche einen Begriff Misery Memoir. Das ist kein Marketingbegriff natürlich, das gelangt nicht an die Öffentlichkeit, aber intern wird es offenbar gebraucht und ist genau das ist es nicht und dann habe ich gedacht, na gut. Es ist eine Ehre, gefragt zu werden. Ich bewundere Giselle Pellicot und es ist auch gut, aus einer Komfortzone mal rauszukommen. Und dann habe ich Ja gesagt, aber ich hatte auch ein Riesenglück. Das möchte ich wirklich betonen. Es steht und fällt mit den Menschen, mit denen man arbeitet. Gerade bei so einem exponierten Projekt und ein riesiger Dank an den PIPA-Verlag, an Anja Hänsel und auch an die Freie Lektorin, die mich begleitet haben. Andere hätten vielleicht darauf gedrängt, dass ich ganz schnell Text liefere. Und sie haben mir vertraut. Also sie haben gewusst, Kloboschitzky braucht ein bisschen länger, aber so, und ich glaube, es ist gut geworden, aber es hat viel mit Vertrauen zu tun.
Vera
00:17:10
Ja, auf jeden Fall. Jetzt, um mal ein bisschen konkret zu fragen, wenn du sagst länger, von welchem Zeitraum reden wir denn da?
Patricia
00:17:18
Ja, es ist so, das ist dieselbe Lico. Ihr habt ja wahrscheinlich mitbekommen, dass ihre Tochter Caroline Darion hat ja mittlerweile das zweite Buch schon veröffentlicht, das auch in deutscher Sprache vorliegt. Und ich habe das erste gelesen, das zweite habe ich noch nicht gelesen, das werde ich natürlich tun. Und man merkt schon, und ich nehme an, das ist der französische Verlag, das der Caroline Darien gedrängt hat, also sehr schnell zu schreiben, damit man es sehr schnell veröffentlichen kann. Und das sage ich gar nicht respektierlich, also ich habe auch Respekt für Caroline Darien, aber man merkt einfach den Unterschied, dass Gisele Bellicot sich nämlich Zeit gelassen hat. Erstmal das, was ihr widerfahren ist, zu verarbeiten und zu reflektieren. Und dann hat sie auch sehr, sehr viel Zeit und Raum sich genommen, um den Menschen, um ihrer Familie gerecht zu werden. Und das ist etwas, was mich wieder mit einem solchen Respekt für diese Frau erfüllt hat. Sie hat Verständnis für die Kinder. Natürlich klaffen die Perspektiven aus vielerlei Gründen auseinander. Sie schafft es ja auch diesem Mann, den sie geliebt hat, mit dem sie 50 Jahre lang verheiratet war. Sie entschuldigt ihn ja nicht. Mit keinem Satz. Rechtfertigt sie, was er getan hat und entschuldigt sie, was er getan hat. Aber sie weigert sich auch, ihn zu einem Monster abzustempeln. Und sie geht schon auch den Gewalterfahrungen nach, die er ja praktisch vom Tag seiner Geburt an gemacht hat. Und wir wissen ja, dass es einen Zusammenhang gibt. Also nicht alle, die in ihrer Kindheit misshandelt und missbraucht wurden, werden später selbst zu Tätern, aber das Risiko ist größer.
Tamara
00:18:54
Ja, das ist nicht so eine Abrechnung, wie man vielleicht erwarten würde. Und was du eben auch gesagt hast mit den schönen Seiten, also ich finde allein den Titel, bekannt ist ja eben ihr Satz, die Scham muss die Seiten wechseln, aber das ist ja nur der Untertitel. Das Buch heißt eine Hymne an das Leben und das sagt ja schon sehr, sehr viel aus.
Patricia
00:19:13
Das ist richtig. Und bei dem Charme muss die Seite wechseln. Der Satz wird ja sehr oft Giselle Pellicot zugeschrieben. Dabei hat sie ihm, sie hat ja einen Satz der Frauenbewegung aufgegriffen, aber sie hat ihn so berühmt gemacht, dass er jetzt immer mit ihr, aber das schreibt sie ja auch im Buch, dass sie sich da gar nicht mit fremden Federn schmücken will. Aber was ihm so beeindruckend ist, dass sie dafür gesorgt hat, dass dieser Satz weltweit bekannt geworden ist. Das finde ich so fantastisch.
Vera
00:19:41
Ich würde jetzt trotzdem noch mal, du hast jetzt zwar sehr interessante Einblicke gegeben, aber wie lange muss ich mir jetzt vorstellen, wie lange hast du denn jetzt an diesem Text gearbeitet?
Patricia
00:19:52
Also es ist so, er kam ratenweise. Wir haben praktisch parallel übersetzt zum Entstehen der geschriebenen Fassung. Und Giseppe Lico hat mir erzählt, dass ich ihr begegnen durfte, da vor ein paar Tagen, hat sie mir erzählt, ein Jahr lang, ein Jahr lang haben sie und Giseppe Rignon gearbeitet und eben in mehreren Etappen. Das heißt, bevor es überhaupt das erste Schriftliche gab, haben sie sehr, sehr viel Austausch mündlich gehabt. Und das war aber, wie gesagt, mein Glück, wenn das Bahnüstrich vorgelegen hätte, dann hätte jeder Verlag in Deutschland mir gesagt, wir wollen das übermorgen haben. Manche Verlage hätten ein Zehner-Team gebildet und das wäre also alles nicht gut gewesen, glaube ich persönlich. Das heißt, ich habe im Sommer angefangen. Es war so im Juni, Juli kamen so die ersten Kapitel und es war eine sehr sanfte Einstimmung. Also ich weiß nicht, wie Tamara das empfunden hat, aber sie fängt ja wirklich an. Also sie erzählt ihre Lebensgeschichte. Das ist übrigens auch etwas, was ich an diesem Buch so großartig finde. Sie ist ja mehr als das, was ihr widerfahren ist. ist mehr als die zehn Jahre, in denen ihr Mann Unbeschreibliches mit ihr getan hat. Diese Frau ist 73 Jahre alt und es gibt einen davor und einen danach. Und davon erzählt sie. Und sie geht wirklich bis zu ihrer Geburt zurück, einfach auch um zu schildern, was sie geprägt hat, wie sie groß geworden ist. Und das Gleiche tut sie auch mit ihrem Mann. Und das Interessante ist ja. Dass beide aus sehr schwierigen Verhältnissen stammen. Also rein materiell, sozial, dann im Schatten des Nachkriegs, der Nachkriegszeit und so. Aber sie hatte diese liebenden Eltern. Sie hat also schon sehr früh diese Erfahrung von Liebe gemacht und auch wenn nachher sehr viel Schwieriges passiert ist, war das sozusagen die erste prägende Erfahrung für Gisele Pellico. Und sie beschreibt eben das, was Denis Pellico von klein an erlebt hat. Also so steigen wir ja ein. Und das heißt, ich bin mitgewachsen. Also dann kamen im Juli, kamen die nächsten Kapitel im August, kamen die nächsten Kapitel im September und ich war immer noch nicht mein Prozess, weil es sich so viel Zeit und Raum lässt, um die Vorgeschichte zu erzählen, beziehungsweise es hat ja so eine Zopfstruktur.
Tamara
00:22:12
Ja, das mochte ich sehr gerne.
Patricia
00:22:15
Genau, es fängt natürlich an mit den Enthüllungen, aber es ist irgendwie, also wir haben immer wieder diese Atempause.
Tamara
00:22:21
Ja, ja.
Patricia
00:22:22
Und für sie war der Prozess tatsächlich nicht nur im realen Leben der härteste Moment, also als sie diesen 50 plus Tätern gegenüber saß und vor allem auch der Anwaltschaft dieser Herren. Und da muss man auch unterscheiden also was ja bemerkenswert ist, ist die Anwältin ihres Mannes, diese Frau hat ja alles getan also als Verteidigerin aber sie ist auf Giselle Pelicot zugegangen und es wird sehr viel Respekt und sie hat zu Giselle Pelicot gesagt, schonen sie ihn nicht hat die Anwältin für Denis Pelicot gesagt, also diese Frau ist bemerkenswert aber es gab unter den Anwälten der Mittäter gab es wirklich diese, Schmierenadvokaten, die von keiner Dreckstaktik zurückgeschreckt sind. Und deswegen war das so unfassbar mutig. Aber es kam eben recht spät. Das kam so September, Oktober, Das heißt, ich war schon richtig drin. Ich hatte mich so schrittweise angemährt. Und dann kam im November der allerletzte Schwung. Es gab ja noch diesen Revisionsprozess, der aber ganz schnell wieder zu Ende war, weil der Herr, der irgendwie glaubt, er könne seine Strafe mildern, noch ein bisschen mehr auf den Grund bekommen hat, weil er Tatsachen leugnete. Und dann kam kurz vor Drucklegung, das war der einzige Moment, bei dem ihr ein bisschen blüberant geworden ist, aber auch da wieder Dank an die Piepers, da kam so ein letzter Schwung Korrektur. In der Schuhe war richtig, richtig, richtig viel. Sehr zurecht, natürlich. Ist ja ein komplexes Gefüge. Aber der Satztermin, den hatten sie sowieso schon für mich ein bisschen zweimal hinausgezögert. Der war dann wirklich in Stein gemeißelt, weil das Buch hier in 22 Sprachen am selben Tag rauskommt. Und dann habe ich voller Dankbarkeit für meine Lektorinnen dann einfach wirklich ein paar Nachtschichten geschoben. sowas machst du dann ja auch gern, weil das ein super Projekt ist. Und die Süßen haben mir dann eine Flasche geschickt, als das Buch ein Satz war, eine Flasche Pipa Heizig. Das ist mein Glück, wenn man für Pipa arbeitet, habe ich auch mal von Rohwold eine Flasche Rohwold Cuvée geschickt. Aber bei Pipa lassen sie sich natürlich nicht nur. Das fand ich auch ganz, ganz zauberhaft.
Vera
00:24:48
Aber jetzt hast du ja schon angedeutet, ich meine, Wir haben es ja auch schon gesagt, die Geschichte ist ja eigentlich unfassbar. Und du hast ja auch gesagt, bei den Nachrichten, mir ging es genauso. Ich wollte da auch nicht so in die Tiefen eintreffen, weil das eigentlich unvorstellbar ist, was da so passiert ist. Jetzt bist du ja, wenn du dann die Geschichte übersetzt, da bist du ja ganz, ganz tief drin. Und gab es denn da nicht Momente, wo du sagst, ich kann jetzt erstmal nicht mehr weiter?
Patricia
00:25:18
Ja, sie ist ja sehr diskret. Also das heißt, es wird schon, naja, wir werden schon mit den Fakten konfrontiert. Das ist ja auch das Tolle an dieser Filiko, dass es gelingt ihr, das Kind beim Namen zu nennen, ohne dass es brutal ist. Es ist ganz schwer und ich glaube, das hat mir die Sache einfach gemacht. Deswegen erlaube ich mir auch, ich frage immer, bevor ich das Buch jemandem mitbringe, frage ich immer, möchtest du das? dass ich verstehe, weil eine Dame hat mir ganz klar gesagt, nein, nein, nein, ich möchte mich damit nicht befassen und dann das respektiere ich. Aber ich sage schon auch, also wenn du dich mit dem Thema beschäftigen möchtest oder das Gefühl hast, du solltest. Dann nimm dieses Buch bei Giselle Pellicot das eben mit einem für sie doch typischen Feingefühl. Sie ist ja auch unglaublich intelligent. Das heißt, sie vertraut auch darauf, dass wir mit einem Satz, dass uns das irgendwie schon sehr viel, sie tritt es einfach nicht breit und trotzdem verschwindet das nicht. Und deswegen war das für mich wirklich nicht so schwer. Also ich habe beim Übersetzen viel eher von der Bewunderung für Giselle Pellicot getragen als von allen anderen Emotionen. Also Abscheu vor den Tätern, ja, aber die Bewunderung für Giselle Pellicot war immer am stärksten. Und die Täter sind für mich sehr blass geblieben, aber nicht, weil ich es so wollte. Überhaupt nicht.
Vera
00:26:52
Jetzt hast du ganz am Anfang auch gesagt, Französisch und Deutsch sind zwei diametral unterschiedliche Sprachen. Ich habe die letzten sieben Jahre versucht, Französisch zu lernen mit nicht so ganz durchschlagendem Erfolg. Und weiß einfach, dass es zum Teil, also es reicht einfach nicht nur Wörter zu übersetzen. Dinge werden einfach ganz anders umschrieben. Es gibt manchmal gar nicht gleiche Begriffe und Sachen. Und jetzt bei so einem sensiblen Thema, wie bringt man dann eine, ich sag mal, umschweifende französische Erklärung in klare deutsche Worte? Geht das überhaupt?
Patricia
00:27:31
Ja, es ist, also sagen wir mal so, das Französische ist ja etwas abstrakter. als Sprache. Und das Deutsche, was ich ja bei der deutschen Sprache sehr liebe, ist ja eine sehr anschauliche Sprache. Das heißt, du hörst das Wort und du siehst sofort den Gegenstand. Oder auch den Verben. Du begreifst. Also es ist einfach sehr, sehr viel konkreter als das Französische. Und ich glaube, was, Also ich spreche ja schon vom Feingefühl, also davon, dass Gisele Pellicot die Dinge klar benennt und trotzdem uns nicht einfach reinwirft in das Grauen. Und das heißt, dass ich bei der Übertragung ins Deutsche habe ich auch versucht, dieses direkte und mittlere des Deutschen ganz sicher ein bisschen abzufedern. Also ich habe schon versucht, das, was ich im Französischen als bestimmtes Merkmal des Textes empfunden habe, im Deutschen nachzubilden. Das geht, das kann man. Also die deutsche Sprache ist ja wunderbar geschmeidig auch, viel geschmeidiger als man meint. Aber das ist genau das, was Zeit kostet. Ja, es dauert ein bisschen länger, wenn ich versuche, die Nuancen im Deutschen eben auch nuanciert wiederzugeben. Und es ist dann viel, viel einfacher, so eine Art Zusammenfassung zu geben. Aber Zusammenfassen ist für mich nicht übersetzt.
Vera
00:28:43
Nee, natürlich nicht.
Tamara
00:28:44
Ja, ich finde, das ist ja auch, also ich versuche natürlich jetzt auch von dem Thema, was ich sehr, sehr interessant finde oder interessant ist das falscheste Wort wahrscheinlich, was mir gerade einfallen konnte, aber davon abgesehen, versuche ich natürlich auch so ein bisschen zu schauen, normalerweise richtet sich unser Podcast ja an AutorInnen, was können die vielleicht auch noch ein bisschen lernen. Und das ist ja zum Beispiel so ein Thema, wo dann eben aus dem, ich schreibe irgendwas auf, die Arbeit wird, wo man nochmal überlegen kann, welches Wort trifft es denn noch besser, womit kann ich es denn noch sensibler oder noch ein bisschen einfühlsamer formulieren. Wie ist das denn, wenn du übersetzt? Also hast du da auch mehrere Überarbeitungsrunden oder wie funktioniert das?
Patricia
00:29:33
Ja, das ist, also was ich vorhin meinte, tatsächlich ist es für jede Übersetzerin, jeden Übersetzer anders. Das ist eine sehr persönliche, genau wie beim Schreiben ja auch. Und bei mir gibt es gar nicht so viele Fassungen. Eigentlich gibt es bei mir nur eine Fassung, aber an dieser sitze ich eben so lange, weil ich ja erst weitermachen kann, was ich nicht kann, ich kann keine Baustellen vertragen. Also andere machen das vielleicht so, also sie übersetzen erstmal eine erste Fassung runter und dann lassen sie Lücken und so. Das kann ich nicht, weil für mich wirklich sich ein Wort und ein Satz aus dem Vorhergeben ergibt. Das heißt, dann bleibe ich manchmal unvernünftig lange bei einem Satz oder Absatz, bis ich das Gefühl habe, jetzt trägt er mich, dieser Satz trägt mich zum Nächsten und dann so. Also das heißt, eine Fassung, die aber in sehr, sehr langwieriger Arbeit entsteht. Und ich möchte jetzt überhaupt nicht Caroline Darion gegen ihre Mutter ausspielen. Also bitte versteht mich da nicht falsch, aber ich finde... Also man sieht einfach sehr gut, weil das ist, aber ich lasse das nicht Kauly Darien an, weil eigentlich hat jeder, der schreibt und die schreibt, ein Anrecht darauf, gut begleitet zu werden. Und das ist ein Musterbeispiel für fehlendes, gutes Lektorat. Also wir haben es mit einem Verlag zu tun in Frankreich, ich habe jetzt vergessen, wer sie verlegt hat, der offensichtlich gesagt hat, ganz schnell raus. Sie waren ja sehr viel früher als die Mutter mit dem ersten Buch. Und okay, meinetwegen Schnellschuss, aber eine gute, erfahrene Lektorin, also das weiß ich aus eigener Erfahrung, wenn ich übersetze, aber so habe ich mich ja bemüht zu arbeiten, dass ich selbst noch Lektorin war, du lässt doch niemanden allein mit dem Text. Du sagst doch, ja, auch da wieder, du kannst alles sagen, aber schau doch, hier und da wäre es doch vielleicht klug, das als Frage zu formulieren. Hier und da wäre es so. Und weil Das meine ich. Also man kann ein oder dasselbe Thema behandeln, auf sehr, sehr unterschiedliche Weise. Aber ich würde sagen, gerade wenn es so heikel ist und als Eingemachte geht, empfiehlt sich doch noch die Extrarunde. Also Reflexion, Austausch erstmal mit einer guten Lektorin, einem guten Lektor. Es ist sowohl für die Autorin, es ist ja eine Form von Selbstentlösung.
Vera
00:32:00
Absolut, ja.
Patricia
00:32:01
Und für uns, die wir lesen, kann es ja auch eine Zumutung, eine zu starke Zumutung sein, wenn wir alleingelassen werden, also mit einem unfassbar brutalen Geschehen.
Tamara
00:32:13
Wie ist das denn? Also im Hörbuch habe ich jetzt nichts wahrgenommen, glaube ich. Aber ist im gedruckten Buch sowas wie eine Triggerwarnung oder sowas vorne?
Patricia
00:32:24
Nein.
Tamara
00:32:24
Wahrscheinlich, wer das Buch kauft, weiß ja auch worauf er sich einlässt.
Patricia
00:32:30
Also ich glaube, wir haben überhaupt nicht darüber gesprochen, über Triggerwarnung oder nicht. Aber wie du richtig sagst, bei dem Namen Gisele Pellicot darf man voraussetzen, dass der Kontext bekannt ist.
Tamara
00:32:45
Absolut.
Vera
00:32:46
Ich möchte aber jetzt nochmal so ein bisschen auf die Arbeitsweise zurückkommen, weil ich das sehr spannend finde. Wir haben gerade, Tamar und ich hatten so im Vorgespräch das Thema, wenn man schon so die Idee sehr konkret im Kopf hat und der Text sich irgendwie anders entwickelt, dass das einen so zum Stocken bringt. Und mir hilft dann immer, meine Idee gehen zu lassen und einfach zu schauen, wo es hingeht. Jetzt ist es bei dir ja ganz anders. Du hast ja da den festen Text, du kannst dich davon weg. Gibt es Momente, wo es stockt, wo du erstmal gucken musst, wie kriege ich jetzt die Kurve wieder?
Patricia
00:33:27
Das ist eine gute Frage. Also es gibt Passagen, die mir schwerer fallen und andere, die mir leichter fallen. Das kann ich sagen. Und wenn ich merke, dass eine Passage mir schwerfällt, und das kann sein, weil es inhaltlich schwer ist oder weil es syntaktisch schwer ist, aber es kann auch sein, dass ich einfach dich blockiert bin aus irgendeinem Gründen. Und dann bleibe ich aber nicht mehr sitzen. Also das ist so ein Erfahrungswert. Also da gehe ich spazieren oder gucke mir was an oder lebe was oder koche was. Also ich habe festgestellt, es ist sehr, sehr hilf, was ganz anderes zu machen. Und dann habe ich das Gefühl, ich fange ganz neu an, ich sehe diesen Text neu. Aber das ist eben auch der Grund, warum ich lieber so lange dann an den Sätzen feile, bevor ich irgendwie sage, okay, ich mache jetzt weiter mit dem nächsten Satz und dann komme ich zurück. Weil nicht wirklich, weil mich das auch trägt. Also das ist wirklich so, es ist so, als würde ich meine Brücke bauen. Also ich baue die Brücke, über die ich sozusagen sukzessive gehe. So würde ich meinen Übersetzungsprozess beschreiben.
Vera
00:34:34
Ja, also das kenne ich gut. Also ich mache das in so Fällen auch. Ich muss aufstehen, mal durchs Wohnzimmer rennen oder mal eine Runde um den Block rennen und dann löst sich manches wieder auf. Jetzt sprichst du ja auch immer davon, so von Satzweise. Das heißt, du arbeitest wirklich so Satz für Satz weiter. Wie muss ich mir das vorstellen? Analysierst du den Aufbau und hast dann den deutschen Satz voll im Hinterkopf? Wie sind da die Gedankengänge bei einer Übersetzerin?
Patricia
00:35:05
Also es ist tatsächlich so, dass ich sage ja sehr gern, dass wir keine Wörter übersetzen. Was wir übersetzen, sind die Beziehungen, die Wörter zueinander eingehen. Und deswegen liebe ich den Satz, weil der Satz ist die Beziehung der Wörter untereinander. Und deswegen denke und arbeite ich lieber in Sätzen als in Wörtern. Und das ist ja auch die Krux tatsächlich mit der KI. Ich hadere zum Beispiel sehr damit. Also ich will jetzt das Fass nicht aufmachen, aber das ist ja genau das. Das ist ja ein Wort-für-Wort-Abgleich. Und deswegen kann es in meinen Augen nie was werden, fände ich egal, was die Softwareentwickler erzählen wollen. Und das ist es, genau. Das ist so eine Sinneinheit, das ist eine Gedankeneinheit und das ist für mich das Strukturelement, ist der Satz, nicht das Wort.
Vera
00:35:52
Das kann ich mir gerade beim Französischen, wie gesagt, da haben wir ja oft, brauchen die ja einen ganzen Satz, um was zu beschreiben, was wir mit einem klaren deutschen Wort beschreiben.
Patricia
00:36:02
Ach, das ist richtig, Vera. Das ist wunderschön, dass du das sagst, weil ich hatte in meinem Leben ja zwei Erfahrungen, da habe ich zweimal eine Autorin übersetzt, also einmal aus dem Englischen, aus dem Französischen, die beide glaubten, Deutsch zu können. Und die junge Amerikanerin, sehr sympathisch, die war ja auch in Berlin damals mit einem Deutschen verheiratet und dann haben wir uns getroffen und dann hat sie meine Übersetzung genommen und ihren Originaltext dagegen gehalten und dann hat sie gesagt, aber hier sind doch fünf Wörter und ich hatte im Deutschen vier. Da sind wir wieder, bei den Wörtern. Und das ist genau, Das ist eine wunderschöne Beobachtung von Vera. Es ist tatsächlich so, weil wir zum Beispiel diese sehr anschaulichen Verben im Deutschen haben, das kommt relativ oft vor, dass ich dann ein Adjektiv oder ein Adverb weniger habe in der deutschen Fassung, weil das Verb das quasi miterledigt. Und danach habe ich rhythmisch was gewonnen oder so. Also davon mache ich sehr, sehr gerne Gebrauch, egal ob ich aus dem Englischen oder aus dem Französischen übersetze. Und genau, die Möglichkeiten der Zielsprache ausschöpfen. Also das ist wirklich, das ist mein Credo. Deswegen lese ich ja auch gerne gute deutsche Texte. Also völlig egal, deutschsprachige Texte, also ob es sich um Übersetzung oder Originaltexte, genau, also einfach um diesen Instrumentenkasten irgendwie da zu erweitern.
Vera
00:37:24
Also es gab mal, irgendwo gab es mal so ein Bild, ein Buch in Französisch, ein richtig dicker Wälzer, der übersetzt, in Deutsch war dann nur noch die Hälfte.
Patricia
00:37:37
Ja, aber das liegt vielleicht an den viel stummen Buchstaben.
Vera
00:37:41
Ja, das auch. Das auch, ja.
Patricia
00:37:45
Also ich muss sagen, ich finde, wie soll ich sagen, also ich bin immer ein bisschen misstrauisch, wenn die Texte im Deutschen umfangreicher sind als das Original, aber ich habe nicht die Erfahrung gemacht, dass ich einen französischen Text dann so stark eindampfe, weil manches ist im Deutschen sehr viel prägnanter, aber dann hat das Französische, kann manchmal auch kürzer sein, also irgendwie durch diesen ätherischen Charakter und das Französische arbeitet ja wahnsinnig gern mit Ellipsen oder mit Anspielungen und wenn man es im Deutschen irgendwie einfach eins zu eins übernimmt, dann hat das aber nicht diese Aussagekraft. Also das ist so ein bisschen die Sache.
Vera
00:38:25
Ja, das war mein großes Problem beim Französischlernen. Ich habe gemerkt, wie deutsch ich bin und ich liebe diese klaren Begriffe und das funktioniert mit Französisch ja überhaupt nicht. Da tue ich mich immer noch schwer. Also ich kann mich ausdrücken, aber ich verstehe sie nicht, wenn sie mir antworten.
Patricia
00:38:44
Das wird sich ändern, Vera.
Vera
00:38:47
Okay, du machst mir Hoffnung.
Patricia
00:38:50
Du hast es ja auch nicht weit. Das ist ja der Grund, warum meine Eltern im Rheinland geblieben sind, denn man ist ganz, ganz schnell in Frankreich.
Vera
00:38:58
Ja, das stimmt.
Patricia
00:38:59
Berlin ist so weit weg.
Vera
00:39:02
Jetzt aber interessiert mich natürlich noch ein bisschen die generelle Arbeit von dir als Übersetzerin. Du hast am Anfang geschildert, dass das jetzt so über Empfehlungen kam. Du bist ja verbundlich schon länger im Geschäft. Die Lektor und Lektorinnen in der Verlage kennen dich. Wie geht das denn klassisch jetzt, wenn man vielleicht auch noch nicht so deine Bekanntheit hat, So Verlag kaufen, die kaufen ja sehr gerne Lizenzen von irgendwelchen Auslandsautoren, Autorinnen. Haben die einen festen Fundus, Übersetzer, Übersetzerinnen? Oder gibt es so Ausrichtungen, du hast gesagt, du machst eigentlich bevorzugt Belletristik. Gibt es da Genreauszüge? Also machst du die blutigen Zwiller oder machst du mehr die Liebesromane? Oder wie muss ich mir das vorstellen? Wie positioniert man sich da als Übersetzerin?
Patricia
00:39:53
Ja, das ist eine gute Frage. Ich meine, klassisch, also es ist tatsächlich so, die Verlage haben ihre Stammübersetzer und Übersetzerinnen, aber wie das so ist, je länger die im Geschäft sind, desto ausgebuchter sind sie ja. Also wie, wenn sie was taugen. Und dann schlägt die Stunde der Jungen. Das ist genau das. Und eine Zeit lang war ich ja ganz dicht an der Quelle, also ich habe vier Jahre lang das Goldschmidt-Programm als Mentorin begleitet, das ist ja ein Programm für Nachwuchsübersetzerinnen aus dem Deutschen und aus dem Französischen jeder als andere Sprache und ich war für die deutsche Seite natürlich zuständig und das heißt ich habe eine Zeit lang sehr viele, Verlagslektorinnen glücklich gemacht wenn ich keine Zeit hatte, konnte ich, jemandem Tolles empfehlen der oder die ganz am Anfang steht also jemand wie Andre Hansen zum Beispiel war bei mir in der Werkstatt und hat sehr, sehr positiv aufgefallen und hat ja dann auch sich sehr schnell einen Namen gemacht als junge Übersetzer. Und ich selbst habe ja auch von diesem System profitiert. Das heißt, ich hatte ganz klassisch dieses Literaturübersetzer-Diplom-Studiengang damals noch vor Bologna in Düsseldorf gemacht. Und Diplom sagt es ja schon. Das heißt, es war sowieso sehr stark darauf orientiert, auf den Berufseinstieg. Das heißt, zu diesem Studium gehörten Praktika, Verlagspraktiker. Daraus haben sich dann nicht nur für mich, sondern für sehr viele Absolventen dieses Studiengangs dann ganz natürlich den Weg ergeben. Also Praktikum, man versucht doch einen vernünftigen Eindruck zu hinterlassen und dann bekommt man eine Chance. Also meine Chance war eine Probeübersetzung. Und an dieser Probeübersetzung, es waren zehn Seiten, habe ich eine Woche gefeilt, weil ich wirklich wissen wollte. Aber es hat sich gelohnt, diese Woche hat sich gelohnt, weil das war mein Einstieg. Aber das muss ich fairerweise sagen, dann habe ich einen Schlenker gemacht. Das heißt, ich habe erst mal zehn Jahre als Lektorin gearbeitet bei OVOLT. Und das war dann natürlich ein unglaublicher Vorteil. Ich hatte einfach dieses dicke Adressbuch, als ich bei OVOLT aufgeschrieben bin nach zehn Jahren. Und das hat mir den Wiedereinstieg natürlich sehr leicht gemacht. Aber ich bin mir dessen bewusst und deswegen unterstütze ich das gerne. Und auch da, ich habe Frau Hänsel ja auch vor ein paar Tagen gesehen, also gemeinsam mit der Pellico in Berlin. Und ich habe ihnen erzählt, dass ich jetzt nicht mehr übersetzen werde, weil ich die Leitung des EUK Strahlen übernehme, dass ich aber sehr, sehr gerne Empfehlungen ausspreche. Und was mir aber links auffällt, ist, dass das Auftragsvolumen sinkt.
Vera
00:42:27
Das wäre meine nächste Frage gewesen.
Patricia
00:42:30
Genau, und eigentlich sollte euch das freuen, liebe Vera, liebe Tamara, Okay. Ich habe, nein, es ist nicht...
Tamara
00:42:39
Jetzt bin ich gespannt.
Vera
00:42:40
Ja, ich auch.
Patricia
00:42:42
Nicht Schadenfreude, versteht mich bitte nicht falsch. Aber ich habe ja 1996 bei Rowold angefangen, im Lektorat der Allgemeinreihe im Taschenbuch, also wo wir eben auch sehr viel schöne Genre-Literatur gemacht haben. Weil das Problem ist ja in Deutschland ist tatsächlich, du bist ein bisschen eingekastet. Also du machst einfach wieder Literatur oder Unterhaltung, du machst einfach wieder Belletistik oder Sachbuch, so. Aber du fängst eigentlich klassisch in der Unterhaltungsliteratur an, was ich finde eine sehr gute Schule ist. Und, Es gab damals, also es gab die freche Frau, ich weiß nicht, ob ihr euch noch daran erinnert, an das Phänomen freche Frau. Also das heißt, es fing an, dass deutschsprachige Unterhaltungsliteratur nicht mal als Kassengift galt. Aber man hat wirklich lange Zeit, egal ob historischer Roman, Kriminalroman, Thriller, Romanze, hat man ja alles gerne im angesächsischen Raum gekauft. Und die Romanzen natürlich auch gerne in Frankreich und auch die Krimis gerne in Frankreich. Und das hat sich doch in den letzten 30 Jahren verschoben zugunsten deutschsprachiger Autoren und Autorinnen. Und das hat für euch eine schöne Entwicklung und die möchte ich euch auch gar nicht wegnehmen, aber das ist tatsächlich ein Phänomen, das dazu beiträgt, dass das Auftragsvolumen sinkt, weil Versetzungen ja immer teurer sind. Weil du bezahlst sozusagen für den Originaltext, aber du musst eben auch diese Übersetzung bezahlen. Und auch wenn wir nicht besonders gut verdienen, ist es doch immer ein Posten. Und das Problem ist auch, je umfangreicher der Text, desto teurer die Produktionskosten. Und jetzt, wo das Papier irgendwie ein Vermögen kostet. Und das ist auch ein bisschen eine Konsequenz eines Verdrängungswettbewerbs. Also die Verlage haben das natürlich selbst zu verantworten. Das ist natürlich Konzernverlagspolitik. Je mehr Platz ich auf dem Markt einnehme mit einer Überproduktion, desto weniger Platz bleibt für die Konkurrenz. Aber das geht zu Lasten aller langfristig. Und das ist das, was wir beobachten.
Vera
00:44:55
Generell ist ja die Anzahl der gerade von Verlagen für öffentlichen Büchern gesunken. Dafür steigt die Frequenz. Die müssen mehr Bücher rausbringen, um an ihre Umsätze noch zu kommen, weil die Zahl der Käufer sinkt. Da ziehst du eins nach dem anderen. Du hast gerade das Thema Bezahlung angesprochen. Ist es denn so bei Übersetzer und Übersetzerinnen so, dass es da so einen Mustervertrag gibt zu den üblichen 10% vom Nettoerlös? Was bekommen denn Übersetzer? Gibt es da so einen Standard?
Tamara
00:45:26
Jetzt darf ich nichts falsch sagen, aber ich glaube, Patricia hat an diesem Mustervertrag sogar mitgearbeitet, oder?
Patricia
00:45:32
An der aktualisierten Fassung. An der aktualisierten Fassung.
Vera
00:45:35
Dann fragen wir ja die Richtige.
Patricia
00:45:37
Nein, es ist tatsächlich, also es gibt einen Unterschied, denn als Autorinnen seid ihr Künstlerinnen, ihr erteilt euch die Aufträge selbst in der Regel, also Auftragswerke, aber eher im Sachbuch als in der Belletristik meistens. Wohingegen wir sind Künstler im Auftrag, um Henrich Schmidt-Henkel zu zitieren. Das heißt, unser Honorar ist zweigeteilt. Wir bekommen für die Dienstleistung übersetzt zu uns dieses Manuskript bis XY bekommen wir eben das Seitenhonorar. Und wenn das Buch erscheint, dann werden wir an der Verwertung beteiligt, weil wir sind natürlich die Urheberin der deutschen Fassung. Aber für diese Beteiligung und das heißt, wir bekommen, es ist anders als bei euch, ihr bekommt eben hoffentlich 10, 11, 12 Prozent. Ich hoffe, ihr verhandelt gute Staffeln und so. Weil das ist das, früher habe ich meine Autoren beraten, deswegen ist es nicht drauf geblieben. Aber bei uns ist es so, also es gibt erstmal dieses Seitenhonorar, damit ist die Übersetzung als Dienstleistung abgegolten. Aber die Tatsache, dass wir eine Beteiligung erhalten an Erlös, also an jedem Verkaufsatz, dafür mussten wir wirklich kämpfen, beziehungsweise haben einige mutige Kolleginnen gekämpft und sind vor Gericht gezogen und haben Recht bekommen. Und das, was der BGH uns als Mindestbeteiligung zugesprochen hat, ist, 0,8 Prozent bei Hardcover, 0,8 Prozent ab 5.000 verkauften Exemplaren. Das heißt, BGH hat gesehen, dass die Verlage erstmal lange in Vorleistung gehen. Also das finde ich auch nicht schockierend. Da habe ich mich, als ich noch ganz frisch aus dem Verlag war, habe ich mich auch manchmal ein bisschen gestritten mit Menschen, die irgendwie nie im Verlag gesessen haben. Das heißt, es ist schon so. Egal ob groß oder knapp, der Verlag muss erstmal irgendwie den Drucker bezahlen, den Setzer bezahlen, Overhead-Kosten, you name it. Und das fand ich gar nicht unvernünftig, dass der BGH sagt, also wir beziehen eine 5000er-Schwelle ein. Und das ist auch ganz gut kalkuliert. Also ab 5000 müsste sich doch das Gro amortisiert haben, darum kosten. Und deswegen, also diese 0,8% ab 5000 für Hardcover, 0,4% ab 5000 für Taschenbuch, das ist natürlich bitter, weil die Arbeit ja die gleiche ist. Aber da haben mehrere Vorstände des VDÜ sich die Zungen wundgesprochen. Da ist nichts zu machen und das hat natürlich was mit den Gewinnmargen zu tun. Aber unser Problem ist, wir wären ja schon froh, wir wären ja schon froh, wenn alle Verlage einfach anstandslos, ohne zu murren, ohne Sperenzchen, diese Mindestbeteiligung, die ja nicht gerade üppig ist, einfach sich daran halten würden. Aber das ist nicht der Fall. Gerade der größte Auftraggeber, Penguin Random House, da bekommst du eben 0,6 ab 8.000 verkauft. Das ist eine ganz schöne Minderung und dafür gibt es dann irgendwie scharsträubende Begründe.
Vera
00:48:44
Ja, wenn man bedenkt, dass man teilweise mit 1500, 2000 verkauften Büchern schon in der Bestsellerliste bei Sachbüchern sein kann und dann kriegt die Übersetzer oder Übersetzerin noch nichts. Das ist natürlich dann schon...
Patricia
00:48:56
Nee, aber das ist tatsächlich, also das bei 15.000, 20.000 verkauften, also selbst bei den kreativen Sperenzchen von Penguin Random House, da kommt was bei rum.
Vera
00:49:07
Nein, ich meine 1500, 2000.
Patricia
00:49:09
Ja, 1500, nee, du hast recht. Und deswegen bringt uns die Beteiligung nicht wirklich weiter. Verzeihung, ja, stimmt.
Vera
00:49:15
Darf ich denn nachfragen, in welcher Größe noch du liegst, denn so ein Seitenpreis, den die Übersetzerin bekommt?
Patricia
00:49:21
Also die Spanne ist groß und klein zugleich. Also sagen wir mal, eine seriöse Spanne für Hardcover ist klein, 20 bis 25 Euro. Pro Normseitenhonorar und wer aus dem chinesischen oder arabischen oder einer dieser Sprachen übersetzt, die sehr, sehr weit weg sind vom Deutschen, bekommt vielleicht 30 Euro oder 32 Euro. Aber das sind die Ausnahmen und auch dafür muss sehr, sehr hart gekämpft werden. Und ich sehe es ja schon bei Ungarisch, also das ist die Sprache meines Vaters und ich spreche es nicht richtig, aber ich weiß, wie die Sprache funktioniert. Da sehe ich das ja schon, das ist ein doppeltes und dreifaches Übersetzen, schon bei Ungarisch, weil einfach der Satzbau so anders ist, als bei, da denkst du plötzlich, ach, Englisch, Französisch, Deutsch, die sind sich so nah.
Vera
00:50:13
Aber Ungarisch ist wie Finnisch, habe ich gelernt, oder?
Patricia
00:50:17
Die sind eine Sprachfamilie, eine Sprachfamilie und eben mit einer doch sehr, sehr, ja genau, die Syntax, da haben wir wieder eine ganz andere Art, den Satz zu bauen und ich unterhalte mich wahnsinnig gern mit Kolleginnen, die aus dem Chinesischen oder Japanischen oder ananasiatische Sprachen übersetzen, weil, das ist für mich ein Mysterium. Ihr müsst euch vorstellen, im Chinesischen gibt es keine Tempora. Und auch die Beziehungen der Satzglieder, die ergänzt du im Kopf. Und das heißt, dann musst du, bis es im Deutschen angekommen ist, den Satz noch drei, vier Mal häufiger kneten, als ich bei Französisch oder Englisch. Also das sind so, das sind so. Aber genau, aber das ist jetzt die Seriöse. Und es gibt einen unseriösen Verlag, ich kann es nicht anders sagen, oder Verlagsgruppe, das ist Basta Löwe, da hörst du auch schon mal acht oder zehn oder zwölf Euro-Pronomenseite. Und es ist auch keine große Überraschung, dass sie angekündigt haben, dass sie bestimmte Genre-Literatur offenbar mit einer KI übersetzen lassen wollen. Und ich finde das eine solche Frechheit. Ich meine, ich komme ja, also ich habe ja bei Rowold, als ich junge Lektorin war, war ich ja im Unterhaltungsbereich und es gibt da so großartige Autoren, Autoren, die so liebevoll, weißt du, so den Plot bauen, die Figuren charakterisieren, die Dialoge sind ein Fest, ja. Und da kannst du doch nicht sagen, das ist nicht Prust, also nehmen wir die KI, das ist doch haarsträubend.
Tamara
00:51:46
Das zieht ja auch so viel nach sich. Also ich beobachte ganz viele Redewendungen oder Arten, sich auszudrücken, die eigentlich nicht deutsch sind, sondern wo man merkt, das ist einfach durch eine schnelle, saloppe Übersetzung, gerade bei Filmen oder so. Also ganz grausam finde ich ja dieses, ich erinnere das nicht, was man jetzt immer öfter hört. Und das heißt eigentlich, die Art, wie so Sachen übersetzt werden, ja, verändern dann auch nachhaltig die Sprache.
Patricia
00:52:17
Ja, das stimmt. Also so kommen eben auch syntaktische Anglizismen ins Deutsche. Wobei ich bin nicht so eine Puristin, wenn das bewusst gemacht wird, also weißt du, ich möchte nur, dass der Mensch, der diese Wendung verwendet, weiß, warum und woher. Das möchte ich gerne. Aber für mich ist es genau dieses Niemandsland zwischen den Sprachen. Und wenn man an der Übersetzung nicht genug Zeit gibt, Und wenn man sie nicht irgendwie doch sehr bewusst auch überarbeitet, dann passiert genau das. Sie steckt irgendwo zwischen den Sprachen. Ich persönlich finde das sehr unbefriedigend. Was mir gefällt, ist, wenn eine Lyrikerin wie Dagmar Kraus diese Zwischenräume nutzt, aber kreativ. Das heißt, eine Lyrikerin wie Dagmar Kraus, wenn sie zwischen polnisch, deutsch und französisch und dieses Niemandsland zum Blühen bringt, dann ist das ja eine bewusste künstlerische Entscheidung und nicht ein, ich war zu faul, den Text richtig ins Deutsche zu transportieren.
Vera
00:53:24
Also ich bewundere speziell jetzt auch nach meinen Französischerlebnissen jeden, der das so hinkriegt und das in mehreren Sprachen kann. Das ist absolute Hochachtung. Da bin ich immer völlig baff, dass man das so kann. Ich habe mal einen Chorkollegen gehabt, der war oder ist immer noch Simultanübersetzer für Französisch. Das ist ja die hohe Kunst des Übersetzens, glaube ich. Ja, also super, das Talent habe ich definitiv nicht.
Patricia
00:53:54
Ja, aber du hast ein Schreibtalent. Und siehst du, das ist etwas, was ich, also ich bin sehr glücklich, dass es das Übersetzen gibt, weil ich sehr gerne mit Sprache arbeite. Aber ich bin keine eigenständige Erzählerin. Das bin ich nicht. Also deswegen bin ich sehr für Arbeitsteilung.
Vera
00:54:11
Ja, sehr schön. Das passt super. Vielleicht jetzt so zum Ende hin nochmal eine Frage. Ich weiß gar nicht, ob du in dem Metier überhaupt was damit schon zu tun hattest. Tamara und ich, wir sind ja mehr im Self-Publishing zu Hause. Das mit den Verlagen ist mehr so am Rande. Bist du jetzt aus deiner sehr professionellen Übersetzungssicht überhaupt mit Self-Publishing schon mal in Berührung gekommen?
Patricia
00:54:35
Ja, also nicht als Übersetzerin selbst, aber manchmal gebe ich ja Kurse an der Uni, also darf ich ein bisschen Nachwuchsbildung betreiben. Und ich hatte letztes Jahr im Februar das Vergnügen an der Heinrich-Hein-Universität in Düsseldorf, diese sogenannte Strahlenpraktikum, also ein berufspraktisches Seminar. Und da hatte ich zwölf reizende Studierende mit einer irren Bandbreite. Also ich hatte einen älteren evangelischen Pfarrer im Ruhestand, der einen der Black Mountain College Dichter ins Deutsche gebracht hat. Und ich hatte eine junge Frau, die eine queere Romantizy, Einer Self-Publisherin. Das war die Bandbreite in diesem Seminar. Und ich mochte beide Projekte sehr gern. Und dann habe ich tatsächlich, weil ich so gar keine Ahnung hatte, habe ich dann im Übersetzerforum die Fragen meiner Studentin gepostet. Also so von wegen, weil das läuft ja ein bisschen anders. Also da gibt es, also was gern gemacht wird, ist, ich kann dir keinen Normseitenhonorat zahlen, aber du bekommst eine gute Beteiligung ab dem ersten Exemplar. Davon raten wir ab. Also wir sagen, please, das geht gar nicht ohne Seitenhonorar. Du kannst aber beim Seitenhonorar der Autorin und Self-Fablerischerin entgegenkommen und sagen, okay, wenn du mich so gut beteiligst ab dem ersten Exemplar, dann komme ich dir beim Seitenpreis ein bisschen entgegen. Aber das war für mich sehr interessant, weil wir haben ja in den letzten Jahren, und wäre ich noch Verlagslektorin, würde ich ja genau diesem Phänomen nachjagen. Du hast ja nicht selten das Phänomen Nele Neuhaus zum Beispiel. Wie war das? Sie hat als Self-Holischerin begonnen und dann hat doch ihr Metzgerehemann im Metzgerlieferwagen die Erfolge transportiert. Ich liebe das. Ich liebe diese Geschichte. Aber wie das Leben so spielt, also irgendwann ist Ulstein auf sie aufmerksam geworden und so. Und das passiert gar nicht so selten. Oder diese Fanfiction-Geschichte. Das hast du ja auch sehr häufig. Das sind bei den Übersetzungen. Dass dann plötzlich sowas aus einer Fanfiction herausgeboren ist, dann plötzlich weltweit viral geht und dann machen auch die Verlage, die sind dann auch sehr eppig darauf. Und das sind meine Erfahrungswerte. Und ich hatte das Gefühl, Und gestern habe ich eine Freundin gesehen, die ein Sachbuch publiziert hat. Und sie sagte mir, also der Verlag, naja, der macht jetzt nichts im Veranstaltungsbereich. Und da habe ich gesagt, ja, sollte er aber, das ist sein Job. Und dann habe ich ihr gesagt, weißt du, Moni, wenn der Verlag nichts tut, dann werden die Autoren ihn irgendwann nicht mehr brauchen, weil das ist die letzte Rechtfertigung für Verlage ist, dass sie den Autoren, Autorinnen die Arbeit abnehmen. Aber in dem Moment, in dem ich meine eigene Veranstaltung akquirieren muss, in dem Moment, in dem ich meine eigene Pressearbeit machen muss, ist die Frage gerechtfertigt. Verlag, was machst du eigentlich?
Vera
00:57:36
Ja, sind wir voll bei dir, liebe Patrizia. Das ist das Thema. Ich finde, dass man auch wirklich, dass die Autoren, Autorinnen auch wirklich, wenn sie einen Verlagsvertrag davor sich haben, mal genau schauen, was macht der Verlag eigentlich. Das kann sich ja jeder Dummbatz Verlag nennen.
Patricia
00:57:53
Ja, siehst du, und das ist, wenn ich gelegentlich, wenn ich gefragt werde, guckst du dir mal meinen Autorenvertrag an, dann sage ich genauso etwas, dann sage ich, okay, wenn sie dir beim Vorschuss nicht entgegenkommen, dann verhandle aber, dass sie dich irgendwie zum Werbeschwerpunkt machen. Also das sind genauso Geschichten, das waren so ein bisschen dieses Hin und Her. Und wenn mehrere Verlage um dich buhlen, dann ist das wirklich, dann ist das der, also das ist das.
Vera
00:58:21
Das ist der Jackpot, ja.
Patricia
00:58:22
Ganz genau. Und dann sagst du genau das. Ihr bekommt den Zuschlag nicht nur, wer mir den besten Vorschuss gewährt, sondern wer mir die beste Pressekampagne präsentiert.
Vera
00:58:32
Genau, und wer mich in die NDR Talkshow bringt. Um das doch mal gesagt zu haben.
Tamara
00:58:44
Ich würde ganz gern zum Schluss noch mal ein paar Fäden aufnehmen und noch mal zum Ursprungsthema zurückführen. Ihr habt ja beide vorhin gesagt, und mir geht es da ja eigentlich nicht anders, dass ihr ursprünglich, als das ganze Thema um Giselle Pelicot aufkam, ihr es gar nicht so genau wissen wolltet, die Details und so weiter. Und jetzt ist da dieses Buch, was eben auf eine sehr sensible Art und Weise alles nochmal genauer beleuchtet. Und ja, eben der anstehende Internationale Frauentag auch. Und ich glaube, das Ding ist ja, natürlich laufen um uns herum nicht überall nur Täter rum, Aber es fängt ja mit dem Nicht-Hinschauen oder mit dem Nicht-Drüber-Reden, fängt es ja letzten Endes an. Und da sind wir dann auch direkt bei dem Punkt, dass eben Kunst auch ein wichtiges Instrument ist, einfach um politische Dinge zu verändern. Und da wäre so meine abschließende Frage an dich, Patricia. Welchen Blick hast du da drauf und was würdest du dir von so einem Buch, von diesem Buch speziell, aber eben auch von ähnlichen Werken einfach wünschen können?
Patricia
00:59:56
Also was mich beeindruckt hat, ist, dass die Originalausgabe und auch die Arbeit von Caroline Darion in Frankreich ja zu einer Verschärfung im Strafrecht geführt haben. Dieses Nein heißt Nein, es muss explizite Zustimmung, ist jetzt einfach Voraussetzung. Also das ist ein ganz wichtiger Aspekt. Ein ganz wichtiger Aspekt ist auch Aufklärungskampagnen, auch bei Medizinern und beim Pflegepersonal, diese K.O.-Tropfen und ähnliche Methoden, einfach um Frauen gefügig zu machen, ohne ihr Wissen. Weil das Problem ist ja, dass sie sich, also es dauert nicht lange, bis man sie ja nicht mehr im Blut nachweisen kann. Und also was ich wirklich möchte, weil dieses Problem ist weltweit, das ist für Frauen, die den Mut haben, solche Gewalttaten zur Anzeige zu bringen, weil ja doch, und das finde ich erschütternd, immer mit demselben Szenario. Verharmlosung, Nichtglaube, Was hatte sie denn an? Wichtiges zu tun, was auch immer. Und Giselle Pellicot hat in Frankreich auf jeden Fall zu einer massiven Sensibilisierung geführt. Und das würde ich mir wünschen, dass jede einzelne Übersetzung dieses Buches in jedem einzelnen Land, in dem dieses Buch erscheint, dazu führt, dass sowohl im medizinischen Bereich als auch bei der Justiz, bei der Strafefolgung, bei allen Behörden, bei der Polizei, dass es da ein Umdenken gibt und dass auch die Anregungen entstehen, die kluge Frauen geben, also nämlich, bei der Polizei das Personal zu schulen, ja, wie vernehme ich denn eine solche Zeugin, ja, wie gehe ich mit ihr um und auch dieser Zeitfaktor, also, dass die Dringlichkeit einem sehr viel bewusster wird und das, was Issa Pellicot ja im Buch schildert, was so erschütternd ist, dass die Ärzte ja nicht gesehen haben, was da gelaufen ist. Und auch da bedarf es eben einer Sensibilisierung, weil es, wenn eine Frau irgendwie sagt, ich kann mich an nichts erinnern und ich nehme aber habituell keine Drogen und ich trinke mich auch nicht ins Koma, dass man da also da sehr, sehr viel gezielter geht. Also nehmt die Frauen ernst, begegnet diesen Frauen mit Respekt, sie verdienen ihn und lasst sie nicht allein. Und die Täter dürfen sich wirklich nicht länger in Sicherheit wehren.
Vera
01:02:32
Ja, absolut. Jetzt muss ich mal tief durchatmen, liebe Patricia. Und mir fällt es jetzt fast schwer, den Übergang zu Tamaras total kritischen Buchfragen zu machen, weil nach dem Thema sind die Fragen pille Palle eigentlich. Aber sie sind trotzdem schön. Also von daher hinein ist es geschehen.
Tamara
01:02:52
Ja, vor allem ist das jetzt eine Premiere, weil wir entschieden haben, nach der Folge 300 unsere Buchbubble-Fragen zu ändern. Und du darfst jetzt als allererste unsere neuen drei Buchbubble-Fragen beantworten.
Patricia
01:03:05
Das wäre eine Ehre.
Tamara
01:03:07
Und die erste Frage lautet, welches Buch hat dich zuletzt im positiven Sinne total überrascht?
Patricia
01:03:14
Ich wünschte, ich könnte darauf wie aus der Pistole geschossen antworten, Tabara, und ich hoffe, du bist nicht enttäuscht, wenn ich dir darauf die Antwort schuldig bleibe, weil das Problem ist. Ich habe so wenig Zeit für die private Lektüre, dass ich immer die sichere Bank ansteuere. Also in dem Sinne, weil ich einmal zu oft an der Kritik geglaubt habe, kaufe ich auch kein Buch ohne die Leseprobe. vorher intensiv studiert zu haben. Und das heißt, leider, leider, leider, also ich habe viele verschiedene schöne Leserfahrungen gemacht, aber ich kann leider nicht diese Frage nicht beantworten. Es tut mir wahnsinnig leid, ich wünschte, ich könnte.
Vera
01:03:59
Auch das ist eine Aussage, die kann ich sehr gut verstehen. Mir fällt das auch manchmal, wenn ich so im Projekt bin, total schwer, mich jetzt auf ein Buch einzulassen.
Tamara
01:04:07
Dann huschen wir zur nächsten Frage und die lautet, was hast du denn in deinem Buch-Welt-Leben aus deinem größten Fehler gelernt?
Patricia
01:04:19
Also ich bin nicht stolz auf diese Geschichte, aber ich erzähle sie sehr gern. Mein größter, größter Fehler in meiner Laufbahn als Übersetzerin war bei einer Übersetzung, das war eine Biografie und es ändert nichts daran, dass die Biografie an sich toll ist, aber sie war voller, voller Fehler und das hat wieder was damit zu tun, dass in Frankreich nicht mal jemand Korrektur gelesen hatte. Aber es waren so viele Fehler, inhaltliche Art. Also Chronologien stimmten nicht, Zitate stimmten nicht. Manche Zitate waren nicht kenntlich gewagt. Da drohte der Plagiatsvorwurf, weil die Quelle Deutsch war, eines zeitgenössischen Autors, der damals noch lebte. So Sachen. Und ich war gar nicht mehr so jung. Also ich muss ja irgendwie so 40 oder Mitte 40 gewesen sein. Aber ich habe mich nicht getraut, der Autorin zu sagen, was ich mache. Weil es waren einfach zu viele Korrekturen und ich dachte, das ist irgendwie, also es war mir unangenehm, sie mit dieser Schlamperei zu konfrontieren. Ich kann es nicht anders sagen, es soll keine rechtfertigen, nur dass ihr versteht, warum ich dann mache.
Vera
01:05:26
Das kann ich aber verstehen, ja, ja.
Patricia
01:05:28
Ich habe stillschweigen korrigiert, ich habe meiner Lektorin, ein guter deutscher Verlag, gesagt, aber ich hatte das relativ pauschal gesagt. Also meine Lektorin wusste, Patricia korrigiert stillschweigen, falsche Jahreszahlen und so. Aber sie ahnte das Ausmaß nicht, weil ich musste auch schon manchmal Passagen umstellen oder stilistisch ein bisschen eingreifen. Also es ging ein bisschen über das Korrektorat. Und die Autorin dieser Biografie, das war eine der beiden Autorinnen, die meinten, sie könnten Deutsch.
Vera
01:06:00
Okay.
Patricia
01:06:02
Diese kolossale Selbstüberschätzung hatte ja überhaupt erst dazu geführt, weil es war die Biografie von Helen Hessel. Das heißt, diese französische Autorin, im Hauptberuf Mathematiklehrerin im französischen Gymnasium, also im Pariser Gymnasium, dachte, ihr Deutsch ist gut genug und deswegen sind ja viele Fehler entstanden, also weil es einfach viele Quellen falsch verstanden hat. Und auf jeden Fall kam, also es ist mal ein Manuskript kam, das war im Übersetzungsvertrag stand drin, Genehmigungsverbehalt der Autorin, das habe ich nicht mal gewusst. Im Lizenzvertrag stand das, nicht im Übersetzungsvertrag, im Lizenzvertrag. Auf jeden Fall, Marie-François Beteuil sieht meine Übersetzung und vergleicht mit dem Original. Und dann hat sie sich beim Verleger beschwert und sie schrieb sowas wie, wo ist mein Text?
Tamara
01:06:47
Ui.
Patricia
01:06:49
Und dann hat Herr Schöffling bereits nämlich gebeten, eine Stellung zu nehmen. Das habe ich dann gemacht. Ich habe geschildert, warum ich wie was getan habe. Und ich habe auch gesagt, es war ein Riesenfehler, an mich besser zu kommunizieren. Und dann sagte Marie-François Pétoy, sie erteilt ihre Genehmigung nur, wenn der Text wieder so hergestellt wird, dass er ihrem Original entspricht. Dann war mein großes Glück, dass Klaus Schöffling gesagt hat, liebe Frau Pettöy, der Text erscheint so, wie Frau Kloboschitzky ihn verfasst hat und er erscheint nicht. Und dann ging das Baby in Druck. Aber ich habe echt wirklich, wirklich Glück gehabt. Sowohl meine Lektorin Sabine Baumann als auch der Verleger Klaus Schöffling, die hätten mir auch den Kopf abreißen dürfen. Und ich erzähle dir diese Geschichte vor allem sehr gerne jungen Übersetzerinnen zu sagen. Es ist fantastisch, wenn ihr die Fehler aufdeckt. Es ist auch fantastisch, wenn ihr diese Fehler korrigieren wollt. Aber bitte, bitte, bitte redet offen erstmal mit eurem deutschen Verlag und dann werden sie entscheiden.
Vera
01:07:56
Ja, interessante Geschichte.
Tamara
01:07:58
Ja, ich glaube, das ist oft so dieses aus Freundlichkeit, aus Höflichkeit, hält mal was zurück. Aber eigentlich ist es ganz sinnvoll, auch darauf hinzuweisen.
Vera
01:08:06
Jetzt weißt du mal, warum ich immer direkt bin.
Tamara
01:08:08
Ja, liebe Bilder.
Patricia
01:08:11
Kommunikation, faire, transparente Kommunikation, das ist einfach, es gibt nichts Besseres.
Tamara
01:08:17
Und unsere dritte Buchbubble-Frage. Welcher Satz sollte deines Erachtens über dem Schreibtisch aller AutorInnen stehen?
Patricia
01:08:26
Vertraut bitte auf die Fantasie und Intelligenz eurer Leser und Leserinnen. Lasst ihnen Raum. Lasst ihnen Raum für die Fantasie. Lasst ihnen Raum, dass sie selbst interpretieren, deuten, weiterdenken, weiterträumen können.
Tamara
01:08:44
Sehr schön, das gefällt mir.
Vera
01:08:46
Gefällt mir auch sehr. Liebe Patricia, du hast uns auf jeden Fall jede Menge Raum jetzt gegeben, dass wir über das Thema des Buches nachdenken können, dass wir viel übersetzen gelernt haben. Vielen, vielen Dank, dass du dir die Zeit heute genommen hast. Und ja, an euch da draußen, ich bin sicher, dass euch das jetzt hier genauso bewegt hat, wie es uns bewegt hat. und ja, lest vielleicht mal in das Buch rein, wenn ihr euch traut. So schlimm ist es ja nicht, ist ja eine Hymne ans Leben und erzählt uns gerne, was ihr dabei so für euch mitgenommen habt und ansonsten freuen wir uns dann darauf, nächste Woche wieder für euch da zu sein. Folgt uns, wo immer ihr könnt und bleibt uns gewogen bis nächste Woche.
Tamara
01:09:35
Lieben Dank, Patricia.
Patricia
01:09:36
Ich möchte mich auch bitte bei euch beiden bedanken. Es war ein sehr, sehr schönes Gespräch. Es hat mir sehr viel Freude gemacht und ich hoffe, wir können das irgendwie auch mal in einer Kneipe fortsetzen.
Tamara
01:09:46
Sehr, sehr gerne.
Vera
01:09:48
Das machen wir sehr gerne. Also, bis dann. Tschüss.
Patricia
01:09:51
Danke.